Thomas Bernhard: Meine Preise

Die Weltwoche / Kritiken
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20 Jahre nach seinem Tod erscheint Thomas Bernhards präzisestes Buch „Meine Preise". 



Als Thomas Bernhard 1968 der „Österreichischen Staatspreis für Literatur" zuerkannt wurde, giftete er erst einmal darüber, dass es der „Kleine Staatspreis" war und nicht der „Große". Der „Kleine Staatspreis" wurde in der Regel hoffnungsvollen Talenten verliehen, während der „Große Staatspreis" den namhaften Künstlern vorbehalten war, die Republik wollte schließlich in deren Licht posieren.
Thomas Bernhard war 37 Jahre alt. Er hatte mit seinem ersten Roman „Frost" einen schüchternen Erfolg gelandet und schrieb ohne Unterlass. Er war, notiert er in dem eben erschienenen Band „Meine Preise", „über die Nachricht, den Preis zu bekommen, überhaupt nicht begeistert, hatten doch vor mir schon eine Menge junger Leute diesen Preis bekommen und für mich in meinen Augen reichlich abgewertet gehabt".
Trotzdem nahm er den Preis an. Einerseits gefiel ihm die Idee, genau dreißig Jahre nach seinem Großvater, dem Heimatdichter Johannes Freumbichler, mit dem Staatspreis ausgezeichnet zu werden. Freumbichler war die einzige Person, die in den zerrütteten Familienverhältnissen, in denen Bernhard aufgewachsen war - uneheliches Kind, Vater nicht vorhanden, wechselnde Aufenthaltsorte in Salzburg und Bayern, wirtschaftlicher Dauerengpass - Zuneigung für den Jungen übrig gehabt hatte und dessen künstlerische Ambitionen unterstützte.
Außerdem ging es um 25.000 Schilling.
25.000 Schilling, etwa 3000 Franken, waren 1968 eine ernstzunehmende Summe, zumal für einen Schriftsteller, dessen Verkaufserfolge bis dahin mager gewesen waren. „Ich bin nicht gewillt", schreibt Bernhard, „fünfundzwanzigtausend Schilling abzulehnen, sagte ich, ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein."

Das Manuskript, aus dem nun der Band „Meine Preise" hervorgegangen ist, entstand 1980. Zu diesem Zeitpunkt war Bernhard bereits ein durchgesetzter Schriftsteller und Theaterautor. Der deutsche Regisseur Claus Peymann hatte sich mit Bernhard zu einem kongenialen Provokationsduo verbündet, dessen Spezialität darin bestand, aus dem Mittelpunkt der dramatischen Hochkultur, dem Burgtheater, dessen Publikum vor den Kopf zu stoßen - eine Strategie, die Peymann wenig später zum Burgtheaterdirektor machen würde und Bernhard zu dessen Raison d'être.
Die Skandale, die „Der Theatermacher", „Alte Meister" und vor allem „Heldenplatz" entfesselten, sind Legende. Bernhard legte seinen Schauspielern Beschimpfungsorgien in den Mund, ließ sie Österreich als ein Überbleibsel der Nazidiktatur verunglimpfen, attackierte prominente Zeitgenossen ad personam, den Kanzler Kreisky als „Walzertito", Elias Canetti als „Kleinschopenhauer", und immer wieder Österreich, als eine „Senkgrube der Lächerlichkeit", als einen „unter pseudosozialistischer Präpotenz in sich selbst delirierenden Kleinstaat", mit dem sich „ein denkender Mensch schon lange nicht mehr identifizieren" könne.

„Ich bin selbst ein Schwein": das bezog Bernhard darauf, dass er sowieso alle anderen für „Schweine" hielt, für „lauter Arschlöcher und zwar lauter katholische und nationalsozialistische Arschlöcher und dazu noch ein paar Alibijuden". Diese von Bernhard getroffene Beschreibung des Kunstsenats, der ihn für den „Kleinen Staatspreis" nominiert hatte, lässt sich bedenkenlos auf das gesamte Personal des gesamten Werks von Thomas Bernhard übertragen, inklusive seiner selbst.
Von „Frost" bis zur „Jagdgesellschaft", von der „Korrektur" bis „Heldenplatz", Bernhards Werk beschwört mit der selben Innigkeit die Ausweglosigkeit des Einzelnen, wie er die Allgemeinheit beschimpft, besudelt und verunglimpft.
Erstaunlich genug, dass Bernhards Skandalmaschine nur eine primitive Mechanik brauchte, um immer wieder anzuspringen: Bernhard schrieb einer seiner „Bernhard-Figuren", als welche die alten, verbitterten Österreich-Hasser in seinen Stücken Eingang in die Umgangssprache gefunden haben, einen Hassmonolog auf den Leib, Peymann übernahm die Inszenierung, die Salzburger Festspiele oder das Burgtheater besorgten, selbst in geiler Erwartung des zu erwartenden Wirbels, die Uraufführung.
Wenn sich nach der Uraufführung des „Theatermachers" etwa der damalige Finanzminister Franz Vranitzky mit der Bemerkung vernehmen ließ, Bernhard schreibe sich „unter Einstreifen guter Steuerschillinge die eigene Verklemmung vom Leib", griffen Solidarisierungs- und Verteufelungs-Zahnräder sofort ineinander. Die konservative Presse schäumte gewerbsmäßig, die Kulturliberalen verteidigten reflexhaft Bernhard, der in solchen Phasen regelmäßig von seinem Einsiedlerbauernhof in Oberösterreich nach Wien reiste und als Spaziergänger auf dem Graben den Hass der Bildungsbürger genoss, den er entfesselt hatte.

