Ausflug nach Dänemark: wie sich die Verspieltheit Kopenhagens und die Deftigkeit des Landes miteinander aussöhnen.
Kopenhagen leuchtet, das meine ich erst einmal im
übertragenen Sinn. Kopenhagens Restaurants sind mit nicht weniger als elf
Sternen ausgezeichnet, das heißt, dass man hier besser essen kann als irgendwo
sonst in Europa. Das gilt, falls man sich ein bisschen herausputzen will und
auf skandinavisches High-End-Design steht und den Volten zu allem entschlossener
Köche folgen möchte.
Ich probierte das zuerst bei „The
Paul" im Kopenhagener Tivoli. „The Paul" ist ein im besten Sinne glamouröses
Restaurant. Es liegt, wo Kopenhagen sich der permanenten Zerstreuung widmet,
auf dem Gelände des berühmten Tivoli.
In der Mitte dieses
Vergnügungsparks, der an seinen Rändern erstaunlich laut und zum Zentrum hin
verblüffend still wird, steht ein runder Pavillon aus Glas, den der Architekt
und Desiger Poul Henningsen geplant und eingerichtet hat.
Henningsen entwarf, kleine
Erinnerungsstütze, unter anderem die berühmte Artischockenlampe, die seither
als Synonym für die Eleganz und die technische Raffinesse des skandinavischen
Designs gilt.
Die Artischockenlampe schmückt
jeden der zahlreichen Second Hand-Design-Läden in Kopenhagen, aber wer daraus
den Schluss zieht, dass die filigrane Kupfer-Stahl-Konstruktion inzwischen
leistbar geworden wäre, irrt: das gute Stück kostet, je nach Größe, zwischen
5000 und 7000 Euro.
In „The Paul" hängen zahlreiche
„Artischocken". Das Lokal ist lang gestreckt. Durch die Glasfront schaut man
auf einen künstlich angelegten See, an dessen Ufer ein Piratenschiff liegt.
Tische, Stühle, Lampen, Geschirr: nichts, was nicht direkt aus dem
Designkatalog stammt, und dennoch strahlt das Restaurant eine warme, eine
einnehmende Atmosphäre aus.
Der Chef, Paul Cunningham, ein
Engländer, der nach Stationen in London, wo er u.a. bei Marco Pierre White
arbeitete, und Hongkong, wo er sich Kenntnisse der asiatischen und der
internationalen Hotelküche erwarb, in Kopenhagen landete, kocht, wo der Saal
hinter einer halbhohen Theke in die Küche übergeht. Ohne den Hals lang zu
machen, schaut man einer ruhigen, gut gelaunten Equipe bei der Fabrikation
außergewöhnlicher Teller zu.
Die Karte trägt den Titel „an evening chez us", das nimmt
ganz gut vorweg, wie das folgende Degustationsmenü gemeint ist. Es liefert
französische Klassiker, die von einer englischen Kreativitätsmaschine
zertrümmert und neu zusammengesetzt wurden.
Das Ergebnis klingt dann etwa so:
Zitronenoliven mit grünen
Pfirsichen;
in Essig eingelegter
Rochenflügel;
pochierter Hummer mit gesalzenen
Früchten;
Wachtelsalat, Kalbsbries und
Trüffel;
wilde Heidelbeeren mit Sorbet von
der Zitronenverbene;
Konfekt vom Grünen Tee;
undsoweiter.
Großartig.
Ich genoss das Essen sehr. Mich
beeindruckte das gute Gefühl Pauls für die Melange hintergründiger Aromen und
die Präsentation der perfekt dimensionierten Portionen auf wunderschönem, jedoch bunt gemischten Porzellan von
Royal Copenhagen.
Geradezu überwältigt war ich von
der Kompetenz des Personals - es gab keine Frage, auf die die junge Dänin, die
unseren Tisch im Auge hatte, nicht eine Antwort gewusst hätte, die Hand und Fuß
hatte.
Wie treffsicher ihre Erklärungen
waren, konnte ich nicht zuletzt daran ablesen, wie sie den Grünen Veltliner vom
Weingut Kurt Angerer erklärte, der zu den neuen Kartoffeln mit Kräutern und
Kaviar serviert wude - ich würde mir wünschen, dass jeder Sommelier in den
besseren Häusern Wiens einen so genauen Überblick über Geologie und
Sortenstilistik von Weinen aus dem Kamptal, dem Kremstal und der Wachau auf der
Platte hat.
