Die neue FX-Pichler-Winery

Geschichten / Schweizerische Weinzeitung
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Bild: Lachlan Blair/LOXPIX.com

Besuch im Zentrum der Weltkultur oder Neue Archtektur in der Wachau

Lucas Pichler sitzt in seinem Büro und sortiert Daten. Dafür hat er jetzt Zeit. Die Ernte des Jahrgangs 2010 ist im Keller, aber was heißt im Keller? Einen Keller im eigentlichen Sinn hat das vermutlich bekannteste Weingut der Wachau nicht mehr, dafür steht, von der Straße zwischen Unterloiben und Dürnstein gut sichtbar, ein neues Gebäude in den Weingärten, die FX Pichler-Winery.

Die Winery hat eine dunkle Fassade. Aus der Ferne kann man das Material nicht erkennen, aber sobald der Blick über den Horizont, über das großartige Biedermeier-Panorma von Dürnstein schweift, findet er die Farbe in den Felsen unterhalb der Burgruine wieder. Ein helles, unregelmäßiges Schwarz, Autolackvertreter würden bestimmt einen Namen dafür erfinden, grottenanthrazit oder carbonnoir.

Von der Straße aus gesehen ist das Gebäude geradezu unscheinbar: ein dunkler Langbau mit Flachdach und einem Cockpit aus Glas, und erst, wo die Straße ihre Kurve nach Dürnstein macht, ist die glänzende Metallapplikation zu sehen, die das Gebäude dynamisiert und die Aufmerksamkeit auf die beiden Buchstaben lenkt, die dem Gebäude augenblicklich seine Identität spenden: FX. Kein Kürzel in der österreichischen Weinwirtschaft braucht weniger Erklärung.

Dabei hat längst der Sohn von FX - von Franz Xaver Pichler, dem legendären Wachauer Riesling- und Veltlinerwinzer - das Ruder übernommen. Seit 1999 ist es Lucas Pichler, Jahrgang 1973, der die Weine vinifiziert, während Vater FX sich mit der ihm eigenen Sorgfalt und Detailversessenheit um die Weingärten kümmert.

Die Entscheidung, das Weingut neu zu bauen, fiel 2002. In diesem Jahr führte die Donau einmal mehr ein Jahrhunderthochwasser, das Wasser stieg bis in den Ortskern von Unterloiben, wo sich Produktion und Keller des Weinguts Pichler befanden, es drang in den historischen Gewölbekeller ein, in dem die Pichler-Weine in großen Holzfässern auf die Abfüllung warteten, die Fässer schwammen im dreckigen Donauwasser, und die kopfschüttelnde Familie wusste schlagartig, dass etwas geschehen musste. Gewiss, man war Wasser im Keller gewöhnt, Hochwasser der Donau wiederholte sich fast jährlich, aber die mühsame Reinigung des Kellers, das Risiko, etwas vom ohnehin raren Wein zu verlieren, beförderten den Entschluss, bei der Gemeinde Dürnstein einen Antrag auf Errichtung eines „Aussiedlerhofs" zu stellen.

Bauen ist in historischer Umgebung ein heikles Unterfangen, und die Wachau hatte im Jahr 2000 von der UNESCO als besonderes Privileg den Titel „Weltkulturerbe" erhalten. Als die Pichlers also bei der Dürnsteiner Bürgermeisterin Barbara Schwarz drei ihrer Grundstücke zur Widmung für den Neubau einreichten, mussten nicht nur die üblichen Hürden für einen Neubau überwunden werden, umweltschutzmäßig und raumplanerisch, sondern auch jene eines bevorzugten Landschafts- und Ensembleschutzes. Es ist also kein Wunder, dass sich die Phase der Planung der neuen FX Winery von 2002 sieben Jahre lang bis 2009 hinzog, bis das finale Grundstück fest stand, mit Diskussionen quer durch die Instanzen, durch das Baurecht, die Einwände der UNESCO-Kulturpfleger.

