Die Geister von gestern

Das Magazin / Geschichten
Eine gespenstische Rundreise durch Jörg Haiders Kärnten

Als ich zu Beginn meiner Kärnten-Reise den Gesellschafts-Reporter Egon Rutter traf, der für das Magazin «Kärntner Monat» 30 Seiten Societyberichte pro Ausgabe abliefert, ließ er eine witzig gemeinte Bemerkung fallen: «Du wirst hier übrigens nicht nur Nazis treffen. Nur 50 Prozent der Kärntner sind Nazis. Der Rest ist okay.»

Damit sprach Rutter gleich zwei gängige Vorurteile an. Das erste betrifft Journalisten, die nicht für Kärntner Medien arbeiten. Sie müssen mit der permanenten Unterstellung rechnen, vor allem herausfinden zu wollen, dass Kärnten ein Land voller alter und neuer Nazis ist. Das ist bereits Vorurteil zwei, und es beruht wie Vorurteil eins auf einem plausiblen Kern, auf zahlreichen Verkürzungen und Vereinfachungen, so wie der Tatsache, dass viele Dinge in Kärnten nicht so eindeutig liegen, wie sie zu liegen scheinen.

Rutter ist zuständig für die Rubrik «Kärnten im Partyrausch». Auch das bedient ein Klischee, jenes von den fröhlichen Kärntnern, ihrer seichten Heiterkeit, vom «Urlaub bei Freunden», wie die Tourismuswerbung insinuiert, vom High Life rund um den Wörthersee, von den Schloßhotels in Pörtschach und Velden, Gunter-Sachs-Udo-Jürgens, entsprechenden Blondinen, den durchtanzten Nächten und dem allgegenwärtigen Landeshauptmann Jörg Haider, der mit ganz Kärnten per du sein soll.

Während der Hauptsaison, die von Mitte Juli bis Ende August dauert, umrundet Rutter den Wörthersee in einer Nacht manchmal mehrmals. «Model-Night» in der Pörtschacher Fabrik. «Amadeus meets Falco»-Premiere auf der Klagenfurter Seebühne. «T-Mobile-Starnacht» in der Werzer Arena. Die Botschaft besteht im Vorfinden der üblichen Verdächtigen, im Gute-Laune-Schnappschuss zu möglichst fortgeschrittener Stunde, und im Begleittext muss nicht viel mehr stehen, als wie lange die Herrschaften übrigens noch die Sau rausgelassen haben. Rutter verrichtet seine Arbeit ohne falsche Scham. Auf den Flanken seines schwarzen VW-Golf prangt die Adresse seiner Homepage www.seitenblick.at, 24.000 Fotos auf Knopfdruck.

(lange Kürzung) Wie oft er Haider schon fotografiert hat?

Rutter wusste es nicht. Er gab mir, dankeschön, den Tipp, auf seiner Homepage nachzuschauen. Hingegen wusste er, dass er von Haider durchaus etwas lernen könnte. «Er taucht nur dort auf, wo es sich wirklich lohnt. Das kann ich von mir nicht behaupten.»

 

Haider ist seit dem 8. April 1999 Kärntner Landeshauptmann. Die von ihm geführte FPÖ hatte bei den vorangegangenen Landtagswahlen mehr als 42 Prozent der Stimmen erreicht. Dieses Votum akzeptierten die schwer geschlagenen Konkurrenten aus Sozialdemokratie und Volkspartei, die mit dem Ziel angetreten waren, einen Landeshauptmann Haider zu verhindern, und stimmten der zweiten Inauguration Haiders nach 1989 zu. Haiders erste Amtszeit hatte nur knapp zwei Jahre gedauert. Seine 1991 während einer Landtagssitzung geäußerte Replik auf einen Zwischenruf, die Nationalsozialisten hätten «ordentliche Beschäftigungspolitik» betrieben, kostete ihn das Amt. Mit Tränen in den Augen akzeptierte Haider die Abwahl durch den Landtag und ließ sich im Anschluss daran von tausenden Gesinnungsfreunden auf dem Neuen Platz in Klagenfurt trösten.

Umso entschlossener trat er sein Amt bei zweiter Gelegenheit an. Er versprach seinen Wählern, die volle Legislaturperiode als Landeshauptmann durchzudienen und sich nicht von der Bundespolitik abwerben zu lassen. Dieses Versprechen hat er bis dato gehalten, wenn auch nicht ganz freiwillig.

Denn Haider setzte in den letzten Wochen alles daran, die Omnipotenz, die er während seiner Jahre als Parteiobmann besessen hatte, wieder zurückzugewinnen. Er mischte sich von Klagenfurt aus ständig in die Regierungspolitik ein, störte, polemisierte, betrieb Opposition, auch gegen die eigene Partei. Er brach einen Machtkampf mit Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer vom Zaun, seiner langjährigen Pressereferentin, für die er im Februar 2000 mit pathetischer Geste - «Susanne, geh voran» - den Platz an der Parteispitze frei gemacht hatte.