Zwischendurch plauderten wir ein
bisschen. Die Brillanz der kulinarischen Darbietung hatte mich leutselig
gemacht - und neugierig.
Zum Beispiel wollte ich wissen,
welche Produkte, die „The Paul" in eine neue Form des Daseins befördert,
vorzugsweise aus Dänemark kommen.
Die Antwort kam schnell und
überrascht: „Keine. Wieso?"
Jetzt war ich überrascht. Sind
Spitzenrestaurants nicht in der Regel patriotische Anstalten? Stellen die Chefs
nicht mit besonderer Inbrunst heraus, was im Umkreis von ein paar Kilometern
wächst, atmet, erfunden wird?
Paul nicht.
„Wir können froh sein, dass
Kopenhagen einen Hafen und einen großen Flughafen hat", sagte die Kellnerin.
„Und die dänische Küche?"
„Welche dänische Küche?"
„Geben Sie mir einen Tipp: Wo
bekomme ich etwas typisch Dänisches zu essen?"
Sie zögerte.
„Warten Sie einen Moment. Ich
frag mal bei den Kollegen nach."
Als sie zurückkam, hatte sie
einen Zettel in der Hand, auf den ein paar Adressen gekritzelt waren.
„Hier könnt Ihr's
probieren...ganz guter Schweinebraten...mögt Ihr Schnaps?"
Ich verneinte. Ich wollte nur
wissen, ob sie denn eines der Lokale schon selbst einmal besucht hätte.
„Nein", antwortete sie, lauter
als vielleicht notwendig, und dann fragte sie zurück: „Wieso denn?"
Ich war auf der Suche nach der
wahren, nach der wahrhaftigen dänischen Küche also auf mich allein gestellt,
und ich nahm die Herausforderung an.
Es war ein Vergnügen, quer durch
Seeland zu fahren. Die Insel, in deren Hüfte Kopenhagen sich eingenistet hat,
ist ein abwechslungsreiches Stück Land - wenn man 2000 verschiedene
Schattierungen der Farbe Grün als abwechslungsreich empfindet, so wie ich das
tue. Hügel, Wälder, Weiden: auf jeden Fall begriff ich sehr schnell, warum die
Skandinavier ihre Häuser gern so bunt anmalen.
Ich wählte zuerst den Weg nach
Norden. Ein Besuch in Dänemark ist sinnlos, wenn man nicht das Louisiana
aufsucht, das schönste Museum, in dem ich mich je herumgetrieben habe.
Doch, die Formulierung ist schon
korrekt: das Louisiana ist so kunstfertig und geschmackvoll in die
Uferlandschaft von Humlebæk hineingebaut, dass die ausgestellte,
zeitgenössische Kunst nur ein Teil dessen ist, was erlebt werden will: die
bestechend klare Architektur des Baus erlaubt den permanenten Wechsel von
drinnen nach draußen. Große Glasflächen geben tiefe Blicke auf den Öresund
frei, die Meerzunge zwischen Dänemark und Südschweden.
Ich erfreute mich nach einem
ausführlichen Rundgang durch die Ausstellung an einer gewaltigen Plastik von
Richard Serra, die im Ufergelände hockt wie ein wildes Tier, dann überquerte
ich den Rasen, um im Louisiana-Restaurant einen Bissen zu essen.
Das Restaurant ist von der
seltenen Eleganz echten, liberalen Großbürgertums. Klandestine Nischen und eine
offene Feuerstelle sind in den hellen, nach allen Seiten geöffneten Raum
versenkt, und der Übergang zwischen Innen und Außen ist fließend.
Ich trank ein Bier, das war eine
gute Idee. Ich aß ein, war es ein Ragout? Ein Gulasch? Ich weiß nur noch, dass
es bemitleidenswert schmeckte und mir fast die feierliche Stimmung verdorben
hätte; doch das Louisiana verströmte Ruhe wie ein guter Yogalehrer. Ich saß
eingemittet auf der Terrasse und zerbrach mir den Kopf darüber, wie viele
wunderbare Plätze auf dieser Welt noch wunderbarer sein könnten, wenn statt
eines Kochs, dem sein Beruf nicht gefällt, einer in der Küche stünde, der die
Verantwortung des genius loci begreift.
