Die schönste Liebesgeschichte

Buchbeitrag
Nachwort zu Simenons "Marie vom Hafen". Und eine Erinnerung an meinen Freund Jakob Arjouni.


Ich las Die Marie vom Hafen zum ersten Mal, nachdem mir Jakob Arjouni nachts um eins am Telefon von der Geschichte vorgeschwärmt hatte, fast schluchzend, so bewegt war er. Jakob, der unvergessliche Autor von fünf Kayankaya-Krimis und den vielleicht messerschärfsten Romanen aus dem Deutschland seiner Zeit, bewunderte Simenon sowieso. Aber Die Marie vom Hafen bedeutete ihm noch ein bisschen mehr.
Jakob war mein bester Freund. Weil wir in verschiedenen Städten wohnten, hatten wir es uns zur Angewohnheit gemacht, nachts zu telefonieren. Ich kann immer noch hören, wie er den Aschenbecher ans Telefon rückte, das Glas, das in der Nähe stand, füllte und dann über Gott und die Welt sprechen wollte, über Fußball, die Liebe und Bücher, hing ja alles irgendwie zusammen. 
Nur manchmal, wenn etwas ganz Außerordentliches passiert war, kam er sofort zur Sache. Zum Beispiel, als The Melody At Night With You herauskam, das vielleicht schönste Album von Keith Jarrett, auf dem die krankheitsbedingte Antivirtuosität, mit der Jarrett eine Reihe von Jazzstandards aufgenommen hatte, in eine fast religiöse Innigkeit umschlägt. 
Scheinbar kunstlose Intensität traf Jakob mitten ins Herz. Vielleicht brachte sie auch genau das zum Klingen, was ihm in der eigenen Arbeit am wichtigsten war, diese vermeintliche Schlichtheit, die sich als Essenz, als wesentlich erweist.
Ein anderes Mal hatte er Burt gelesen, die erschütternde Coming-of-Age-Geschichte von Howard Buten. Jakob war aufgeregt, durcheinander. Beim Telefonieren wollte er herausfinden, was genau es war, das ihn so aus der Fassung gebracht hatte. Jakob bewunderte die Kunst von Kollegen am meisten, wenn sie ihn in die Selbstvergessenheit entführte und die Grenzen von Fiktion und Emotion auflöste - wobei er selbst sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als so technisch über Literatur zu sprechen.
So war es dann auch bei Der Marie vom Hafen. 
„Ich schwöre", sagte Jakob. „Eine der schönsten Liebesgeschichten, die du je lesen wirst."
Das sah ihm gar nicht ähnlich, denn er neigte nicht zu Schwüren und machte um Liebesgeschichten eher einen Bogen. Aber Die Marie vom Hafen nahm mit ihrem unverschämten Vexierspiel zuerst Jakob gefangen, und dann auch mich.

Die Marie vom Hafen ist einer der wenigen Romane Simenons, für die er selbst eine Art Gebrauchsanweisung verfasst hat. Als das Buch 1938 erschien, legte er in einem kurzen Nachwort den literarischen Fernpunkt der Marie vom Hafen offen. Sein Ziel sei es, schrieb Simenon, „der menschlichen Wahrheit nachzuspüren, und zwar jenseits aller Psychologie, die ja nichts weiter ist als die offizielle Version der Wahrheit". Damit wolle er die „Wiedervereinigung der geistigen und der sinnlichen Sphäre" erreichen, bei diesem Buch habe er sich diesem Ziel zum ersten Mal „geringfügig angenähert".
Natürlich ist das schamhaft untertrieben, allerdings bot Simenon auch nicht irgendwelche Vergleichsgrößen auf, um die Dimension seiner künstlerischen Wahrheitssuche abzustecken, sondern Rembrandt, Bach und Cézanne. Und auch wenn Simenon selbst betont, mit Die Marie vom Hafen einen neuen, hehren Abschnitt seines Schaffens zu eröffnen, so ist es doch gerade die überzeugende Lakonie, mit der er seine Figuren beschreibt, die den ungewöhnlichen Sog dieser Liebesgeschichte erzeugt, einer Liebesgeschichte, der vor allem das fehlt, was herkömmliche Liebesgeschichten weich spült: die romantische Note; der Duft nach Rosen. Stattdessen weht ein herber Wind vom Meer herein und streut Salz in offene Wunden.

