Die europäische Modellregion

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Blendende Architektur, blühendes Handwerk, seit dreißig Jahren vorbildliche Entscheidungen für die Weiterentwicklung des Gemeinwesens. Warum der Bregenzerwald eine europäische Modellregion ist.




Der Bürgermeister hat jetzt Wichtigeres zu tun, als über Architektur zu reden. Während drei Bauarbeiter das verwegen gefaltete Metallzelt der belgischen Architekten de Vylder Vinck Taillieu in den Boden der Autobushaltestelle Unterkrumbach-Nord betonieren, besteigt Arnold Hirschbühl, seit 19 Jahren Bürgermeister der Bregenzerwälder Gemeinde Krumbach, seinen mit einem Elektromotor betriebenen Citroen C-Zero und knüppelt das Dienstfahrzeug Richtung Ortszentrum. Die Arbeiter haben Hunger. Der Bürgermeister muss Semmeln holen. Der C-Zero schießt die Straße hinauf, als säße ein Halbstarker am Fahrersitz, aber man hört nur das Schmatzen des Betons, in dem die Arbeiter in ihren hohen Stiefeln herumwaten. Das Jaulen vom Motor des Bürgermeisterfahrzeugs ist nur zu sehen.

Drei, vier Anwohner stehen neben der Baustelle und begutachten die Skulptur, die ihre neue Bushaltestelle sein wird. Sie haben natürlich schon vernommen, dass in 6942 Krumbach, 1037 Einwohner, Landkreis Bregenzerwald, Vorarlberg, etwas Außergewöhnliches geplant ist: Sieben Architekten von Weltrang haben sieben Busstationen für den öffentlichen Nahverkehr entworfen. Aber jetzt landen die Ufos tatsächlich. Drüben, auf der anderen Straßenseite, Unterkrumbach-Süd, ist bereits die Station der spanischen Architekten Antón García-Abril und Débora Mesa montiert, ein wildes, poetisches Konstrukt übereinander geschichteter, roher Holzbretter, die so aussehen, als hätten riesige Kinder beim Spielen ein Häuschen gebaut und am Straßenrand vergessen.

„Doch." 

Der erste der Zaungäste gibt in Abwesenheit des Bürgermeisters seinen ästhetischen Befund ab. Ein anderer schaut zwar ein bisschen misstrauisch, aber man kann am Schwung der Falten über seiner Nasenwurzel ablesen, dass er sich erklären lassen wird, warum die an den Straßen von Krumbach nach Hittisau, Langenegg und Doren postierten Busstationen, deren Form den Raster jeder Bauordnung sprengt, hier gut und richtig stehen. 

Schon die Idee war größenwahnsinnig. Die Architekten Alexander Brodsky, Moskau, das norwegische Büro RintalaEggertsson, die Flamen de Vylder Vinck Taillieu, das spanische Ensamble Studio von Antón García-Abril und Débora Mesa, der Chilene Smiljan Radic, der Japaner Sou Fujimoto und die Chinesen Wang Shu/Lu Wenyu bauen in einer Provinzgemeinde Busstationen. Die Architekten sind Weltstars einer neuen Generation, Pritzkerpreisträger (Wang Shu), Gestalter des Pavillons der Londoner „Serpentine Gallery" (Sou Fujimoto und Smiljan Radic), um wahllos ein paar valide Auszeichnungen zu nennen.

Ein paar Fragen taten sich angesichts der illustren Besetzung auf: Wie sollte man diese Stars, selbst wenn man sie für den Bau je einer Busstation begeistern könnte, bezahlen? Es gab selbstverständlich kein Budget für das Projekt in der Dorfkasse.

Und: Warum sollte sich ein Bürgermeister so ein Projekt ans Bein binden? Jeder Politiker, der über ein Quäntchen Hausverstand verfügt, weiß, dass mit moderner Architektur kein Blumenstrauß zu gewinnen ist. Im Gegenteil, Verstöße gegen das gewohnte Ortsbild münden oft in erbitterten Streit, wenn nicht sogar in handfeste Drohungen, unerwünschte Bauwerke einfach abzufackeln.