Hier kommt der Schweizer ins
Spiel. Der Schweizer ist ein strenger Mann, vor dem Architekten und
Kunstzeichner stramm stehen, und er hat eine nachvollziehbare Liebe zu großen
Fleischstücken. Der Schweizer ist ein so großer Optimist, dass sein
Gottvertrauen schon das Fatale streift, sein Blick verdüstert sich nur angesichts
des stets zu kleinen Backofens, in den er gerade eine groteske Flugente von
sechs Kilo Rupfzustand schieben will - fragt ihn bitte selbst, wo er seine
überdimensionalen Viecher herkriegt, ich weiß nichts von geheimen Quellen für
Yak-Keulen und ähnliches...
Die Liebe des Schweizers zum
Ganzen wird nur durch seine Liebe zum Speziellen übertroffen. Dass er die
Schweiz verehrt, ist klar, das tut jeder seiner Landsleute, aber knapp dahinter
kommt bereits Dänemark, vielleicht eine andere Interpretation eines
eigenwilligen Kleinstaats mit dem starken Bedürfnis zur Selbstverwirklichung.
Der Schweizer lud mich zur
Synthese seiner Leidenschaften: diese heißt Flaeskesteg.
Flaeskestag ist ein
Schweinsbraten, der auf folgende Weise zubereitet wird:
1,5 kg Kotelettfleisch mit
Schwarte
Lorbeerblätter
Salz
Pfeffer
Kümmel
Die Schwarte mit einem scharfen Messer parallel
einschneiden. Die Schnitte nur so tief setzen, dass das Fleisch nicht verletzt
wird. Eine Platte mit ca. 2 cm Wasser füllen, den Braten mit der Schwarte nach
unten in das Wasser legen und so zwei Stunden liegen lassen. Nur die Schwarte
darf im Wasser liegen.
Kräftig Salz zwischen die
Schwartenstreifen reiben. 3 Lorbeerblätter zwischen die Schartenstreifen
stecken. Den Braten leicht salzen und pfeffern, etwas Kümmel dazu geben. Den
Braten auf den Rost setzen, etwas Wasser in die Reine geben. Eineinhalb Stunden
bei 180 Grad, dann noch einmal 10 Minuten bei hoher Temperatur braten. Den
Braten 15 Minuten ruhen lassen, ohne dabei die Schwarte abzudecken, damit sie
knusprig bleibt.
Zubereitungszeit: 2 Stunden 30
Minuten
Ich schaute dem Schweizer ganz
genau zu. Er rieb nicht „kräftig Salz" zwischen die Schwartenstreifen, er nahm
Unmengen von Salz. Er erhöhte die Hitze am Schluss, wenn es darum geht, die Schwarte
knusprig zu machen, nicht auf „hohe Temperatur" sondern auf „Inferno". Und er
vergaß nicht, die wichtigste Handbewegung neben dem Schneiden der Schwarte
zeitgerecht zu absolvieren: das Versenken der Aquavit Flasche im Tiefkühlfach.
Außerdem kümmerte er sich um das
passende Gemüse, da das Deftige des Bratens ein Gegengewicht brauche, wie er
betonte. Er entschied sich traditionsgemäß für glasierte Erdäpfel: kleine, in
der Schale gekochte Frühkartoffeln, die anschließend geschält und in einer
großen Pfanne in geschmolzenem Zucker karamellisiert und gebräunt werden - man
gönnt sich ja sonst nichts.
Der Abend verlief wunschgemäß.
Wir probierten zuerst die süßen Kartoffeln, verzehrten mit großen Bissen das
Fleisch und balgten uns dann um die Schwarte, die knusprig war und süchtig
machte; den Konsum von so viel reinem Fett egalisierten wir mit dem Aquavit,
einem kräftigen, durchsichtigen Kümmel.
Dann schmiedeten wir Pläne.
Jetzt waren wir in Dänemark.
Der Schweizer wies mir den Weg.
Er führte mich von Berlin nach Rostock und führte mir auf einem Abstecher nach
Neuruppin vor, dass die Serbische Bohnensuppe in den neuen Bundesländern unter
dem Decknamen „Soljanka" eine Schattenexistenz führt.
Die Fähre trug uns von Rostock
nach Gedser, auf dem Excelsiordeck gab es anständigen Lachs. Wir durchquerten
Südseeland, nahmen Kurs auf Kopenhagen, wo wir die Sterne betrachteten.