Aber Riess-Passer, Spitzname: «Königskobra», entpuppte sich als hartnäckige Gegnerin. Als Haider ihr vorschlug, bis zu den für Herbst 2003 geplanten Nationalratswahlen wieder den Parteivorsitz zu übernehmen, liess sie ihn abblitzen. Beleidigt kündigte Haider darauf an, die Bundes-FPÖ im Wahlkampf nicht mehr unterstützen zu wollen. Bei einer Versöhnungspressekonferenz Anfang August zog er über die freiheitlichen Minister her und lobte nur Riess-Passer, freilich mit demütigender Arroganz. Er bezeichnete sie als «unbeflecktes Lamm», das seine Sache «brav» mache. Selbst die Frau von Gesundheitsminister Herbert Haupt, nach dessen Angaben «bestimmt keine Emanze», «jaulte», so Haupt, «bei diesem Foul laut auf».

Es dauerte nur zwei Wochen bis zur nächsten Kraftprobe, die sich schließlich zum Scheitern der Koalition zwischen FPÖ und ÖVP auswachsen sollte. Haider forderte entgegen der Entscheidung von Susanne Riess-Passer eine Steuerreform für das Jahr 2003. Riess-Passer lehnte auch diesen Vorstoß Haiders ab, der darauf seine Basistruppen in Stellung brachte. Unter sachkundiger Anleitung des FPÖ-Rechtsaußens Ewald Stadler wurden bei knapp 400 FPÖ-Delegierten Unterschriften für einen Sonderparteitag gesammelt, auf dem die Basis über die fragliche Steuerreform abstimmen sollte. Riess-Passer verstand die Unterschriftenaktion richtig: als Misstrauensantrag gegen ihren gemäßigten Regierungskurs. Am vierten September stellte sie den Delegierten ein Ultimatum. Entweder die Unterschriften würden zurückgezogen, oder sie trete mit den anderen FPÖ-Ministern zurück. Am vergangenen Samstag scharte Haider die Delegierten im steirischen Knittelfeld um sich und präsentierte nach der Sitzung einen unannehmbaren Kompromissvorschlag. Kein Sonderparteitag, falls Riess-Passer in Zukunft folgende FPÖ-Positionen vertrete: Steuerreform 2003; Veto gegen den EU-Beitritt Tschechiens, falls das Atomkraftwerk Temelin nicht stillgelegt werde; Veto gegen den EU-Beitritt Tschechiens und Sloweniens, falls die strittigen Benes- und Avnoj-Dekrete, Verordnungen über die Enteignung von «feindlichen und verräterischen» Minderheiten im Zeiten Weltkrieg, nicht aufgehoben würden.

Tags darauf resignierte Riess-Passer. Gemeinsam mit Finanzminister Karl-Heinz Grasser und dem Fraktionsvorsitzenden Peter Westenthaler trat sie zurück, tags darauf folgte auch Infrastrukturminister Mathias Reichhold. Verteidigungsminister Herbert Scheibner übernahm kommissarisch den Parteivorsitz. Freilich bestand kein Zweifel daran, wer in der FPÖ wieder die Macht übernommen hatte: der Kärntner Landeshauptmann. Beim FPÖ-Parteitag, den Susanne Riess-Passer als letzte Amtshandlung für den 20. Oktober einberufen hat, wird sich Haider aller Voraussicht nach zurück an die Parteispitze wählen lassen.

Die Unberechenbarkeit des Kärntner Landeshauptmanns ist zu seinem politischen Werkzeug geworden. Haiders öffentliche Auftritte wechseln zwischen provinziellem Standardprogramm und gezielten Tabubrüchen, die ihn wenigstens für Minuten ins grelle Licht der Weltbühne befördern.

Ich sah Haider, wie er am Südufer des Wörthersees Bierfässer anschlug und in Unterkärnten einen Wiesenmarkt eröffnete. Ich sah ihn vor dem Landesstudio des ORF mit Passanten diskutieren und im Pörtschacher Gasthaus Schorn den Zwischenstand seines Kampfes gegen Susanne Riess-Passer debattieren. Bei diesen Anlässen lieferte Haider bewunderswert den Politiker zum Angreifen. Stets präsent, kann er sein Gegenüber augenblicklich einschätzen und in den meisten Fällen prompt für sich einnehmen. Haider ist schnell mit einem Scherz bei der Hand oder einer Aufmunterung, notfalls auch mit einem Wink an seinen Sekretär Franz Koloini, einen schicken, schlanken Burschen in engen Anzügen, der die Daten derer aufnimmt, denen der Landeshauptmann gerade etwas in Aussicht gestellt hat.

Auf der anderen Seite stehen Haiders bundespolitische Einmischungen, aber auch seine grotesken Ausflüge in die Rampenlichter der Weltöffentlichkeit, wenn er ein Interview für den arabischen Sender Al-Djazeera gibt oder persönlich zum irakischen Diktator Saddam Hussein nach Bagdad reist, um diesem «im Namen des österreichischen Volkes» Grüße zu entbieten und ein Landschafts-Bild aus der Kärntner Heimat zu überreichen.