Letzteres, das wusste Bürgermeister Hirschbühl allerdings sicher, stimmte für seine Gemeinde nicht. Denn in Krumbach gelten wie im gesamten Bregenzerwald - der Landschaft und Verwaltungseinheit, der das Dorf angehört - andere Regeln als im Rest Europas. Die Region ist ein Prototyp für die Weiterentwicklung eines funktionierenden Gemeinwesens, für die ständige Verbesserung des Gesamtzustands durch das Zuführen kultureller und ökonomischer Impulse. Der Bregenzerwald ist, um es auf einen plakativen Nenner zu bringen, jene Region Europas, von der man lernen kann, wie es ein Gemeinwesen während Jahrzehnten schafft, richtige Entscheidungen zu treffen und sich nicht von der Lawine industrieller und kultureller Banalitäten mitreissen zu lassen wie der Rest Europas. Der Bregenzerwald, nur wenige Kilometer von der Ostgrenze der Schweiz entfernt, ist ein Modell der Ermutigung: Qualitäten gehen nicht verloren, wenn man sich um sie bemüht. Die Banalisierer sind nicht zwangsläufig in der Mehrheit. Das Gemeinwesen ist lernfähig. Der Mainstream ist nicht dumm.

Der Bregenzerwald grenzt im Westen an die Bodenseeregion, im Norden an den Allgäu, im Nordosten an das Kleinwalsertal, im Osten an das Arlberggebiet und im Süden an das Große Walsertal. Die 479 Quadratkilometer große Region wird von 30.041 Menschen in 22 Gemeinden bewohnt. Sie verbreitet auf den ersten Blick eine Stimmung wie das auf der anderen Seite des Rheins gelegene Appenzellerland: sorgfältig bewirtschaftete Grasberge, die sich mit bewaldeten Zonen abwechseln und sanft nach oben steigen. Bäuerliche Strukturen. Viehwirtschaft. Alpine Panoramen. 

Aber während im Appenzellerland vor allem die historische Bausubstanz ins Auge springt und der Region ihre kulturelle Prägung verleiht, ist die erste Begegnung mit der Architektur des Bregenzerwaldes viel radikaler. Auch hier historische Bauernhäuser aus Holz, Wohnraum und Stall unter einem gemeinsamen Dach, holzgeschindelt, alpiner Baustil. Doch in unmittelbarer Nachbarschaft moderne Bausubstanz aus Holz und Glas, gerade Linien, große Fenster, flache Dächer. Deklarierte Zeitgenossenschaft. 

Sichtbar unterschiedliche Qualitäten treten zueinander in Beziehung. Dreihundert Jahre alte Bauernhäuser stehen Schulter an Schulter mit blitzenden, klar konstruierten Anbauten urbanen Zuschnitts, wie sie jedes Architekturmagazin schmücken würden (und das auch oft genug tun). Diese Nachbarschaft ist vor allem deshalb so spektakulär, weil ihr jeder moderate Übergang, jedes Mittelmaß fehlt. Die achtlose Einfamilienhauskultur, die viele schweizerische Landstriche prägt und marginalisiert, ist am Bregenzerwald abgeprallt, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Während in anderen Landstrichen Europas das architektonische Mittelmaß die Regel und Qualität die Ausnahme ist, verhält es sich hier umgekehrt. Tradition und Zeitgenossenschaft werden gleichzeitig und gleichwertig signalisiert. 

In den größeren Ortschaften des „Walds", wie die Einheimischen ihre Region nennen, spitzt sich dieses Bild sogar noch zu. In Andelsbuch, Bizau, Bezau, Hittisau und Egg stehen die alten Sakral- und Wirtshausbauten, die traditionell die Hauptplätze bäuerlicher Gemeinden prägen, neben auffälligen Neubauten, die sich als Gemeindehaus, Pfarrhaus oder Gemeindesaal vorstellen. Diese Dichotomie ist Ausdruck von prägender Entschlossenheit. Die Kommunen haben sich das Motiv der Zeitgenossenschaft angeeignet, repräsentieren es und treiben es voran.

Auch das Ortszentrum von Krumbach ist neuerdings neu gestaltet. Der Hauptplatz, der frontal vom Gemeindehaus dominiert wird, wurde an seiner linken Flanke von einem mehrstöckigen Dorfhaus in Passivbauweise ergänzt, auf der anderen Seite, vor der Kirche, entstand das neue Pfarrhaus, ein ästhetisch überzeugender Zweckbau aus Holz und Glas. Die architektonische Qualität der Dorfplatzlösung ist unübersehbar, aber noch spektakulärer ist das Konzept angewandter Vernunft, das den gestalterischen Lösungen zugrunde liegt. Um das Dorfzentrum zu beleben, Wohnraum zu verdichten und der Zersiedelung am Ortsrand Einhalt zu gebieten, hat die Gemeinde die lokalen Architekten Bernardo Bader, Rene Bechter und Hermann Kaufmann mit einem entsprechenden Nutzungskonzept beauftragt. In den Anforderungskatalog flossen nicht nur evidente Probleme wie die drohende Verödung des Dorfzentrums und die Knappheit an Baugründen ein, sondern auch scheinbare Marginalien: zum Beispiel, dass die örtliche Blasmusik Auflösungstendenzen gezeigt hatte, und dass man dem ehrenamtlichen Engagement, das die Kapelle wieder in Schwung gebracht hatte, eine Referenz erweisen wollte. Also plante man im neuen Pfarrhaus ein erstklassiges Probelokal für die Musik ein, geräumig und schallgedämpft. 