Dann cruisten wir über Helsingør
nach Hornbæk, fuhren weiter nach Westen, sahen, wie die Häuser an der Küste
spärlicher wurden, wir verpflegten uns mit Fischfaschiertem am Hafen von
Gilleleje und kriegten, weil wir so brav aufgegessen hatten, vom Budeninhaber
eine Bierdose gratis. Wir gingen am Strand spazieren, wo die Möven ein Fest
feierten, weil der Wind so pfiff, lagen in windgeschützten Kuhlen hinter den
Dünen und beobachteten den Himmel dabei, wie er sich in Windeseile verfinsterte
und genauso schnell wieder das volle, hysterische Blau annahm, das am Meer
heimisch ist.
Wir tranken Bier. Der Schweizer
bestand auf auf ein spezielles Tuborg, das nur in den Spar-Märkten der kleinen
Orte zu bekommen war, ich nahm, was ich kriegte.
Es könnte ein Programm fürs
Genießen in Dänemark sein, begann ich zu argwöhnen: nehmen, was man kriegt.
Ich muss es loswerden, denn es
lag mir auf dem Magen: es war schwierig genug, in der dänischen Provinz etwas
zu kriegen, das zu bemerken sich lohnt.
Es waren dies:
Brötchen - leichtes, weißes
Gebäck, das zum Frühstück auf dem großen, flachen Grill beidseitig getoastet
wurde und anschließend mit gesalzener Butter und, Achtung, dünnen
Schokoladeplättchen von Galle & Jessen belegt.
Verschiedenste Milchprodukte, zum
Beispiel Creme fraiche in vier verschiedenen Fettgraden.
Und Schwein natürlich, Schwein in
jeder Größe, jeder Breite, jeder Schwartendicke.
Der Rest ist Schweigen, besonders
die Gemüseregale.
Der Schweizer
fand ein gut proportioniertes Haus mit Strohdach, das ganz in der Nähe des
Strands von Tisvildeleje lag. Das Haus verströmte Ruhe, ich teilte seine
Begeisterung. Aber als es den vierten Flaeskestag am fünften Abend gab,
entschloss ich mich, in die Großstadt zurückzukehren, um im Glanz der Sterne
nach dem Ruhm der dänischen Küche zu suchen.
Noch nie hatte
ich ein solches Feuerwerk der Eleganz und des - sagen wir es offen - Chichi
erlebt. Die Sternehütten Kopenhagens sind großartig und innovativ, modern und
glamourös, sie treiben das kulinarische Selbstverständnis mit Volldampf nach
vorne - und du hast jederzeit das Gefühl, in Barcelona oder in Oslo, in London
oder in San Francisco zu sein; die dänische Erdung, die mir draußen am Land
etwas zu heftig schien, ist in den Zelebrationsstätten Kopenhagens nicht
vorhanden. Der einzige Faden, der „Noma" und „Geranium", „Formel B" und
„Ensemble" mit dem Platz, wo sie stehen, verbindet, ist das skandinavische
Design. Arne Jacobsen und Verner Panton sind für die dänische Hochküche mit
Sicherheit wichtiger als die Erzeugnisse der heimischen Landwirtschaft.
Das passte mir
nicht. Zwar mag ich schockgefrorenen Lobster mit angedeutetem Thai-Curry, doch
irgendwann steht mir der Sinn nach den Segnungen des Einfachen.
Dabei holte ich
mir blaue Flecken. Der Plan, der in Bologna, Lyon oder Wien prächtig
funktioniert, indem man einfach ins nächste Wirtshaus rechter Hand geht und
ausprobiert, was auf der Tageskarte steht, ist in Kopenhagen nicht zu
empfehlen. Plötzlich tauchen brontosaurische Gerichte auf dem Tisch auf, von
denen man dachte, dass sie längst ausgestorben wären. Durchgekochte
Rindschnitzel ersaufen in Mehlsauce, gatschige Kroketten lachen dich aus, Obst
aus dem Glas feiert seine Auferstehung.
Ich war knapp
daran, demütig zurück nach Tisvildeleje zu fahren, wo der Schweizer bestimmt
gerade damit beschäftigt war, Salz auf die Schwarte einer prächtigen Sau zu
streuen, doch dann steckte mir der Kellner des „Geranium" die Adresse von Ida
Davidsen zu, und das rückte mein verschobenes Bild von Kopenhagen wieder
zurecht.
Notieren Sie: Store
Kongensgade 70
DK-1264
København K
Telefon +45 3391 3655
Machen Sie nicht
denselben Fehler wie ich, unangemeldet bei Frau Davidsen auftauchen zu wollen,
denn dann könnte es passieren, dass sie drei viertel Stunden draußen im Regen
stehen. Vor dem Lokal warten immer zahlreiche Menschen in einer Schlange, nur
die, die vorher angerufen haben, drängen sich an den Wartenden vorbei. Muss man
mögen, wenn man selbst in der Schlange steht.