Das Chaos, das Haider mit diesen Eskapaden stiftet, scheint ihn für die Mühen der Provinz zu entschädigen. In einem Interview mit der Kärntner «Kleinen Zeitung» beklagte er sich gerade erst über seine Parteikollegen, die sich offenbar «zu gut» dafür seien, abends und an den Wochenenden durch Discos und Bierzelte zu ziehen, um die Hand am Puls der Wähler zu haben.

Haider selbst ist sich selten für etwas zu gut. Am 17. August zum Beispiel wirkte er sogar in einer Kostümklamotte mit. Er übernahm bei den Ritterspielen von Greifenburg, einer kleinen Gemeinde im westlichen Drautal, persönlich die Rolle des Herzog Bernhard von Spanheim. Eine Gruppe von lokalen Laiendarstellern brachte die «Schlacht von Greifenburg» zur Aufführung, einen mit krachenden Kampfszenen gewürzten Remix der vor 750 Jahren stattgefundenen Bemühungen des Grafen Meinhard von Görz, sich die Vorherrschaft über Kärnten zu erkämpfen. Der Versuch musste natürlich scheitern, Meinhard verlor die entscheidende Schlacht vor Greifenburg gegen Herzog Bernhard.

Haider trug eine golddurchwirkte Brokatjacke und eine tief ins Gesicht gezogene, schwarze Mütze, unter der sein in den letzten Jahren immer schärfer gewordenes Profil auffällig hervortrat. Über der rechten Wange war ein Bogenmikrophon befestigt, das der Landeshauptmann entweder nicht abstellen konnte oder wollte. Während der Zeremonienmeister in schwülstigem Mittelalterdeutsch die Veranstaltung einmoderierte, ließ Haider zum Gaudium des Publikums saloppe Bemerkungen fallen. Er drehte hoch zu Ross eine Runde durch die Arena, in der sich vielleicht zwei- bis dreihundert Zuschauer versammelt hatten, bevor er auf das Gatter kletterte und dort zwischen ein paar Pferdeknechten mit abwesendem Blick seinen Auftritt abwartete.

Nachdem seine Recken die Schlacht geschlagen hatten, Auftritt Herzog Bernhard.  Mit tragender Stimme las Haider seine Botschaft vor: «Groß ist ein Herrscher nur dann, wenn er sich um Land und Leute kümmert ... und nicht nur um sich selbst.»

Applaus, verdienter Applaus.

Nach dem Spektakel zog sich Haider nicht um. In voller Herzog-Adjustierung saß er mit den Honoratioren des Dorfes auf einer Heurigenbank, trank Bier und kümmerte sich. Das war sein Land. Das waren seine Leute. Und das war seine Geschichte.

In keinem anderen österreichischen Bundesland hat die Vergangenheit eine so herausragende Bedeutung wie in Kärnten. Für nahezu alle Phänomene des öffentlichen Lebens finden sich in der bewegten Landesgeschichte Erklärungen, Erklärungsmuster, oder wenigstens symbolhafte Parallelitäten. Um den Fall Gaugg zu analysieren, bemüht der Publizist Andreas Mölzer zum Beispiel «die keltische Trunksucht», deren Opfer der Abgeordnete geworden sei. «Fällt Ihnen nicht auf, dass nirgendwo so viel getrunken wird wie in Kärnten?» Tatsächlich war erst im Juni der SPÖ-Abgeordnete Anton Leikam über eine besoffene Geschichte gestolpert, die ihn in seinem Wahlkreis freilich so populär machte, dass er gute Chancen hat, nächster Bürgermeister von St. Georgen am Längsee zu werden.

Der bekennende Deutschnationale Mölzer, der am Ossiachersee ein prächtiges Uferhaus bewohnt, fungierte einige Zeit als Berater Jörg Haiders in Kulturfragen. Er führte einen heftigen Krieg gegen den Intendanten des Klagenfurter Stadttheaters, Dietmar Pflegerl, dessen moderne Theaterästhetik Mölzer nicht behagte, und agierte als Master-Mind für eine unappetitliche Kampagne gegen den Künstler Cornelius Kolig. Kolig, ein in der Tradition des Wiener Aktionismus wirkender Maler und Bildhauer, wurde als «Fäkalkünstler» diskreditiert und öffentlich der Nähe zur Kinderpornographie bezichtigt. Gemeinsam mit dem Boulevardblatt «Kronenzeitung» führte die FPÖ eine Unterschriftenaktion gegen einen öffentlichen Auftrag für Kolig durch - er gestaltete einen Saal des Klagenfurter Landhauses, in dem die Nazis Fresken seines Großvaters Anton Kolig abgeschlagen hatten.

Mölzers zynische Bezugnahme auf gesundes Volksempfinden und seine oft verquasten Theorien zu Volkscharakter und Nationaleigenschaften - Mölzer bewertete die Differenzierung zwischen deutscher und österreichischer Nation als  «Umvolkung» der Österreicher - stießen zwar häufig auf erregte Empörung. Mit Provokationen dieser Preisklasse schaffte es Mölzer, der in der «Krone» unter dem Pseudonym «Noricus» schreibt, sich als Österreichs führender Rechtsintellektueller zu etablieren.