Wenige Schritte vom Dorfplatz entstand schließlich eine Bushaltestelle, die der eigentliche Ausgangspunkt für die architektonische Weltreise ist, auf die sich Krumbach eingelassen hat. Beeindruckend das 29 mal vier Meter große Dach, das über zwei länglichen Kernstützen schwebt und die Haltestelle wie einen Terminal wirken lässt. Die Existenz dieser herausragend konstruierten Haltestelle brachte den Kulturverein erst auf die Idee, auch andere Stationen speziell zu gestalten. 

Dann passierte, womit niemand gerechnet hatte: Alle Architekten, die der in die Planung involvierte Direktor des Wiener Architekturzentrums, Dietmar Steiner, auf eine utopische Wunschliste geschrieben hatte, sagten ja. Alexander Brodsky entwarf ein Mittelding zwischen einem Turm und einem Vogelhaus, Sou-Fujimoto ein Dickicht aus Stangen mit Aussichtsplattform, Studio Ensamble ihren poetischen Bretterverschlag, Vylder Vinck Taillieu das gefaltete Metallzelt. Smiljan Radic stellte ein Glashaus an die Ortsausfahrt, das humorvoll Motive von Mies aufnimmt und mit seiner Kassettendecke aus Beton für die Gemütlichkeit einer „Wälderstube" draußen in der Landschaft sorgen soll. RintalaEggertsson konstruierte einen lärchenbeschindelten Hochsitz und Wang Shu entwarf eine überdimensionale Camera Obscura mit dem Motto „Freie Sicht auf die Landschaft". 

Die Gage für die Architekten betrug je eine Woche Ferien im Bregenzerwald. Sie fanden „Bus:Stop" zu crazy, um nicht mitzumachen.

Während der Kulturverein und die assoziierten Vorarlberger Architekten sich noch über das Gelingen des Projekts freuten, sortierte Bürgermeister Arnold Hirschbühl längst Argumente, wie er „die Wartehüsle" in der Gemeinde verankern könnte. Er fragte nicht primär nach der Zustimmung der Bürger („neue Projekte finden am Anfang nie eine Zustimmung"), sondern stellte jedem Architekten von auswärts einen lokalen Architekten zur Seite. Für die Fertigung wurden lokale Firmen gesucht, die das Bauvorhaben umsetzen konnten - idealerweise gratis, denn öffentliches Geld gab es für „Bus:Stop" keines. Hirschbühl trieb gemeinsam mit dem Kulturverein die nötige Unterstützung auf - und vergisst seither keine Sekunde lang, jedem einzelnen Mitarbeiter zu signalisieren, wie wichtig gerade sein Beitrag ist.

Er parkt also den Elektroflitzer neben der Baustelle und verteilt die Beute aus dem Supermarkt an die Betonierer: Semmeln mit Schinken, Prickelwasser, Cola. Dass der Bürgermeister seine Freiwilligen persönlich mit Essen und Trinken versorgt, versteht sich in diesem Zusammenhang von selbst.

„Danke, Arnold", sagen die Arbeiter.

„Gern geschehen", sagt der Bürgermeister. Wieder ein Steinchen ins große Mosaik der Vorarlberger Baukultur eingefügt. 

Dass im Bregenzerwald schönere und bessere Häuser stehen als überall sonst in Europa, ist das Resultat einer Bewegung. Eine Gruppe talentierter Architekten entwickelte in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts einen Baustil von radikaler Einfachheit und Funktionalität. „Ihre Formen sind klar", schreibt Dominique Gauzin-Müller in ihrem Buch „Ökologische Architektur in Vorarlberg", „die Baukörper großflächig nach außen geöffnet, die Pläne funktional, das konstruktive System optimiert, die Materialien gesundheitsunbedenklich." 