Allein das Personal.
Die Marie. Spröde, introvertiert, cool.
Chatelard. Großspurig, jähzornig, erschüttert.
Odile. Bequem, naiv, schicksalsergeben.
Marcel. Allein, blind, unterworfen.
Viau. Grob, okay und lächerlich.

Natürlich irritierte mich, als ich Die Marie vom Hafen zu lesen begann, dass mir Jakob eine „Liebesgeschichte", noch dazu eine der schönsten, angekündigt hatte. Denn schön - wenn man meint: gefällig, zugänglich, warm - ist an dieser Geschichte wenig, und damit meine ich gar nicht, dass wir gleich am Anfang, an einem grauen Tag, der Beerdigung von Jules, Maries Vater, beiwohnen müssen. Umso beklemmender, wie beiläufig und sachlich von den Verwandten das Schicksal der Waisenkinder verhandelt wird, und auch die Marie tritt kühl und abweisend in die Geschichte, verrichtet mit Geschick die nötigen Handgriffe, aber vergießt über den Tod ihres Vaters keine Träne. Es dauert ein bisschen, bis wir uns in sie hineinversetzen können und erspüren, dass ihr erst dieser Tod die Tür zur Unabhängigkeit öffnet, zur Möglichkeit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sie selbst zu werden, eine Marie, die niemand wirklich versteht außer sie selbst.
Als dann Chatelard in Port-en-Bessin ankommt, dieser anmaßende Geck aus Cherbourg, von sich und seinem Status viel zu überzeugt, lässt sich genauso wenig absehen, zu welchen Verwandlungen er gezwungen werden wird, nur um irgendwann dort anzukommen, wo er längst noch nicht weiß, dass er hin will. Simenon mutet ihm Verwirrung und Leerlauf zu, kleine und große Demütigungen, und bis zum Schluss blieb für mich beim Lesen offen, wo zwischen all diesen dunklen Umrissen und scharfen Kanten denn endlich die Liebesgeschichte auftauchen soll - wird die Marie, wie es mir am Anfang plausibel schien, sich für ihren alten Verehrer Marcel entscheiden, auf Augenhöhe, von großem Kind zu großem Kind? Oder bekommt doch der doppelt so alte Chatelard seine Chance, nachdem er sich vor aller Augen immer wieder zum Trottel gemacht hat und der schlagfertigen und strategisch handelnden Marie, der er konfus nachstellt, nie gewachsen ist?
Natürlich blieb ich zuerst, wie immer bei Simenon, an den beklemmenden Details der Rahmenhandlung hängen. Niemand beherrscht das beiläufige Spiel mit Melancholie und Grausamkeit besser als er. Wenige knappe Sätze, und Biographien knicken oder Schicksale gehen in Flammen auf.
Als zum Beispiel Viaus Schiff zwangsversteigert wird, bricht der unglückliche Viau am Pier in Tränen aus, obwohl sich ein Mann in Port-en-Bessin eher am Dachboden aufhängt, als vor aller Augen Schwäche zu zeigen. Simenon wusste das genau, er lebte während der Arbeit am Roman am Schauplatz der Geschichte, in „Port", weil er das Gesellschaftsleben in Paris satt hatte und lieber mit den Fischern Schnaps und Cidre trank.
Aber als Viau weint, weinen wir mit. Wir frieren auch mit Marcel, der in der Kälte auf Marie wartet, nur um trostlos und grausam von ihr abgefertigt zu werden. Wir spüren die Ohrfeigen, die Marcel einsteckt, als er sich, mutiger als er eigentlich ist, zuerst mit dem Vater und dann mit Chatelard anlegt, und uns steigt das Blut der Scham in die Wangen, als Chatelard seine Freundin Odile beim mitleidigen Vögeln mit Marcel überrascht.
Aber nichts ist stärker als die Liebesgeschichte selbst, die gut getarnt in den Momenten der Selbstbefragung auftritt, wenn Chatelard das verdammte Gefühl ergründen will, das ihn durchströmt, wenn ihn die Marie schon wieder mit abgeschnittenen Hosen dastehen ließ: „Was hatte sie an sich, was andere nicht hatten? Sie war mager, kaum geformt, ihren Busen konnte man unter der zu engen Bluse höchstens erahnen. Sie hatte ein langes, farbloses Gesicht, ihre Augen waren längst nicht so groß wie die ihrer Schwester und ihr Mund war schmal, immer schmollend oder traurig, oder verächtlich, man wusste es nicht recht.."
Die Tiefe, die Unergründlichkeit und die Ironie der Liebesgeschichte wohnen natürlich genau in diesem Widerspruch. Es ist nicht der einzige, den Simenon in diesen Roman eingebaut hat. Keine einzige Figur, die nicht ambivalent wäre, auch nicht die Marie selbst, schon gar nicht sie. Sie bekommt zwar den plakativsten Satz des Romans, als sie beim Friedensrichter das Recht auf die eigene Mündigkeit durchsetzt und dem entgeisterten Onkel auf dessen Vorhaltung „Ein anständiges Mädchen braucht nicht für mündig erklärt zu werden" antwortet: „Und ich brauche kein anständiges Mädchen zu sein ..." 
Dafür muss sie sich gefallen lassen, dass wir sie als spröd, kühl und berechnend anschauen, als verzockt, unglücklich, einsam, bis ganz zum Schluss doch noch für einen kurzen, aber entscheidenden Augenblick das kristallklare Sentiment aus ihr hervorbricht, in dem so erleichternden, alles auflösenden Moment, als sie mit Chatelard zur Drehbrücke Richtung Zukunft spaziert und sagt: „Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen."