«Ja», sagte Mölzer. «Selbstverständlich besitzt Kärnten eine Sonderstellung in Österreich. Schon phänotypisch. Jede Entität hat ihren Charakter, und dieser ist in Kärnten sehr eigenwillig ausgeprägt. Kein Wunder, bei der vorliegenden Überschneidung von romanischen, slawischen und germanischen Einflüssen auf keltischem Grund.»

 

Kärnten ist Österreichs südlichstes Bundesland, im Norden begrenzt von den Hohen Tauern, im Süden von den Karawanken und Karnischen Alpen, im Osten von der Koralpe. Zuerst römisch, dann slawisch besiedelt, von fränkischen, dann von bayrischen Herrschern regiert, jahrhundertelang deutsche Grenzprovinz unter den Habsburgern. 9533 Quadratkilometer groß, 561.114 Einwohner, 682 Kilometer Landesgrenze, davon 403 gegen die österreichischen Bundesländer Steiermark, Salzburg und Tirol, 109 Kilometer gegen den EU-Nachbarn Italien. Sinnstiftend sind aber nur die 170 Kilometer EU-Außengrenze gegen Slowenien.

Während in der Südsteiermark die Grenze zu Slowenien völlig unbefestigt entlang der Ratscher Weinstraße führt, einmal am linken, einmal am rechten Straßenrand entlang, und die Nachbarschaftlichkeit unkompliziert begangen werden kann, hängt die Grenze zwischen Kärnten und Slowenien hoch oben in den Kalk- und Dolomitenfelsen der Karawanken, vor allem aber in den Köpfen einer Mehrheit der Menschen.

Die Geschichte zwischen den beiden Ländern ist von zwei wesentlichen Daten geprägt: Vom Kärntner Abwehrkampf 1918 bis 1919 und vom Partisanenkrieg zwischen 1942 und 1945. In beiden Fällen geht es im wesentlichen um Krieg zwischen Kärntnern und Slowenen, um Gebietsansprüche von Jugoslawien auf slowenisch besiedelte Gebiete Kärntens und um in Namen des Nationalismus verübte Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es kam dabei bis heute nicht soweit, dass die Fakten lückenlos erhoben, geschichtliche Details unstrittig festgestellt wurden, um anschließend eine für alle Seiten akzeptable, politische Bewertung möglich zu machen. Statt dessen sind «Kärntner Abwehrkampf» und «Partisanenkrieg» genauso zu Codes geworden wie die Kärntner «Urangst» vor slawischen Gebietsansprüchen, die in den Konflikten um zweisprachige Ortstafeln immer wieder abgerufen wird.

Die Positionen kennen kaum Schattierungen. Sie heißen für oder gegen Kärnten; für das Land oder für die Stadt; pro oder contra Heimat. Die allgegenwärtige Geschichte fordert noch heute, zwei Jahre vor dem bevorstehenden EU-Beitritt Sloweniens, im wesentlichen ein Bekenntnis zur deutschen oder zur slawischen Kultur.

Ich fuhr durch die südlichen Bezirke Klagenfurt-Land und Völkermarkt, wo die slowenischsprachige Bevölkerung Kärntens traditionell am dichtesten gewesen war. Ein grandioses Landschaftspanorama vor den hohen Wänden der Karawanken. Kleine, verstreute Ortschaften, bunte Bauernhäuser mit den traditionell geknickten Dachfirsten und verspielt übereinander gemauerten Ziegeln in den hohen Fenstern der Scheunen. In dieser Zone lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts über 100.000 slowenische Kärntner. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zerbrach die Habsburger-Monarchie. Slowenische Truppen marschierten im Süden Kärntens ein. Gegen den Rat der Wiener Bundesregierung wehrten sich Kärntner Militärverbände mit Waffengewalt. Bei den Pariser Friedensverhandlungen entschied man für eine Volksabstimmung. Am 10. Oktober 1920 stimmten 59 Prozent der mehrheitlich slowenischsprachigen Bewohner für den Verbleib Kärntens bei Österreich. Seither ist ihre Zahl ständig gesunken. Bei der Volkszählung 2001 deklarierten sich nur noch etwas mehr als 12.000 Personen als slowenische Kärntner, knapp 2,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.

«Als ich ein Kind war», sagte mir der Verleger Lojze Wieser, Jahrgang 1954, «haben in meinem Heimatort Tschachoritsch 95 Prozent der Menschen slowenisch gesprochen. Heute ist es umgekehrt.»

Wieser hätte durchaus Grund zur Bitterkeit. An seinen Verlag hatte im Oktober 1994 der Bajuwarische Befreiungsarmist Franz Fuchs eine Briefbombe geschickt, und ständige, oft politisch motivierte Streitereien um Subventionen für das Literaturprogramm haben tiefe Löcher im Budget hinterlassen. Aber Wieser erklärt den Wandel der Sprachen erstaunlich nüchtern. Die deutsche Sprache sei in Kärnten stets für die Wichtigkeit, den Wohlstand, die Macht gestanden. Slowenisch hingegen habe Knechtschaft, Kleinbauerntum, Unterwürfigkeit bedeutet. «Aus dieser sozialen Eingepferchtheit will man weg», sagte Wieser. «Ist doch klar.»