Die kistenförmigen Holzhäuser, heute Ikonen der Vorarlberger „Baukünstler", wurden als „Hasenställe" verunglimpft. Manche Architekten bekamen Berufsverbot angedroht, andere wurden in ihren Dörfern nicht mehr gegrüßt. Wer damals gesagt hätte, dass die Hasenställe ein halbes Jahrhundert später das Gesicht und die Identität der Region prägen würden, hätte den Exorzisten ins Haus geschickt bekommen.

Doch genau an solchen Fragen schärft sich das Selbstverständnis einer Gesellschaft: Wie entsteht in ihrer Mitte die Energie für den Fortschritt, für das Verständnis, die Vermittlung und Umsetzung von Qualität? 

Konkrete Antwort: Aus Reibung. 

Die Baukünstler waren vom Wiener Architekten und Stadtplaner Roland Rainer beeinflusst, der die anonyme, bäuerliche Architektur Europas und Asiens bewunderte und seine Schüler dazu anhielt, ihre Bauten an Funktion und Ort anzupassen und vorhandene Materialien zu favorisieren - im Grunde eine Selbstverständlichkeit. Im Europa der Agglomerationen bleiben Selbstverständlichkeiten jedoch weitgehend unberücksichtigt.

 Rainers Studenten, die dessen Grundsätze auf die bäuerlich geprägte Landschaft Vorarlbergs umlegten, überzeugten mit ihrer Philosophie zuerst nur vereinzelte Verbündete, vor allem Lehrer, die vom Spirit der Sechzigerjahre befeuert waren und die Lehre weiter trugen - und sich selbst von den Baukünstlern Häuser entwerfen ließen. Gestalterische Transparenz wurde zur Parole, Architektur zur Flagge, die man zeigte.

Damit die Botschaft auch in den Mainstream der klassisch konservativen Landbevölkerung eindringen konnte, brauchte es aber noch zwei voneinander unabhängige Ereignisse. Die erste war die Ölkrise der frühen siebziger Jahre, die das Bewusstsein für Ökologie schärfte. Die zweite ergab sich aus einem Konflikt zwischen den Vorarlberger Architekten und ihrer Standesvertretung in Wien: Als sich die heimischen Architekten mit den Kämmerern in Wien über Berufszulassungsfragen in die Haare kriegten, brachte ihnen das in der wienskeptischen Bevölkerung Respekt und Sympathie ein. Diese Sympathie übertrug sich auf die gestalterischen Inhalte der Baukünstler. Ein Volk der „Hüslebauer" betrachtete zeitgenössische Architektur plötzlich als Hervorbringung der „Ihren".

Dieses Identifikationspotenzial wurde durch das TV-Format „Plus-Minus" befeuert, in dem zwei führende Baukünstler, Roland Gnaiger und Bruno Spagolla, Woche für Woche im Regionalfernsehen an konkreten Beispielen erklärten, warum ein Wohnhaus, eine Scheune, ein Kindergarten, ein Gemeindesaal gut gestaltet sei und ein anderer nicht. In der Verkettung von Motiven, die eine Region kulturell verändert, war „Plus-Minus" vielleicht der Tipping-Point: der Punkt, an dem die Gründe für den Mentalitätswandel stärker ins Gewicht zu fallen begannen als die dagegen. 

„Die Diskussionen aus dem Fernsehen wurden regelmäßig im Wirtshaus fortgeführt", erzählte mir der langjährige Redakteur der Sendung, Walter Fink, einer der vielen Bregenzerwälder, mit denen ich die Frage erörterte, was die kulturelle und ökonomische Sonderstellung der Region begründet. „Die jahrelange, konsequente Vermittlung schärfte das Bewusstsein." 
Führende Persönlichkeiten schlossen sich der Bewegung an. An prominenter Stelle entstanden moderne Häuser, die der Allgemeinheit zugänglich waren. Binnen eines Jahrzehnts war die Entscheidung, einen Architekten mit dem Hausbau zu betrauen, im Bregenzerwald nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel.