Jakob und ich sprachen nachts um eins am Telefon über dieses „Ich dachte schon ...", über die selbstverständlichste, schmuckloseste Liebeserklärung einer unwahrscheinlichen Liebesgeschichte, hörten, wie der jeweils andere stumm den Kopf schüttelte über Simenons Kunst, uns auf diese regnerische Achterbahnfahrt mitzunehmen und Menschen als Menschen zu zeigen und nicht als Figuren, als Menschen, die man erst mag, wenn man sie besser kennengelernt hat, ohne zu vergessen, warum man sie gerade noch mit Skepsis betrachtete, wir schenkten uns nach, schwiegen, hörten uns beim Schweigen zu, bis einer sagte: „Viau am Pier bei der Versteigerung. Zum Heulen", und den anderen hörte man nicken, ich auch, zum Heulen. Tränen spendeten Trost. Sie schlugen, um es noch einmal so unbeholfen zu sagen, die Brücke zwischen Fiktion und Emotion oder sagen wir so: Wer bei dieser Stelle nicht heult, dem ist auch wurscht, wenn Bambi erschossen wird.
Jakob las später, als er krank wurde, viel, immer wieder und fast nur noch Simenon. In den Monaten vor seinem Tod im Jänner 2013, Jakobs letzter Roman Bruder Kemal war gerade noch fertig geworden, las er kaum etwas anderes, weil er keine Kraft mehr für Dinge aufbrachte, die ihm nicht wirklich am Herz lagen. 
Wenn ich Die Marie vom Hafen heute wieder lese - und das tue ich spätestens alle zwei, drei Jahre -, dann spüre ich die dringliche Zeitlosigkeit des Buches, die Haltbarkeit der Geschichte, die Gefühle, die darin gespeichert sind und das Echo der ersten Lektüre und des Darüber-Redens, nachts, nachts um eins am Telefon.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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