Keine slowenischen Aufschriften an den Häusern, keine Wegweiser, nur selten eine zweisprachige Ortstafel. Ludmannsdorf/Bilcovs. Zell Pfarre/Sele Fara. In ganz Kärnten stehen nicht mehr als 71 Ortstafeln, auf denen der Name der Gemeinde sowohl auf deutsch als auch auf slowenisch zu lesen ist. Dabei hätte die slowenische Minderheit laut Artikel 7 des Österreichischen Staatsvertrags, der Minderheiten die selben Rechte wie der Mehrheit garantiert, Anspruch auf mehr als doppelt so viele. Im Oktober 1972 waren 205 zweisprachige Ortstafeln aufgestellt worden. Sie sorgten für einen nationalen Aufschrei und wutentbrannte, antislowenische Propaganda. Der «Kärntner Heimatdienst», nationaler Traditionsverband wie die «Kärntner Landsmannschaft» oder der «Kärntner Abwehrkämpferbund», befeuerte die Proteste mit dem reichlich verwegenen Argument, zweisprachige Ortstafeln würden einen geschlossenen slowenischen Siedlungsraum suggerieren, auf den Jugoslawien Besitzansprüche anmelden könnte.

Der «Ortstafelsturm», ein Kärntner Trauma, fegte durch die Gemeinden. Viele der frisch gepflanzten Tafeln wurden ausgerissen und zerstört. Bis heute stehen die meisten der gesetzlich vorgesehenen Ortstafeln nicht an ihrem Platz.  Die Forderung, die bestehenden Tafeln auf die rechtsstaatlich garantierten 205 Stück aufzustocken, gilt als radikal und/oder slowenisch-nationalistisch.

Josef Feldner, Obmann des Kärntner Heimatdiensts, empfing mich im Klagenfurter «Haus der Kärntner». Sein Büro liegt im ersten Stock. Im Erdgeschoß saßen um einen großen Konferenztisch etwa zwanzig ehrenamtliche Heimatdienst-Mitarbeiter, alle hochbetagt, die meisten im elegant-rustikalen Tenue, das alte Menschen vom Land gerne tragen, wenn sie in der Stadt zu tun haben. Sie machten eine Aussendung ihres Vereins postfertig. Eine Menge Arbeit. Der Heimatdienst hat 25.000 Mitglieder.

Der pensionierte Rechtsanwalt Feldner präsentierte sich als besonnener, freundlicher Herr, der mit großer politischer Routine wußte, wie er Zweck und Ausrichtung seines Vereins zu definieren hatte, um damit deutschnationalen Missverständnissen vorzubeugen. Der Heimatdienst, Nachfolgeorganisation der 1918 zur Vorbereitung der Volksabstimmung gegründeten «Landesagitationsleitung der Landesregierung», sei nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland vom «damaligen Gewaltregime» vereinnahmt worden, und verfolge nach seiner Neugründung 1957 sowohl traditionspflegerische als auch politische Zwecke. Er halte das Andenken an den 10. Oktober aufrecht und bemühe sich darum, dass die Kärntner Kultur «nicht verwässert» werde.

Mit Verve spulte Feldner sein politisches Programm ab. Er verwahrte sich gegen stets wiederkehrende Vorwürfe des Großdeutschentums, indem er das Bekenntnis seines Vereins zu Österreich betonte. Er führte die EU-kritische Position des Heimatdiensts als Beweis dafür an, dass man keine wie auch immer gearteten Anschluss-Gedanken hege. Er verurteilte die Kriegsverbrechen der Nazis an den Kärntner Slowenen.

Diese Positionen klingen für einen österreichischen Politiker des 21. Jahrhunderts zwar reichlich selbstverständlich. Allein, dass sie einem Gespräch als Präambel vorangeschickt werden, zeigt, dass sie es nicht sind. Feldner arbeitet hart daran, Nazi-Verdachtsmomente zu zerstreuen, auch wenn - oder gerade weil - der Heimatdienst oft als Sammelbecken Ewiggestriger diskreditiert wird. Die slowenische Presse, aber auch einzelne Funktionäre der slowenischen Volksgruppe, halten sich mit entsprechenden Anschuldigungen nicht zurück, so wie der Heimatdienst selbst mit schöner Regelmäßigkeit das variierte Feindbild tito-kommunistischer Gefahr jenseits der Karawanken beschwört, einen von der Zeitgeschichte längst überholten Spuk.

Eine zentrale Forderung des Heimatdiensts findet sich auch in den aktuellen FPÖ-Positionen nach Haiders Machtübernahme wieder: jene nach dem Veto gegen den EU-Beitritt Tschechiens und Sloweniens, falls die Vertriebenen-Gesetze nicht aus den Rechtsordnungen der Beitrittsstaaten verschwinden.