Fink begründete das nicht nur anlassbezogen, sondern wie fast alle meine Gesprächspartner auch historisch. Erstens verwies er stolz auf Franz Michael Felder (1839-1869), den Bauernpoeten aus Schoppernau, dessen Autobiographie „Aus meinem Leben" ein Schlüsselwerk für das Verständnis des Bregenzerwalds ist. Felder berichtet von seiner Auflehnung gegen die Hegemonie der bildungsfeindlichen, katholischen Pfarrer und der Käsebarone, die den Handel mit dem wichtigsten Rohstoff des Bregenzerwalds, dem Bergkäse, monopolisierten und die Erzeuger in schlecht bezahlter Abhängigkeit hielten. Seine tabubrechende Selbstbehauptung wird noch heute als beispielhaft und inspirierend empfunden. 
Zweitens zitierte Fink einen Satz des Dialektdichters Gebhard Wölfle: „Meor ehrod das Ault, und grüssed das Nü, und blibot üs sealb und dr Hoamat trü" - Wir ehren das Alte und begrüßen das Neue und bleiben uns selbst und der Heimat treu. Dieser Selbstvergewisserungsslogan definiert ziemlich exakt den Charakter, den sich die Wälder selbst zuschreiben - „ihre DNA", wie sie ihr Denken und Tun im Kontext der eigenen Topographie und Geschichte gern bezeichnen.
Die wechselvolle Geschichte der Region wird bis heute als sinnstiftend empfunden. Die Abgelegenheit des Bregenzerwalds und seine mangelnde strategische Bedeutung motivierte die wechselnden Herren der Region - lokale Grafen, Bischöfe, die Habsburger -, dem Wald bereits im 14. Jahrhundert eine Sonderstellung als „Bauernrepublik" mit eigener Verfassung und Gerichtsbarkeit zuzugestehen. Während die europäischen Hegemonien von moderner Demokratie noch weit entfernt waren, wählten die Wälder ihren Landamann bereits selbst. Standen Entscheidungen an, musste sich der Amann mit seinen Ratsherren in das auf acht Säulen ruhende Rathaus auf der Bezegg zurückziehen, worauf die Zustiegsleiter entfernt und die Bodenklappe geschlossen wurde. Erst wenn die Ratsherren zu einem gemeinsamen Beschluss gekommen waren, durften sie das Provinzkonklave wieder verlassen.

Das Bild ist stark: Entscheidungen werden ohne Einmischung von außen und ohne Fluchtmöglichkeit nach Draußen gemeinsam herbeigeführt, die produktive Reibung wird institutionalisiert. Als die Gemeinde Andelsbuch vor wenigen Jahren ein neues Gemeindehaus errichtete, wurde ein Teil des Gebäudes auf Stelzen gestellt, um an das historische «Wälderparlament» zu erinnern, das mehr als fünfhundert Jahre in Betrieb war und erst von den Habsburgern abgeschafft wurde.

Das Motiv radikaler Selbstbestimmung, das leicht in Selbstgenügsamkeit und Isolationismus kippen könnte, verbindet sich im Bregenzerwald jedoch mit einem weiteren Gründungsmythos, der auf «die Wälder DNA» durchschlägt. Zwischen 1650 und 1878 wanderten Bregenzerwälder Handwerker Jahr für Jahr ins Ausland, um an Kirchen- und Klosterbauten in Süddeutschland, der Schweiz, Österreich und dem Elsass mitzuwirken.

Hundertschaften von Bregenzerwälder «Barockbaumeistern» verbrachten den ganzen Sommer auf den anspruchsvollsten Baustellen ihrer Zeit. Sie exportierten hoch entwickelte Handwerkskultur und importierten kulturelle Verfeinerung. Schon Mitte des 17. Jahrhunderts schloss sich die «Auer Zunft» zu einem Cluster von Steinmetzen, Maurern, Stukkateuren und Zimmerleuten zusammen, deren Mitglieder eine multidisziplinäre Ausbildung in Geometrie und Statik, modernen Bautechniken und Kostenkalkulation absolvieren mussten, um auf dem umkämpften Markt der kirchlichen Grossbaustellen konkurrenzfähig zu sein. Ein Nebeneffekt der langen Auslandsaufenthalte war, dass die Barockbaumeister stets auf dem neusten Stand der architektonischen und künstlerischen Entwicklung waren. Ihre Arbeit war welthaltig. Sie kombinierte Tradition und Gegenwart zu unstrittiger Qualität.

Auch als ich in Hittisau den Tischler Markus Faißt besuchte, kam das Gespräch schnell auf die Barockbaumeister. Faißt ist Spross einer Handwerkerdynastie und unter den vielen hervorragenden Handwerkern des Bregenzerwalds eine herausragende Figur. Einer seiner Vorvorfahren in der Barockzeit war Stukkateur, und Faißt behütet dessen zerschlissenes „Wanderbuch" wie eine Reliquie. Die Botschaft, die ihm das Büchlein mit seinen handschriftlichen Einträgen von Baustellen in St.Gallen, Chur, Luzern und Augsburg vermittelt, lautet: „Qualität hat sich damals gelohnt. Qualität lohnt sich auch heute." 

