Die Befreiung des Cerro Torre

Geschichten / Red Bulletin
Bild: David Lama
Ein alpinistischer Meilenstein, eines der letzten großen Abenteuer: Im dritten Anlauf schafft der Tiroler Kletterer David Lama die freie Besteigung des mythischen Cerro Torre in Patagonien.

Als er am 20. Jänner 2012 gegen 13 Uhr auf dem Gipfel des Cerro Torre stand, Sonne, Temperaturen knapp um den Gefrierpunkt und, was für eine rätselhafte Umkehrung alles vorher Erlebten, kein Wind, ließ David Lama den Blick über das Premiumpanorama patagonischer Granitformationen schweifen, pittoreske Berge, wie sie Caspar David Friedrich nicht wilder und dramatischer malen könnte, ein seltener, kostbarer Anblick, den nur eine Handvoll Menschen vor ihm genossen hatte, so dass Lama allen Grund zum Jubeln oder wenigstens zum strahlenden Lächeln gehabt hätte, aber der junge Mann blickte doch nur tief in sich selbst hinein. 
Es war jetzt also soweit. Das Projekt, den Cerro Torre frei zu erklettern, das während drei Jahren so groß und manchmal übermächtig erschienen war, transformierte sich gerade zur Legende, zur Geschichte, bekam in Davids strenger, persönlicher Kontoführung der eigenen Abenteuer das Etikett „erledigt". Für einen Augenblick fühlte sich der junge Mann seltsam leer, wurde sich des Fehlens der Aufgabe bewusst, die ihn herausgefordert, abgeworfen, geplagt hatte und nun verschwand, wie ein störrischer Luftballon, dem man nachgejagt war und der nun, kaum hatte man ihn in der Hand, die Luft verliert.
Es wurde dann doch ein bisschen feierlich, spätestens als Peter Ortner, mit dem David diese alpinistische Ausnahmeleistung vollbracht hatte, nackt über den Eispilz tanzte, der den Gipfel des Torre bedeckt. Es musste also doch etwas zu feiern geben.

Der 20. Jänner 2012 stand am Ende einer Reihe von drei Expeditionen, die 2008 mit einem Blick in ein Klettermagazin begonnen hatte. Damals sah David Lama, 17, Sohn einer Tirolerin und eines nepalesischen Sherpas, das eindrucksvolle Profil des Cerro Torre, dieser mystischen Granitnadel im äußersten Süden Südamerikas, zum ersten Mal und begann das Bild zu lesen, wie es ausschließlich ein Kletterer seiner Qualität lesen kann: Mehr noch, David betrachtete den Berg, der bis dahin nur von einer überschaubaren Zahl von Alpinisten bestiegen worden war, mit herausforderndem Blick. Vielleicht, dachte er, kann man den Torre auch frei klettern, und wenn man ihn frei klettern kann, dann muss das ich machen.
David Lama gehört zu einer neuen Generation von Kletterern. Er eignete sich schon als Kind die wesentlichen technischen Fähigkeiten an, mit denen er als Youngster in den Sportkletterzirkus einstieg und dort früh große Erfolge feierte, den Weltcup gewann und mehrere Europameistertitel. Dass David nicht auf Jahre hinaus im Spitzensport tätig blieb und mit den besten Hallenkletterern der Welt um Titel und Preisgelder rittert, lag daran, dass ihn seit jeher diese Sehnsucht nach den Bergen trieb, nach dem Klettern am Fels, wie es ihm sein langjähriger Trainer Reini Scherer vermittelt hatte. David begann mit Freunden und Partnern ins Gebirge zu gehen, um, wie der Alpinist sagt, „Projekte zu machen". „Projekte", das heißt: schwierige und schwierigste Kletterherausforderungen anzunehmen, die in den Alpen oder anderen Gebirgsformationen darauf warten, gelöst zu werden.