Im übrigen handeln die Konfliktparteien mit Symbolen. Die gegenseitige Verfemung und Dämonisierung gehört zur Strategie. Eingeständnis eigener Schuld gegen Eingeständnis fremder Schuld. Opfer der Nazis gegen Opfer von Partisanenübergriffen nach Ende des zweiten Weltkriegs. Anspruch auf Ortstafeln gegen gefügigere Interpretation der Geschichte; oder umgekehrt. Die Diskussionen folgen längst keiner außerhalb Kärntens nachvollziehbaren Logik mehr.

Das bestätigte mir auch Marjan Sturm, Obmann des Zentralrats Kärntner Slowenen, einer von zwei autorisierten Slowenenvertretungen. Sturm ist ein blitzgescheiter Jurist mit einem spürbaren Hang zum Zynismus. «Der Volksgruppen-Konflikt», sagte er, «hat in Kärnten zu ambitionslosen politischen Eliten geführt. Der Konflikt spricht den Bauch der Beteiligten an und ethnisiert die Politik. Emotionen können ohne großen Aufwand abgerufen werden. Jörg Haider beherrscht das von allen Politikern am besten.»

Sturm grinste. «Aber das betrifft auch meine Volksgruppe. Sie agiert ähnlich.» Er grinste breiter. « Wir sitzen alle zusammen in der Ethnofalle. Wenn Haider so agiert, müssen auch wir so agieren. Bedingt agiere auch ich so.»

Am 12. Oktober 1994 entfesselte der slowenisch-kärntnerische Rechtsanwalt Rudolf Vouk den Ortstafelstreit neu, indem er mit dem Auto zu schnell durch die Gemeinde St. Kanzian fuhr. Er sei wohl zu schnell unterwegs gewesen, argumentierte Vouk bei seinem Einspruch gegen die Polizeistrafe, aber er habe nicht wissen können, dass er sich im Ortsgebiet befinde. Die Orteinfahrt sei schließlich nur auf deutsch beschildert gewesen. Der zu diesem Zweck lancierte Rechtsstreit ging durch alle Instanzen bis hinauf zum Verfassungsgerichtshof. Dieser gab Vouk am 13. Dezember 2001 recht und entschied, dass insgesamt 396 zweisprachige Ortstafeln aufzustellen seien.

Landeshauptmann Haider reagierte prompt. Er ließ dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs ausrichten, kommt gar nicht in Frage. Neue zweisprachige Ortstafeln nur über seine Leiche. Er werde statt dessen die Autobahnwegweiser nach Slowenien, die bis dato auf Deutsch und Slowenisch beschriftet waren, eindeutschen lassen. Argument: «Die Slowenen lachen uns ja aus.» Wenige Tage später ließ sich Haider dabei fotografieren, wie er in der Nähe von Villach einen Wegweiser nach «Ljubljana» mit «Slowenien» überklebte. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sah sich gezwungen, zur Beruhigung der Lage einen Runden Tisch für die Ortstafelfrage einzurichten, an dem freilich nicht nur die Vertreter der slowenischen Minderheit, sondern auch jene der Mehrheit, Heimatdienst und Abwehrkämpfer, Sitz und Stimmrecht besitzen.

Der Einfluss der heimattreuen Verbände auf die Kärntner Tagespolitik ist evident. Lächelnd erzählte mir Josef Feldner, dass er mit den Vorsitzenden aller drei Landtagsparteien - Sozialdemokraten, Freiheitliche, Christdemokraten - per du sei. Tatsächlich geht keine Veranstaltung, bei der «das stolze Andenken an den Kärntner Abwehrkampf» hochgehalten wird, ohne Beteiligung von hochrangigen Politikern aller Couleurs ab. Während Gedenkstunden an die Opfer des NS-Konzentrationslagers auf dem Loiblpass, wenn überhaupt, von Politikern der zweiten Reihe beschickt werden, knieen bei Messen für die Partisanenopfer die Vorsitzenden der drei Parteien höchstpersönlich im Betstuhl.

Auch Gesundheitsminister Herbert Haupt, im Privatberuf Tierarzt, hatte seine Gartenlaube mit dem Gedenkkreuz an den «Kärntner Abwehrkampf 1918 - 1919» geschmückt. In der Garage stand sein Dienstwagen, ein Siebener BMW, den Haupt an diesem Sonntagabend noch persönlich nach Wien steuern würde. Er kalkulierte drei Stunden für die fast 400 Kilometer lange Strecke. Als ich ihn dafür ungläubig anstarrte, nickte er mit dem Kopf, «doch, doch, ich bin so ein depperter Autofahrer.» Im Jahr 1981 hatte Haupt nach einem schweren Autounfall eine Bluttransfusion erhalten. Dabei infizierte er sich mit Hepatitis C und gilt seither als behindert.

Haupt war einer von vier Kärntner FPÖ-Ministern im fünfzehnköpfigen Kabinett der schwarz-blauen Koalition. Ich fragte ihn, ob er als Kärntner Minister lokalpatriotisch regieren konnte. «Wir haben», antwortete er kühl, «unser Bundesland sicher nicht benachteiligt.» Ob das dem Objektivitätsgebot eines Ministeramtes entspreche? «Sie müssen berücksichtigen, dass wir in Kärnten die längste Zeit nicht vornehm behandelt worden sind.»