Der Präsentationsraum, in den mich Faißt nach dem Rundgang durch die Werkstatt führte, ist von fast sakraler Strenge. Eine Küche, Kästen, Tisch und Stühle aus Holz bilden ein strenges Ensemble, das den großzügig bemessenen Raum perfekt in Szene setzt. Zwei auffällig schöne Stühle standen am Rand des Raums, Faißt hatte sie für die „Krone" in Hittisau entworfen. 
Vor wenigen Jahren stellte Faißt neben seinem Haus eine Halle auf, in der er das Holz für seinen Bedarf angemessen trocknen kann. „Pro Zentimeter Brettstärke", sagte er, „dauert das ein Jahr." Statt dieser Lagerhalle, in der ein Vermögen auf Verarbeitung wartet, hätte Faißt ohne weiteres auch seine Werkstatt erweitern können, aber er entschied sich dagegen. Er ist mit der Größe seiner Belegschaft (zehn Menschen) zufrieden, und auch wenn er für den „Krone"-Stuhl permanent Anfragen bekommt, weigert sich Faißt, diesen in Serie herzustellen. 

„Wir sind nicht industriell eingerichtet", sagte er. „Würde ich den Stuhl einzeln verkaufen, müsste ich zwei Mitarbeiter extra dafür abstellen. Ich will aber keine Mitarbeiter als Produktionsfaktor. Ich möchte Handwerkermeister in meinem Betrieb haben."

Man könnte Faißts Entscheidung antiökonomisch nennen. Aber sie ist stilbildend. Dem Betrieb geht es auch ohne drastisches Wachstum gut. Faißt ist eher um die richtige Dimension bemüht, die es ihm ermöglicht, auf solider wirtschaftlicher Basis maximale Qualität herzustellen. 
Um zu veranschaulichen, wie „wälderisch" und keineswegs außergewöhnlich dieses nicht automatisch auf Wachstum ausgerichtete Denken ist, führte er mich vor sein Haus. Auf der Hügelkuppe oberhalb von Hittisau wächst ein Mehrgenerationenmischwald, der im Eigentum von nicht weniger als 28 Besitzern steht. Entsprechend aufmerksam wird er bewirtschaftet. „Der Wald", sagt Faißt, „ist ein kulturelles Sinnbild für uns. Niemandem gehört alles, aber jeder hat ein bisschen." 

Es gibt im Bregenzerwald kein ungesundes Gefälle zwischen Arm und Reich. Der Mangel früherer Generationen verpflichtet die jetzigen dazu, sich um das, was sie haben, sorgfältig zu kümmern. Wegen dieser Pflege gibt es weder kränkelnde Bäume noch Borkenkäfer. Jeder Meter Holz wird genutzt. Die Substanz ist gesund, weil ihre Dimension angemessen ist. 

In Andelsbuch, wo sich der Wald weit aus der Ebene zurückgezogen und einem langgezogenen Straßendorf Platz gemacht hat, fällt ein Haus aus dem Rahmen. Ein gigantisches Dach, 73 mal 21 Meter groß, schwebt über einem Unterbau aus Beton und Glas, und es braucht ein bisschen Abstand, um die enorme Dimension des Bauwerks zu erfassen und am wuchtigen Auftritt die Finesse abzulesen, mit der es konstruiert ist: das 1500 Quadratmeter große Dach ruht auf 14 Stützen aus Fichtenholz. Die gewaltige Glasflächen holen spiegelnd die Landschaft in den Umriss des Hauses. Sämtliche Türen und Beschläge sind elegante Sonderanfertigungen. Der Terrazzoboden ist - technisch eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit - ohne Fugen gegossen. Den Besucher empfängt ein feierliches Gefühl, dabei ist das Haus nicht mehr als ein Schauraum, ein stilisiertes Regal von 85 Bregenzerwälder Handwerksbetrieben, die sich 1999 zum „Werkraum Bregenzerwald" zusammengeschlossen haben. In den Schaufenstern sind also auch die unterschiedlichsten Werkstücke ausgestellt, Möbel, Stoffe, Kleidung, Kücheneinrichtung, Lampen, Metallzäune, Schmuck, Farben, Öfen, Filz, Fußböden, Lichtschalter.