Die großartigen Fähigkeiten als Kletterer, der in der Halle und in den Sportklettergärten darauf trainiert wurde, die höchsten Schwierigkeiten des Sportkletterns durch ausgefeilte Technik und optimale Körperbeherrschung zu lösen, statteten David mit einem Instrumentarium aus, wie es kaum ein Alpinist früherer Generationen je besessen hat. Er war jung, er war stark, er war gut. Er wollte Erfahrungen sammeln. Es war klar, dass er sich nicht mit Kinkerlitzchen zufrieden geben würde.
Die Idee, den Cerro Torre frei zu klettern, war freilich auch für das Tiroler Wunderkind kein unehrgeiziger Einstieg in den Legendenalpinismus. Der Cerro Torre im Süden Patagoniens gilt wegen seiner Ausgesetztheit, Topographie und Beschaffenheit des Granits als einer der schwersten Berge der Welt, und in diese Einschätzung ist noch nicht einbezogen, dass es pro Jahr nur wenige Tage gibt, an denen das Wetter einen Besteigungsversuch überhaupt zulässt. Windböen in Orkanstärke sind an der Tagesordnung, bei seinem ersten Besuch in Patagonien wurde David bereits im Bergsteigerdorf El Chaltén von einer Bö auf der Straße einfach umgeworfen wie eine Playmobil-Figur. Undenkbar, bei solchen Bedingungen in ausgesetzten Wänden zu klettern. 
Der „freie Kletterstil" ist die Potenzierung dieser Schwierigkeiten. „Frei" zu klettern bedeutet, Haken, Seile und alle anderen technischen Hilfsmittel nur zum Absichern zu benützen und für den Aufstieg ausschließlich den Fels zu benützen. Vor David Lama war das am Cerro Torre keinem anderen Kletterer gelungen, das Unterfangen schien aussichtslos. Die Geschichte der Besteigungsversuche erzählt Bände: der Italiener Cesare Maestri, der die Erstbesteigung des „Torre" für sich reklamiert, musste sich, als Zweifel an seinem Gipfelsieg laut wurden, bei seinem zweiten Versuch im Jahr 1970 mit einem Kompressor die Headwall, die letzte hohe und glatte Wand unter dem Gipfel hinaufarbeiten, alle paar Meter ein Haken, an dem Maestri sich und den Kompressor nach oben ziehen konnte. Den Kompressor hinterließ Maestri schließlich in der Wand, und die Route, die er damals schnurgerade nach oben schraubte, heißt auch heute noch „Kompressorroute". Ihr entlang wollte David auf den Gipfel, freilich ohne Maestris Haken zu Hilfe zu nehmen.

Beim ersten Versuch im Winter 2009/10 mussten David und sein damaliger Partner Daniel Steuerer den widrigen Witterungsbedingungen und ihrer eigenen Blauäugigkeit Tribut zollen. Sie stießen nicht einmal in die Gipfelregion vor, sondern scheiterten mehrmals an der sog. „Bolt-Traverse" auf halbem Weg, zum Teil nachts, im peitschenden Wind, unter dramatischen Umständen. Aber die Zeit, die David in diesem Winter - dem patagonischen Sommer - investierte, die Vermessung der Landschaft, das sich präzisierende Gefühl für Wetter und die Gefahren von Wind, Lawinen und Eisschlag, sollten sich bezahlt machen. 
Als er im Jahr darauf wiederkam, diesmal mit dem Osttiroler Bergführer und Spitzenalpinisten Peter Ortner als Partner, kannte er bereits einige der Tücken des „Torre", wie er den Berg inzwischen freundschaftlich nannte. David wusste, dass jedes Wetterfenster flexibel und schnell genutzt werden musste, um weiter als im Vorjahr zu kommen und eine Chance zu haben, den Gipfel zu erklimmen - wenn nötig auch in technischem Stil, unter Benützung der vorhandenen Bohrhaken der Maestri-Tour. Denn nur der genaue Augenschein jeder schwierigen Passage würde Aufschluss darüber geben, ob der konkrete Plan, den „Torre" frei zu begehen, überhaupt möglich war.