Dieses Muster ist in „Meine Preise" gut nachzulesen. Der Band, in dem Bernhard die Verleihung des „Grillparzerpreises", der „Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie", des „Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen", des „Julius Campe-Preises", des „Österreichischen Staatspreises für Literatur", des „Anton Wildgans-Preises", des „Franz-Theodor-Csokor-Preises", des „Literaturpreises der Bundeswirtschaftskammer" und des „Büchner-Preises" dokumentiert, ist die Selbstbeschreibung von Bernhards Motivlage und seiner beklemmenden privaten Lebenssituation - in einer Zündholzschachtel.
In nur wenigen Geschichten enthüllt er die ganze Automatik der rücksichtslosen Arroganz, die ihn befähigte, nicht nur Feinde, sondern auch Zugewandte, Unterstützer und Freunde ohne die geringsten Bedenken bloßzustellen und der Lächerlichkeit preiszugeben.
Er porträtiert sich als armes Schwein, als einsames Kind, als Tuberkulosekranker, dem auch im Erwachsenenleben bloß die Freundschaft zur 35 Jahre älteren Hedwig Stavianicek bleibt, zu der er respektvoll „Tante" sagt und in deren Grab er 1989 schließlich bestattet werden wird. Sie - Bernhard nennt sie seinen „Lebensmenschen" - ist die einzige Person neben Großvater Freumbichler, der Bernhard mit so etwas wie Achtung begegnet.
Für alle anderen hat er nur Häme übrig - und Kälte.
In der Erzählung über die Entgegennahme des Anton-Wildgans-Preises diffamiert Bernhard etwa seinen langjährigen Freund Gerhard Fritsch auf beispiellose Weise.
Fritsch war Mitglied der Jury für den Wildgans-Preis, den die österreichische „Industriellenvereinigung" stiftete. Nachdem sich Bernhard gerade erst mit dem österreichischen Kulturminister angelegt hatte und dieser nicht daran dachte, an der Preisverleihung teilzunehmen, forderte Bernhard von seinem Freund einen „für mich selbstverständlichen Protest" und den „für mich genauso selbstverständlichen Austritt aus der Wildgans-Preis-Jury". Fritsch wollte aber nicht austreten, worauf ihm Bernhard die Freundschaft aufkündigte und den ein Jahr später erfolgten Selbstmord des erst 45jährigen mit beispielloser Gefühlsarmut notiert: „Nicht lange nach dieser Unterredung hat sich Fritsch an dem Haken seiner Wohnungstür aufgehängt, sein von ihm selbst verpfuschtes Leben war ihm über den Kopf gewachsen und hatte ihn ausgelöscht."
Als ob diese stumpfe Lakonie nicht ausreichen würde, um Bernhards Pointe, er sei charakterlos, er sei ein Schwein, von jedem Verdacht der Koketterie zu befreien, erzählt er im Kapitel über den Bremer Literaturpreis genauso lakonisch, wie er, als Preisträger im Jahr darauf selbst in die Jury berufen, für Elias Canetti votiert, was mit dem Hinweis „aber der ist ja auch Jude" abgeschmettert wird. Bernhard sieht sich freilich weder zu einem für ihn selbstverständlichen Protest noch zu einem für ihn genauso selbstverständlichen Austritt aus der Jury genötigt. Er meckert bloß über das Geschwätz und den Dilettantismus der Jury, und als schließlich Wolfgang Hildesheimer der Preis zuerkannt wird, ist es ausgerechnet Bernhard, der anmerkt, dass Hildesheimer auch Jude ist: Für ihn sei das die Pointe des Preises.