Der „Werkraum" ist die moderne Interpretation der Barockbaumeister. Er ging aus dem Wettbewerb „Handwerk + Form" hervor, der seit 1991 ausgetragen wird und internationale Architekten und Gestalter mit Bregenzerwälder Handwerkern zusammenbrachte, um gemeinsam „eine formal- und materialgerechte Auseinandersetzung mit Produkten des täglichen Gebrauchs im Bereich des Bauens und Wohnens" zu entwickeln. Das Handwerk im Wald prosperierte, nicht zuletzt durch die hohe Bautätigkeit, die sich im Windschatten der Baukünstler entwickelt hatte. Um die vorhandene Qualität zu konsolidieren und weiterzuentwickeln, suchte man einmal mehr die Reibung. Man holte Auswärtige in den Wald, um gemeinsam mit den Einheimischen innovativ zu sein. Alle drei Jahre wurden die so entstandenen Werkstücke von einer Jury bewertet, in leeren Scheunen oder Werkstätten ausgestellt und öffentlich diskutiert. Dabei entstanden aufklappbare Carports aus Holz oder innovative Schulmöbel, Käsekisten oder Hühnerställe. Manche der Objekte gingen in Serie. Viele blieben Prototypen, deren innovative Details in den Alltagsgebrauch übernommen wurden.

Innovation ist sowieso eine Bregenzerwälder Spezialität. Oft entsteht sie als Reaktion auf prekäre Situationen - und tritt in den unterschiedlichsten Gestalten auf. Der Egger Unternehmer Ingo Metzler entwickelte aus Molkeabfällen seiner Käserei zum Beispiel eine prosperierende Biokosmetiklinie. Als er wegen anhaltenden Erfolgs seinen Firmensitz vergrößern musste, verzichtete er darauf, alle Einzelposten des Umbaus exakt auszuschreiben, stattdessen erteilte er seinen Wunschhandwerkern den Auftrag, die Endfertigung gemeinsam zu planen, unabhängig von den Anweisungen der Bauleitung. Die Ausführung blieb unter den budgetierten Gesamtkosten.

2006 nahm an der Jurierung von „Handwerk+Form" auch der Bündner Architekt Peter Zumthor teil, der zehn Jahre davor, beim Bau des Kunsthauses in Bregenz, zum ersten Mal mit Wälder Professionisten zusammengearbeitet hatte. Zumthor, selbst ein berüchtigter Verarbeitungsfetischist, war von deren Qualität überwältigt. Als der „Werkraum" einige Jahre später wieder auf Zumthor zukam, um ihn in eine Jury für die Planung des projektierten Ausstellungshauses für den „Werkraum" zu bitten, bot Zumthor an, das Haus selbst zu bauen.
Nach langen Diskussionen - im Grunde wollte man etwas Kleines, Bescheidenes, und ganz sicher keinen Stararchitekten - bekam er den Zuschlag. Sein Entwurf verblüffte alle. Zumthor stellte etwas Artfremdes in die Landschaft. Das überdimensionale Dach sollte ein Symbol sein. Die technischen Herausforderungen, die seine Konstruktion mit sich brachte, wurden zum kollektiven Bewältigungsauftrag. Es brauchte, wie Werkraum-Geschäftsführerin Kathrin Breuß erzählt, „zweieinhalb Baueingaben", bis überhaupt mit der Arbeit begonnen werden konnte, und über die Auseinandersetzungen zwischen dem Architekten, der seinen Entwurf ständig hinterfragte und veränderte, und den Ausführenden, die pikanterweise gleichzeitig Bauherr waren, kursieren spektakuläre Anekdoten. Im vergangenen Spätsommer, nach sechsjähriger Planungs- und Bauzeit, wurde das Haus schließlich eröffnet. Der „Werkraum" hatte das Dach, das er sich verdient hatte.

Zumthors Dach, die Busstationen der Meisterarchitekten: Man könnte den Bregenzerwald für eine Region der architektonischen Symbole halten. Aber er ist das Gegenteil. Nicht die Repräsentation, sondern die Sorgfalt der Funktionalität steht im Vordergrund. Der Landwirt Hugo Waldner, lange Zeit Vizebürgermeister in Egg und 17 Jahre Geschäftsführer der „Regionalplanungsgemeinschaft" des Bregenzerwalds, erzählte mir eine bezeichnende Geschichte. Als ein Hauseigentümer in Schnepfau neben einer alten Kapelle eine Garage aus Wellblech aufstellte, alarmierte ein Architekt, der „die Aludose" beim Vorbeifahren gesehen hatte, die „Regio". Diese trat darauf - wegen einer Wellblechgarage! - zu einer Vorstandssitzung zusammen, diskutierte die offensichtliche Bagatelle und entschloss sich, dem Bauherren die Baugenehmigung zu entziehen. Die Aludose musste weg. Sie durfte nicht zum Prototypen für eine verfehlte, nachlässige Bauentwicklung werden.