Heute ist Lucas Pichler mit der Langfristigkeit der Planung nicht unzufrieden. Die Jahre der Planung gaben ihm und seiner Familie die Möglichkeit, die künftige Produktionsstätte solange durchzudenken, bis das Innenleben des neuen Weinguts ein klares und unverrückbares Design hatte, das sich nach dem Ablauf der Weinproduktion richtete. Eine weitere Entscheidung hatte die Donau den Winzern abgenommen. Sie würden, das war von Beginn an klar, keinen Keller mehr bauen, sondern die Weine in Hinkunft ebenerdig lagern. Niemand hatte Lust, noch einmal Donauwasser und -schlamm aus dem Weinkeller räumen zu müssen.

In dieser Planungsphase sammelte Lucas Pichler Handgriffe. Er hatte stets Papier und Kugelschreiber bei der Kellerarbeit dabei und schrieb alle Ideen auf, die ihm bei der Kellerarbeit durch den Kopf gingen. Wie man die Arbeit straffen, Wege verkürzen, Abläufe schonender gestalten könnte. Am Ende hatte Pichler zwei Ordner voller Notizen und eine mit Spezialinformation aufgeladene Skizze, wie seine künftige Produktionsstätte beschaffen sein sollte. 

An dieser Stelle - erst an dieser Stelle - kam der Architekt ins Spiel: Thomas Tauber aus Krems. Tauber hatte bereits die Domäne Wachau, das Weingut Stadt Krems, das Weingut Rudi Pichler und das der Familien Holzapfel, Figl und Salomon gestaltet, er stand für eine klare Formensprache und für einiges an Detailwissen, sowohl was die Abläufe in einem Weingut, als auch die Arbeit mit lokalen Firmen im Dschungel lokaler Vorschriften betraf.
Pichler und Tauber einigten sich rasch auf das Grundgerüst. Ein erster Raum musste Anlieferung und Erstverarbeitung der Trauben ermöglichen. Ein zweiter Raum sollte Gärständer und Fässer beherbergen. Im dritten Raum Flaschenlager, daneben das Büro. Hinter dem Büro ein repräsentativer Eingangsbereich, darüber ein Verkostungsraum, eine Küche und Sozialräume für Familie und Mitarbeiter.

Tauber löste diese Aufgabe, indem er dem rechteckigen Grundriss dieser Funktionsskizze Schwung verlieh. Die Nordfassade des Weinguts, die in Richtung Loibenberg, Kellerberg und Pfaffenberg ausgerichtet ist, den wichtigsten Lagen der FX-Weine, bekam an ihrem westlichen Ende einen Knick aus Glas. Empfangs- und Verkostungsraum wurden übereinander in einen schräg nach Norden positionierten Glaskubus angeordnet, aus dem nicht nur ein grandioser Panoramablick vom Pfaffenberg bis nach Dürnstein möglich ist, sondern auf der anderen Seite auch der Blick auf die Donau und die Weingärten zwischen Weingut und Donau Bundesstraße. Eine geschwungene Führung aus Metall verbindet die Produktionsräume optisch mit dem spektakulären Cockpit. Auf der unteren Kante dieser Applikation führt ein fast unsichtbarer Balkon rund um den Verkostungsraum.

„Wir haben rund um die Welt geschaut", sagt Lucas Pichler, als er mich durch sein neues Weingut führt, „bis wir wussten, wie wir es machen." Er kennt die meisten neu gebauten Weingüter Österreichs aus eigener Anschauung, aber er war auch in Amerika und Europa unterwegs, um Anregungen zu sammeln, und die Entscheidung, zeitgemäß zu bauen, stand nie in Frage. „Wir wollten doch kein Gebäude simulieren, das zwei- oder dreihundert Jahre alt ist. Mir war immer klar, dass wir mit dem Zeitgeist bauen werden."