Natürlich bot das politische Biotop Kärnten dem jungen Jörg Haider optimale Möglichkeiten, sich zu entfalten, auch wenn der Oberösterreicher, als er Mitte der Siebzigerjahre als Landesparteisekretär nach Klagenfurt übersiedelte, skurrilerweise mit der Aufgabe antrat, der nationalsten aller freiheitlichen Landesorganisationen ein liberaleres Image zu verpassen.

An dieser Aufgabe scheiterte er höchst erfolgreich, indem er das politische Potenzial nationaler Positionen instinktsicher in sich aufsog und lernte, sie in modernem Outfit zu präsentieren. Haider schaffte schon früh den Spagat zwischen vitalem Auftreten, angriffslustiger Rhetorik und der zwinkernden Bereitschaft, nationale Ideologieversatzstücke bei Bedarf abzurufen. Damit kam er nicht nur bei der FPÖ, sondern auch beim politischen Gegner gut an. Die SPÖ, mangels Industrieproletariats weitgehend unbefleckt von marxistischer Ideologie, hatte als erste Landespartei um frühere NS-Mitglieder geworben und ungeniert Partei- und Landesbürokratie mit Ehemaligen besetzt. Die ÖVP, im protestantischen Kärnten nie so erfolgreich wie im katholischen Restösterreich, konnte ohnehin keine bestimmende Rolle spielen. Der Weg für eine dritte Kraft war angelegt.

1983 drängte sich Haider mit viel Ellbogengefühl an die Spitze der Kärntner FPÖ und bedachte die Bundespartei, die im selben Jahr mit der SPÖ in eine Koalitionsregierung eingetreten war, mit dauerndem Sperrfeuer. 1986 putschte er sich beim Innsbrucker Parteitag an die Spitze der FPÖ. Die Koalition zerbrach, gleichzeitig begann die strahlende Karriere des Oppositionspolitikers Haider. Als Hausmacht für seinen ständig zunehmenden Einfluss entpuppte sich die Zustimmung der Kärntner Wählerschaft. Die FPÖ hielt 1984 noch 16 Prozent der Stimmen, 1989 bereits 29 Prozent, 1994 33 Prozent. 1999 heimste die Haider-Partei unglaubliche 42 Prozent der Stimmen ein. Nachdem «unser Jörg» als Landeshauptmann angelobt worden war, stellten ihm Meinungsumfragen zwischenzeitlich sogar die absolute Mehrheit in Aussicht.

Wenn er sich jetzt von Klagenfurt aus wieder zum österreichischen Robin Hood aufschwingt, zum Anwalt des Kleinen Mannes, zum Knüppel-aus-dem-Sack für die nächste Regierung, der die FPÖ mutmaßlich nicht mehr angehört, werden die Kärntner darin einen Triumph ihrer Eigenständigkeit und ihres rebellischen Geistes entdecken. Haider in der Bundespolitik, das ist in jedem Fall auch Landespolitik, wenn auch von einer speziell psychologischen Sorte.

Kärnten ist außergewöhnlich schön. Das Klima ist mild und wird vom Mittelmeerraum geprägt. Die Seen haben Trinkwasserqualität, ihr Wasser ist seidenweich und warm. Unter dem Gartnerkofel gedeiht die Wulfenia, eine blaue Blume aus der Familie der Braunwurzgewächse, die sonst nur im Himalaja gepflückt werden kann. Die Lieder der zahlreichen Kärntner Chöre sind anrührend und sentimental, Andreas Mölzer würde sagen, man hört ihnen die slawische Traurigkeit an. Zahlreiche Künstler von Geltung stammen aus diversen Winkeln des Landes, die meisten von ihnen, Peter Handke, Gert Jonke, Peter Turrini, Lydia Mischkulnig haben das Land längst verlassen. Nur Josef Winkler lebt noch hier. In seinem Roman «Der Leibeigene» erklärt er, warum: «Ich hasse mein Heimatland viel zu sehr, als dass ich es für immer verlassen könnte.»

Die wirtschaftliche Lage des Landes ist prekär. In der entsprechenden Statistik liegt Kärnten auf dem letzten Platz aller neun österreichischer Bundesländer. Nur der Tourismus liefert brauchbare Ergebnisse. Um diese Branche zu stärken, hat das Land Kärnten einen profilierten Event-Veranstalter engagiert, den Niki Lauda-Freund Hannes Jagerhofer.

Jagerhofer spricht von einer Vertiefung der «Marke Kärnten». Er lässt in Velden Go-Carts im Kreis fahren und in Klagenfurt Beachvolleyball spielen. Er hält in der Schleppe-Brauerei Muskelmann-Meisterschaften ab und sorgt dafür, dass ausreichend Prominente anwesend sind, die den Events Flair verleihen und sie für die Klatschspalten der überregionalen Zeitungen qualifizieren.