Als Thomas Bernhard es finanziell nicht mehr nötig hat, nimmt er keine Preise mehr an. Den „Prix Séguier", den „Prix Médicis", den „Antonio-Feltrinelli-Preis" holt er nicht ab. Die Honorare des Subventionstheaters haben ihn zum wohlhabenden Mann gemacht. Zu dem Haus in Obernathal bei Ohlsdorf, das er mit der Preissumme des Bremer Literaturpreises angezahlt hat, erwirbt er weitere Immobilien. Bernhard verschuldet sich regelmäßig, wie um sich selbst unter Druck zu setzen, weiterschreiben zu müssen.
Er schreibt permanent. Er findet ein Publikum, das Bernhards literarisches Tourette-Syndrom für bare Münze nimmt und sich dem depressiven Rauschen der ständig wiederholten und um sich kreisenden Motive von Tod, Sinnlosigkeit und Verderbtheit hingibt wie dem hypnotischen Lärm einer Death-Metal-Band.
Er weiß Verbündete hinter sich, die an seinem Beispiel für die Freiheit der Kunst kämpfen, ohne dass Bernhard sich ihnen deshalb auch nur im Geringsten verpflichtet fühlt: der Komponist Gerhard Lampersberg kann ein Lied davon singen. Nachdem er den jungen Bernhard jahrelang beherbergt und Eintritt in gehobene Künstlerkreise verschafft hat, liefert dieser in „Holzfällen" eine so heftige Diffamierung seines Gönners ab, dass sich dieser entschließt, das Buch verbieten zu lassen. Die wütende Diskussion über die Freiheit des Wortes, die darauf folgt, nützt am Ende wiederum Bernhard. Der darf sich in der Maßlosigkeit seiner Charakterschwächen bestätigt fühlen.
Bernhards ganze Bedeutung liegt darin, dass er zum Streitfall wurde und Streitfall geblieben ist. Auch 20 Jahre nach Thomas Bernhards Tod findet die Diskussion über seine Literatur in den Kulissen ihrer Motivlage statt.
Der Band „Meine Preise", eine Art Konzentrat von Bernhards Selbstbiographie, fällt dagegen aus der Art. „Meine Preise" ist ein gutes Buch, weil es nicht „Bernhard at his best" ist. Die Geschichten sind von einem vergleichsweise erstaunlichen Realismus. Die Prosa vermeidet, anders als in den Romanen Bernhards, den Kult der Repetition, der permanenten Auswringung der wenigen Motive, denen Bernhard Bedeutung beimaß.
Mit erstaunlicher Beiläufigkeit ist der Autor zu Geschichten fähig, die andere Farben als das ewige Grauschwarz von „Frost", dem „Untergeher", der „Auslöschung" tragen. Bernhard beschreibt, wie er mit der Preissumme des Campe-Preises ein neues Auto kauft, einen weißen Triumph Herald mit roten Ledersitzen und nach Jugoslawien fährt, um seine Erzählung „Amras" zu schreiben. Er beschreibt den Tag, die Luft klar und würzig, auf dem Meer kreuzen Schiffe, als er endlich das Gefühl hat, „mit keinem Menschen auf der ganzen Welt tauschen zu wollen." Und er deutet an, was er vielleicht für ein Schriftsteller geworden wäre, wenn er sich nicht dafür entschieden hätte, das Charakterschwein der deutschen Literatur zu sein.

Bernhard nimmt den „Kleinen Staatspreis" also an. In Anwesenheit des österreichischen Kulturministers Theodor Piffl-Perčević hält er eine kurze Rede, deren Anfang so banal wie programmatisch ist: „Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt."
Dieser Satz beschreibt Thomas Bernhards Selbstbefreiung von jeder Moral, entbindet ihn von allen Pflichten. Es ist symptomatisch, dass der Satz zu den meistzitierten Thomas Bernhards zählt.
Bernhard wäre aber nicht er selbst, hätte er die Bühne bloß für eine Offenbarung Schopenhauer'scher Skepsis genützt. Schon wechselt er pseudokritisches Kleingeld, natürlich in österreichischer Währung.
„Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozess der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft."
In diesem, mit Verlaub, sinnlosen Satz kristallisieren sich sowohl der künstlerische Impetus des Schriftstellers Bernhard als auch seine gesellschaftliche Wirkung. Unverständliche Sätze, die sich an irgendwelchen Schlüsselworten entlang hanteln, unargumentierte Ressentiments, aber der Minister springt sofort auf, schreit: „Wir sind aber trotzdem stolze Österreicher!" und verlässt den Saal.
Bernhard aber geht vergnügt nach Hause und schreibt auf, dass ihm der Minister, der ehemalige Sekretär der steiermärkischen Landwirtschaftskammer, mit seinem Schnauzbart schon immer ein Gräuel gewesen sei, „es mag sein, dass er etwas von steirischen Kälbern und Kühen und von obersteirischen Schweinen und von untersteirischen Mistbeeten verstand, von Kunst und Kultur verstand er jedenfalls nichts."
Geschmunzelt?
So funktioniert Thomas Bernhard.

Thomas Bernhard: „Meine Preise". Suhrkamp, 30,90 Franken.


Food & Beverage

Christian Seilers
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