Wir schlendern auf dem Weg durch das Weingut, den auch die Trauben nehmen, wenn sie in den großen Erntekisten angeliefert werden, die meisten davon spät im Herbst. Die Anlieferungshalle ist sauber geputzt, das Pressen ist seit ein paar Tagen erledigt, die Ernte, wie Lucas Pichler sagt, „gut bis sehr gut". Im Vergleich zu den burgenländischen Winzern, die bis zu 60 Prozent Ernteausfall hatten, fehlen Pichler nur 20 Prozent auf den Normalertrag.
Im nächsten Raum blubbert in hohen, maßgefertigten Gärständern aus Edelstahl der Smaragd des nächsten Jahres: Von 120.000 Flaschen, die Pichler aus einer Fläche von 16 Hektar gewinnt, werden etwa drei Viertel als „Smaragd" zertifiziert, der Rest ist leichterer „Federspiel". Im selben Raum stehen auch die voluminösen Holzfässer, die aus dem alten Keller herübergebracht wurden, ehrwürdige Artefakte, die ältesten 70 Jahre alt und noch immer in Betrieb.

Die „Smaragd"-Weine sind Weine von kräftiger Struktur. Sie werden aus Trauben gewonnen, die auf den hoch über dem Strom gelegenen Terrassen wachsen, teuflisch schwer zu pflegenden Rieden, weil es noch keine Traktoren gibt, die über die Natursteinmauern, mit denen eine Terrasse gegen die andere abgegrenzt ist, springen können. Viel Handarbeit. Hohe Kosten.

Smaragde aus der Wachau sind unverkennbare Weine. Ihre Süße und Dichte sucht ihresgleichen. Während bis zu den neunziger Jahren noch etwas vorsichtiger gelesen wurde, um im Erntefinale nicht zu riskieren, dass zu viele Trauben überreif werden, ist die physiologische Reife inzwischen ein wachauerisches Mantra. Die Trauben bleiben so lange am Stock, bis sie ein Maximum an Süße erreicht haben, und dass ein gewisser Anteil der Trauben, zehn bis fünfzehn Prozent, mit Botrytis behaftet ist, stellt kein Problem dar, sondern ist im Sinne der Weinbauern. Ein kleiner Anteil von Trauben, die von der sogenannten „Edelfäule" befallen sind, befördern mit ihrem konzentrierten, süßen Geschmack die Entwicklung der kräftigen Smaragdweine, die oft bis zu 14, 14,5 Prozent Alkoholanteil haben. Diese Stilistik gehört in der Wachau seit den neunziger Jahren zum Common sense.
Ein ausgeklügeltes Energiemanagement erlaubt das sparsame Beheizen, Kühlen und Befeuchten dieses Herzraums. Das flache Dach des Gebäudes ist für die Armierung mit Solarpaneelen vorbereitet, so dass die Energie, die in die Bewirtschaftung des Weinguts investiert werden muss, selbst erzeugt werden kann.

Im schmucklosen Flaschenlager ist Platz für eineinhalb Ernten. Zur Zeit ist der Raum fast leer. „Wir sind ein Nischenproduzent", sagt Lucas Pichler lächelnd. „Und wir haben weit mehr Anfragen für unseren Wein, als wir verkaufen können." Während eines halben Jahres gibt es also hinter der gläsernen Fassade des Eingangsbereichs nicht einmal gar nichts zu kaufen. Ein Luxusproblem.

Eingangs- und Verkostungsraum wuchern mit ihrem Pfund, der grandiosen Sicht in die Wachau. Die beiden großzügigen Räume sind mit einer Natursteinwand, wie sie zwischen den Terrassen der höher gelegenen Lagen traditionell gebaut wurden, über beide Stockwerke hinweg verbunden. Die Möbel sind weiß. „Unsere Gäste müssen schließlich genau erkennen können, welche Farbe der Wein hat", sagt Pichler, und erdet auf diese Weise auch seine Entscheidung für die utopistischen, glänzenden Möbel. An der Wand hängen Bodenprofile von den Lagen „Steinertal", „Loibenberg" und „Kellerberg". Eine Wand ist mit den breiten Eichenbohlen verkleidet, die auch den Boden bedecken, gebürstetes Holz, das weiß geölt ist und eine geheimnisvolle Eleganz ausstrahlt.

Ob die Hüter des Weltkulturerbes zufrieden sind mit diesem modernistischen Ausrufezeichen?

Lucas Pichler lächelt, er kennt die Frage. 

„Die, denen das Haus gefällt", sagt er, „sagen es und loben uns."

Die anderen?

„Schweigen."



Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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