Trotz aller Konzentration auf den entscheidenden Moment kam die Möglichkeit aufzusteigen zuletzt überraschend. David und Peter Ortner hatten, weil der Torre in Sturmnebel gehüllt war, eine andere Tour gemacht und kehrten erst spät abends nach El Chaltén, in ihren Container zurück. Am nächsten Morgen: gutes Wetter. Die beiden Kletterer packten sich ohne Umschweife zusammen und stiegen ins „Nipo Nino", ihr Basislager, auf, schliefen drei Stunden, dann begannen sie ernsthaft zu klettern. Gute Verhältnisse. Sie überwanden die Bolt-Traverse, stiegen zum ersten Mal in die „Iced Towers" ein und folgten in technischer Kletterei der Kompressorroute. David scannte die Wand nach Rissen und Schuppen, die ein freies Klettern ermöglichen würden. Was er sah, stimmte ihn optimistisch, aber im Augenblick wollte er vor allem: hinauf. 
Bevor es soweit war, bevor er nach -zigtausenden Flugkilometern und wochenlangem Warten endlich das Gipfelplateau des „Torre" betreten konnte, wartete die nächste, unliebsame Überraschung. Die Bohrhakenleiter der Maestri-Route war unterhalb der Headwall mit dickem Eis verlegt, David und Peter mussten in einen vereisten Kamin ausweichen, der schwierig zu klettern und eisschlaggefährdet war. Prompt ging während des Aufstiegs ein Eisbrocken von der Größe zweier Fußbälle ab, der David am Kopf traf, seinen Helm zerbrach, die Schulter ramponierte und ihn für einen Moment im Bewusstsein zurückließ, gescheitert, gefährdet, im Nirwana zu sein, bis er seinen Kopf kreisen ließ und langsam das Vertrauen zurück gewann, dass doch nichts Heftigeres passiert war.
Die beiden kletterten weiter, überholten eine langsame, kanadische Seilschaft, vorbei an Maestris Kompressor, der seit mehr als 40 Jahren hier oben festgeschmiedet ist. Der Himmel war goldgelb, als David und Peter über eine Rinne auf dem Eispilz ankamen und auf das Gipfelplateau aufstiegen. Die Sonne war schon längst untergegangen. Das Licht, sagt David, war so schön wie nirgendwo sonst auf der Welt. Es war der Moment der großen Emotion. Aber auch dieser Moment dauerte nicht länger als ein paar Minuten, dann sagte David „pack ma's", und dann stiegen Peter und er wieder ab, hinunter in die patagonische Nacht. 

Als David Lama Mitte Jänner 2012 zum dritten Mal nach Patagonien aufbrach, war er optimistisch. Das Wetter, das er seit Wochen auf verschiedenen Websites kontrollierte, versprach, gut zu werden. Stabiler Hochdruck über dem Torre-Massiv, anders als in den letzten Jahren wenig Wind, die Vorzeichen für die Expedition brillant. Wenn die äußeren Bedingungen okay waren, sagte David, konnte die „Befreiung des Cerro Torre" tatsächlich gelingen.
In El Chaltén, wo der selbe Container gemietet war wie im Jahr davor, schliefen sich David und Peter gerade aus, als eine alarmierende Nachricht hereinplatzte: die beiden kanadischen Alpinisten Jason Kruk und Hayden Kennedy hatten den Torre bestiegen und auf dem Abstieg etwa hundert Bohrhaken aus der Kompressorroute Cesare Maestris geschlagen. Damit, so ihr Argument, sei kletterethisch ein monströser Fehler - Maestris Aufstieg mit dem Kompressor - wieder gut gemacht worden. Kruk und Kennedy verglichen ihre Säuberungsaktion mit dem Schleifen der Berliner Mauer, ein aus verschiedenen Gründen etwas hoch gegriffener Vergleich.