Doch sobald die
Türen sich geöffnet haben; sobald der plötzlich saufreundliche Türsteher einen
kleinen Tisch im Halbdunkel des Lokals mit den grünen Hängelampen frei gemacht
hat; plötzlich geht dir das Licht auf, nach dem du dich die ganze Zeit gesehnt
hast.
Ida Davidsen
stand persönlich hinter der Buddel, auf der sich in Glasvitrinen die geschmierten
Brote befanden, das legendenumwobene Smørrebrød.
Brote mit
Shrimps, mit Lachs, Aal, Hummer, Hering, Kabeljau. Mit Beef Tatar, geräucherter
Lammstelze, Schweinsbraten, Leberpastete, Zunge. Mit Eiern und geräuchertem
Käse und dänischer Salami und Tomaten.
Der Anlaß, zu
dem diese Brote verschlungen werden, heißt Frokost, wörtlich übersetzt:
Frühstück.
Ida Davidsen
sagt: „Lass dir Zeit."
Ich war
beeindruckt und gierig. Was sie mir empfehle, fragte ich.
„Eines mit
Fisch, eines mit Fleisch. Dann vielleicht noch einen Apfelkuchen."
Ich reagiere
gereizt.
Zwei Brote zum
Mittagessen?
Nicht mit mir.
Ich bestellte
Aal und Krabben, Zunge und Tatar.
Ida schnalzte
mit der Zunge. Die Typen hinter der Buddel verstummten und musterten mich
ungläubig.
Es wurde ein
riesiger Spaß. Ich kehrte an meinen Tisch zurück und fand dort das Bier vor,
das ich mir gewünscht, aber nicht bestellt hatte.
Als das erste
Brot mit Fisch kam, stand schon der Türsteher mit der Aquavitflasche da, er
empfahl Aalborgs Jubiläumsschnaps (ich glaube, Aalborg feiert jedes Jahr seines
Bestehens mit einer Jubliläumsedition, mehr konnte ich über das Jubliläum nicht
herausfinden).
Das Brot war
groß. Damit meine ich die Qualität des Aals, den wohligen Geschmack der
Mayonnaise, aber meine auch die schiere Quadratur der bebauten Fläche.
Selten hatte ich
mich so wohl gefühlt. Das schummrige Licht durchdrang die feuchte Wärme im
Raum. Heiterkeit schwappte in Wellen von Tisch zu Tisch. Die Kellner mit den
weißen Tüchern über dem Unterarm brachten auf großen Tabletts Nachschub an Brot
und Getränken. Ida, die Chefin, verließ ihren Kommandostand hinter den Vitrinen
keine Sekunde lang, und befeuerte die prächtige Stimmung im Raum permanent mit
einer witzigen Bemerkung hier und einem kleinen Kommando dort.
Noch ein Bier,
dann kamen die Krabben. So hatte ich mir das Leben in Dänemark vorgestellt.
Einen Berg frischer, glasiger Krabben auf dem Teller, die Ahnung von Kümmel in
der Luft, ein Kellner, der dich selbstverständlich duzt.
Was für ein
Fest. Ein kleines Land am Meer, erstklassige Fischgründe, liberale
Gesellschaftsordnung, Gastfreundschaft von höheren Gnaden.
Als die Zunge
serviert wurde, spürte ich zweierlei. Erstens, dass die Blicke des Personals
unverhohlen auf mich gerichtet waren. Zweitens, dass das drängende Gefühl in
meiner Leibesmitte nicht mehr vorhanden war.
Es gibt Momente
im Leben eines Mannes, an dem man nicht mehr zurück kann.
Ich verzehrte
einen Hektar Brot mit Zunge.
Ich verschlang
einen Kubikmeter Tartar.
Die schiere
Menge an Bier und Kümmel, die ich brauchte, um die Köstlichkeiten
hinunterzuspielen, habe ich zur Sicherheit vergessen.
Als ich Idas
sarkastisch gemeinte Frage, ob ich nun noch ein Stück Apfelkuchen wünsche, mit
„aber bitte mit Sahne" beantwortete, begann die Crew zu applaudieren.
Ida verließ zum
ersten Mal den Kommandostand und kam zu mir an den Tisch.
„Darf ich ein
Foto von dir machen?"
Seither hängt
ein Bild von mir in Kopenhagen.
Überschrift:
„Highscore to date."

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