Bei einer anderen Vorstandssitzung im Jahr 1996 war auf dieselbe Weise entschieden worden, dass man zum Repertoire der alpinen Giebel- und Walldachhäuser auch moderne Flachdächer hinzufügen wolle. Waldner, ein Erzkonservativer mit monarchistischen Sehnsüchten, erinnert sich daran, wie in der Diskussion klar herausgestrichen wurde, „dass wir damit etwas aufmachen, was uns verändern wird." Die Veränderung wurde freilich für richtig und notwendig empfunden. Die Bausubstanz des Bregenzerwalds bekam ein neues Register. Waldner - „Meor ehrod das Ault,..."  - gab mir auf die suggestive Frage, welche Entscheidung als Regionalplaner für ihn die wichtigste gewesen sei, die bezeichnende Antwort: „Mir sind alle wichtig gewesen."
Traditionell wählt der Bregenzerwald mit großer Mehrheit die konservative ÖVP, aber auch die Grünen erzielen beachtliche Ergebnisse. Die katholische Kirche ist überdimensional stark, auch wenn die Ethik der Wälder fast protestantisch scheint. Die bewundernswerte Regionalpolitik ist jedoch weniger das Produkt der Landespolitik als der Kommunen, namentlich einer Riege parteiunabhängig gewählter Bürgermeister. In vielen Gemeinden werden vor dem offiziellen Wahltermin Einheitslisten erstellt, die am Wahltag mehr oder weniger bestätigt werden. Die Bürgermeister, die gleichzeitig oberste Baubehörden ihrer Gemeinden sind, haben eine selbstverständliche Kultur der kollektiven Entscheidungen entwickelt: kein öffentliches Projekt, das nicht von Fachleuten begleitet und nach funktionalen und ästhetischen Grundsätzen geplant wird. Das Prestige ermisst sich nicht am spektakulären Auftritt, sondern an der Rationalität, mit der vorgegangen wurde. Diese Kultur spiegelt sich in der Bevölkerung. Junge Familien leben so lange bei den Eltern, bis sie es sich leisten können, einen Architekten für den Bau des eigenen Hauses zu bezahlen.

Architektur bleibt dabei Ausdruck von Funktion. Der Käsekeller von Lingenau, ein Gemeinschaftsbauwerk der Käsegenossenschaften des Bregenzerwalds, ist ein resolutes Betonbauwerk, in dem der Bergkäse, der in der gesamten Region ausschließlich aus Heumilch gewonnen wird, unter optimalen Bedingungen reift. Die ambitionierten, in Holzbauweise gebauten Filialen der Supermarktkette Sutterlüty repräsentieren die Ambition des Inhabers Jürgen Sutterlüty, vorwiegend regionale Produkten zu verkaufen. Derzeit, sagte mir Sutterlüty, betrage der Anteil 35 Prozent, das Ziel seien 50. Diskonter wie Aldi oder Lidl sind im Bregenzerwald nicht vertreten, weil sich die Bürgermeister darüber einig sind, dass durch Billigsupermärkte die Regionalkultur unterminiert würde. Als sich ein Diskonter dennoch in Andelsbuch ansiedeln wollte, kam ihm die Gemeinde zuvor und erwarb das ins Auge gefasste Grundstück zur Sicherheit selbst.

Auch die „Wartehüsle" in Krumbach stehen nicht allein zum Schmuck der Landschaft da. Sie sind vor allem in Betrieb. Jede halbe Stunde kommt der Bus, von überall nach überall im Bregenzerwald. Der Fahrplan ist ambitioniert und kostet viel Geld.

„Klar, manchmal fährt der Bus auch leer", sagt Arnold Hirschbühl, der Bürgermeister von Krumbach, „aber wir wollen, dass jeder Ort zu jeder Tageszeit öffentlich erreichbar ist."
Es ist bald Feierabend. Der Bürgermeister lässt sich in einen der beiden Holzstühle fallen, die Markus Faißt in die Busstation von Smiljan Radic montiert hat - genau, der Stuhl, den man nicht kaufen kann -, streckt die Beine aus und betrachtet zufrieden die verblassenden Farben der Landschaft, die der Glaspavillon so spektakulär inszeniert. 

„Weil wenn der Bus nicht fährt", sagt er, „würden wir doch keine Wartehüsle brauchen."

Dann kommt der Bus.

Food & Beverage

Christian Seilers
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