Als David von Mitgliedern des Filmteams aufgeweckt und darüber informiert wurde, dass etliche der Haken, die er während der freien Besteigung als Sicherung verwenden wollte, fort seien, reagierte er kühl: „Is mir wurscht." 
Die Säuberungsaktion selbst fand er überzogen, zumal es unter den Alpinisten in El Chaltén erst 2007 eine Abstimmung über den Verbleib der Haken in der Wand gegeben hatte, die mit „Nicht entfernen" geendet hatte. „Man kann die Zeit nicht zurückdrehen", sagt David. Die zusätzlichen Schwierigkeiten für seine freie Tour sah er hingegen gelassen. Er würde eben statt Bohrhaken Klemmkeile und „Friends" verwenden.
Dann ging alles ganz schnell. Das Wetter war gut, David und Peter brachen ins Basislager auf, ein paar Stunden Schlaf, um drei Uhr früh Aufbruch nach oben. Viereinhalb Stunden, um auf der „Schulter" anzukommen, dort Rast bis ein Uhr Mittags, eine Mahlzeit mit Suppe und ein paar Travellunch-Portionen, anschließend Aufstieg zur Bolttraverse, wo sich die Schlüsselstelle der Tour befand, eine Seillänge im oberen neunten, unteren zehnten Schwiergkeitsgrad: enorm schwer. 
Beim ersten Versuch stürzte David ins Seil, beim zweiten genauso.
„Ich dachte: Scheiße, vielleicht kann man diese Länge gar nicht frei klettern", sagt er, probierte es aber stur weiter. Beim dritten Versuch veränderte er die Position seines Körpers geringfügig, korrigierte den Ansatz, wie er greifen und sich hochziehen musste,  merkte, doch, so könnte es gehen, fiel zwar noch einmal ins Seil, fühlte aber, wie sich die generelle Unsicherheit verflüchtigte und der Euphorie über die bevorstehende Lösung des Problems Platz machte. 
Auch wenn er nicht daran geglaubt hatte, dass es schon beim nächsten Versuch klar sein würde, durchstieg er die schwierigste Stelle der freien Route auf den Cerro Torre im vierten Anlauf und dachte sich, als er wieder an einem sicheren Ort Stand machte: „Das Projekt ist geknackt."
Er kletterte die Stelle noch einmal in einem durch, ohne einen Bohrhaken zu belasten, womit die Definition des freien Kletterns erfüllt war. Dann ging es weiter nach oben, bis zu einer kleinen Felsbank unterhalb des Headwall, die David und Peter vom Eis befreiten, um darauf ihr Biwak einzurichten. Sie übernachteten angeseilt im Sitzen.
Um sechs Uhr früh starteten sie wieder, um neun waren sie am Beginn der Headwall. Es folgten drei Seillängen, die David als „knackig" beschreibt, was hochgerechnet auf sein enormes Talent zum Understatement die dramatischen Schwierigkeiten beschreibt, die jetzt zu bewältigen waren. Die Wand bestand aus porösen Granitschuppen, die man nur höchst vorsichtig belasten konnte, um nicht samt der Wand in die Tiefe zu stürzen. Ein wackliger Felsblock musste „mit Fingerspitzengefühl" überwunden werden, weil ein Fehler zur Folge gehabt hätte, dass der voluminöse Block auf den unten nachkommenden Kletterpartner gestürzt wäre und den in die Tiefe gerissen hätte.
„Ungut", sagt David. 
Peter Ortner war froh, dass er nicht wusste, dass David über ihm gerade den Damoklesfelsen bekletterte.
Gegen 13 Uhr standen David und Peter schließlich am Gipfel, und es braucht schon David Lamas Coolness, um nicht vom Pathos der Situation übermannt zu werden. Die erste freie Besteigung des Cerro Torre war Wirklichkeit geworden, ein Kapitel Alpingeschichte geschrieben. Peter Ortner tanzte nackt im Schnee.
Was sagte David? 
„Pack ma's..." 

Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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