Nicht dass Kärnten arm an merkwürdigen Veranstaltungen wäre. Jedes Jahr im Frühjahr treffen sich in Reifnitz tausende Golf GTI-Fahrer, um mit durchdrehenden Reifen den See zu umrunden. An der Promenade gegenüber dem Strandhotel Sille steht ein GTI aus Granit, einst Geschenk des VW-Werks an die Gemeinde, heute eher ein Mahnmal an die Geister, die man nicht mehr los wird. In St. Georgen fanden Weltmeisterschaften im Hühnerweitflug statt. Das Patronat über die absurde Veranstaltung hatte der damalige Infrastrukturminister Mathias Reichhold, FPÖ, übernommen. Sein eigener Bauernhof liegt gleich nebenan, der Veranstalter war sein Cousin.

Jörg Haider hat sich Tourismusförderung durch Eventmarketing in den Kopf gesetzt. «Schade, dass Sie den Ironman versäumt haben», sagte er mir, als wir am Rand der Greifenburger Ritterspiele miteinander sprachen. Der Ironman war eine gut besuchte Triathlon-Veranstaltung, an der Haider Idee, Werbekraft und Umwegrentabilität im modernen Tourismus erklären konnte.

Was Marketing heisst, ist dem Kärntner Landeshauptmann vertraut. Er ließ sich schon vor 15 Jahren mit nacktem Oberkörper am Ufer des Wörthersees fotografieren, wohl wissend, dass die Botschaft eines ansehnlichen Körpers bei Oberflächenbetrachtern eins zu eins in politisches Kapital verwandelt werden kann. Dem Prinzip ist er bis heute treu geblieben. Den letzten Körpervermarktungsdurchgang brachte Haider am 24. August hinter sich, als er mit Startnummer 1 beim Halbmarathon von Velden nach Klagenfurt startete und Platz 636 belegte. Die Fotos von Haider im verschwitzten Muskel T-Shirt wurden von der Lokalpresse gern gedruckt, und er musste auch keine Inseratengebühr bezahlen wie auf der hinteren Umschlagseite des «Kärntner Monat», wo sich Haider unter den Schlagworten «Erfrischend. Anders. Jörg.» als modebewusster Landeshauptmann präsentierte, einmal cool-elegant im dunklen Nadelstreif mit aufgesetzter Sonnenbrille, einmal lässig sportiv mit rotem Baumwollsakko und an der Kappe rechteckigen Cowboystiefeln.

Längst hat Haider begriffen, dass auch Kärntens Landschaft zur Trägerrakete für politische Botschaften umfunktioniert werden kann. Er hat einen Kärntner Tourismusdirektor verschlissen, indem er jede Veranstaltung, die das Image Kärntens bei der reisenden Kundschaft aufbessern sollte, zur Ego-Veranstaltung für sich selbst umfunktionierte. Er hat nicht nur den höchsten Posten im Land angetreten, sondern das Land in Besitz genommen.

Wo Haider auftaucht, gehört ihm die Szenerie. Nur manchmal ist es umgekehrt. Als er am Vormittag des 16. August in Reifnitz auftauchte, um das dortige «Oktoberfest» zu eröffnen, war das Gedränge nicht gerade groß. Haider trug, wie oft in den letzten Monaten, helle Schuhe zu einem grauen Anzug, dazu eine Krawatte mit beachtlich dimensioniertem Knoten.

 Haider begrüßte die Anwesenden, platzierte ein paar begeisterte Worte über die historischen Verbindungen zwischen Kärnten und Bayern, wie sie ihm über die historischen Verbindungen zwischen Kärnten und Wien nie einfallen würden, und lobte den Ideenreichtum des Festzeltbesitzers, in Reifnitz ein Münchner Oktoberfest abzuhalten. Er  ließ sich eine Löwenbräu-Schürze umbinden und schlug ein Fass Bier an. Alle tranken. Damit war der offizielle Teil des Vormittags erledigt, außer dass sich Haider noch die Bemerkung eines Musikanten über seinen Krawattenknoten anhören musste. Der sei gar ein bisschen groß.

Eine Frau im besten Alter marschierte schnurstracks auf Haider zu und gab der Kapelle ein Zeichen, die darauf so etwas wie einen Walzer anstimmte. Die Frau nahm Haider um die Hüfte, zog ihn auf das zum Tanzboden umfunktionierte Kiesbett. Dann begannen sich die beiden zu drehen.

Haider drehte nach rechts. Er sah leere Biertische und -bänke und jede Menge weiß-blaue Flaggen. Er schaute zu Boden und sah braune Schuhe. Rechts. Braun. Schritt. Rechts. Braun. Schritt.  Er hob den Kopf und sah eine Frau, die er nicht kannte und die ihn im Dreivierteltakt durchs Kiesbett schleifte. Er lächelte. Es war Freitag mittag. Er war «unser Jörg».

Nein. In diesem Augenblick war Jörg Haider nicht einmal mit sich selbst per du.

 

 

 

 

 


Food & Beverage

Christian Seilers
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