Der Kesselring

Das Magazin / Geschichten
Bild: Anne Gabriel-Jürgens
Ein geheimnisvoller Gelehrter, ein Schloss im Thurgau, eine Tragödie, ein fantastischer Pinot Noir. Die Geschichte des außergewöhnlichen Schlossguts Bachtobel

Gäste empfing der Schlossherr und Winzer Hans Ulrich Kesselring nur nach Voranmeldung, meistens am Wochenende. Am Samstag, den 6. September 2008, die Trauben auf dem Ottenberg hingen reif und erwartungsvoll an ihren Stöcken, war nur ein Gast angekündigt, der vorhatte, Pinot Noir zu kosten und sich von Kesselring in dessen Philosophie des Weinmachens einführen zu lassen. 

Philosophie war bei Kesselring kein leeres Wort, so wie ein Fußballtrainer „Philosophie" sagt und meint, wie er seine Mannschaft über den Platz verteilt. Der Schlossherr war, was man früher einen „Gelehrten" genannt hätte, ein universell interessierter Bücherwurm, der sich mit den Geisteswissenschaften genauso kritisch auseinandersetzte wie mit dem Gaschromatographen, den er in der alten Küche neben seinem Schlafzimmer aufgestellt hatte, um seiner These nachspüren zu können, dass man einen guten Wein auch objektiv vermessen kann. Kesselring machte außergewöhnlich guten Wein, und er scheute keinen Aufwand, um noch besseren Wein zu machen. Heute würde man vermutlich sagen, Kesselring sei ein Nerd. 

Der Ottenberg, auf dem das Schlossgut Bachtobel steht, ist nach Südwesten ausgerichtet. Hinter dem Laub der Weinberge sieht man Weinfelden, 10490 Einwohner, den fünftgrößten Ort des Kantons Thurgau. Die Zufahrt zum Schloss ist nur bis zum schmiedeeisernen Tor asphaltiert, dahinter blieb der Boden stilgerecht mit Kies bedeckt. Als der Besucher den Wagen langsam vor das Hauptgebäude des Anwesens rollen ließ, vorbei an den alten, mächtigen Bäumen des Schlossparks, hörte er das charakteristische Knirschen der Steine unter den Reifen. Dann parkte er den Wagen, kurzer Blick auf die Uhr, er war pünktlich.

Ich lernte Hans Ulrich Kesselring kennen, weil ich nicht nur seinen Wein erstaunlich fand, sondern auch die Briefe, die er an seine Kunden verschickte. Der Pinot Noir No.2, ein Blauburgunder von heller Farbe und schlanker Eleganz, erinnerte mich an einige der großen, berühmten Weine aus dem Burgund, die freilich nicht 25 Franken kosteten, wie Kesselrings No.2, sondern das Fünf- oder das Zehnfache. Über einen gemeinsamen Bekannten ergatterte ich ein paar Flaschen und ließ mich in die Kundenkartei aufnehmen. Wenig später erhielt ich einen Brief aus Weinfelden, der so begann:

„Würde Wittgensteins Diktum: ,Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen', von den Weinjournalisten ernst genommen, wäre manche Lifestyle-Gazette erheblich dünner. Zu unserem Glück lassen sich ein paar Unentwegte nicht davon abbringen, subjektive Eindrücke möglichst objektiv zu Papier zu bringen. Auch wir Produzenten kommen ja nicht darum herum, gegen Wittgenstein zu verstoßen und uns über unser ,unbeschreibliches' oder ,unbesprechliches' Produkt zu unterhalten. Ziel einer solchen Unterhaltung wäre es, Geruchs- und Geschmackseindrücke so zu beschreiben, dass sich ein Gesprächspartner vor seiner geistigen Zunge, resp. Nase, den beschriebenen Wein wieder zusammenbauen kann."
Was folgte, war eine so präzise Analyse des komplexen, aber auch zur Lächerlichkeit tendierenden Themas „Weinsprache", mit dem Kesselring seine eigentliche Botschaft einleitete: wie es um seine Weine des Jahres 1998 bestellt sei und dass man sie zu den beiliegenden Konditionen bestellen könne.

Quatsch. Werbung für seinen Wein war nie die eigentliche Botschaft Kesselrings. Der Wein musste zu Geld gemacht werden, klar, aber das Eigentliche, das Faszinosum des Geschäfts, ereignete sich sicher nicht an der Kassa des Betriebs, wenn wieder sechs Flaschen zu 25 Euro über den Tresen gegangen waren. Das Eigentliche ereignete sich, wenn Hans Ulrich Kesselring, dieser rare Typus eines eidgenössischen Adeligen, seine historischen Pflichten und Privilegien als Besitzer eines ikonischen Thurgauer Landwirtschaftsbetriebs sortierte und dazwischen etwas Platz fand, seine eigene Position zu bestimmen: als Privatgelehrter und Erfinder, Intellektueller und Alchimist, verschrobener Einsiedler, verantwortungsbewusster Großbauer  und puritanischer Genießer: ein sympathischer Schwieriger von eigenen Gnaden.
Ich schrieb Kesselring und gratulierte ihm zu seinem Wein. Wir kamen schriftlich ins Gespräch, pflegten, um es einmal mehr altmodisch zu formulieren, Korrespondenz, Kesselring schickte mir Montaigne-Zitate, empfahl mir den Künstlerroman „Austerlitz" von W.G. Sebald, und irgendwann kündigte er an, mich einladen zu wollen. Bis es dazu kam, dauerte es freilich noch einige Jahre. 

Der Besucher stieg aus seinem Wagen und sah sich um. Er betrachtete das Schloss, wobei, Schloss, das hier war nicht Versailles. Das Schlossgut Bachtobel war mehr ein Herrenhaus mit breiten Schultern und harmonisch geschwungenem Mansardendach, ein Stockwerk hoch, an den Fenstern grüne Läden. Im kleinen Schlosspark fiel ihm eine mächtige Trauerweide auf. 
„Guten Morgen", sagte Fazli Llolluni und lächelte den Besucher aus seinem wettergegerbten Lyle Lovett-Gesicht an. „Der Chef kommt gleich."

Fazli stammt aus dem Kosovo. Er war als Saisonarbeiter in die Schweiz gekommen, hatte in Luzern auf dem Bau gearbeitet, bis er am 8. Mai 1993 die neue Stellung als Weingartenarbeiter bei Hans Ulrich Kesselring antrat. Von da an arbeiteten die beiden, sagt Fazli Llolluni, „wie Vater und Sohn".

Der Besucher betrachtete gedankenverloren Details des Hauses, die mit Stein ausgelegten Arkaden, hinter denen einmal eine Gefängniszelle untergebracht gewesen war, das Geäder der rot gestrichenen Fachwerkbalken, die dem gegenüberliegenden Gesindehaus Struktur geben. Dahinter die Weite der Ebene, die bereits den Bodensee ahnen lässt. 

Fazli hatte ein merkwürdiges Gefühl. Der Chef war ein pünktlicher Mann. Normalerweise stand Hans Ulrich um diese Zeit vor der Tür des Schlosses und wartete wie jeden Morgen darauf, dass die Arbeit beginnen konnte. Fazli wechselte noch ein paar Worte mit dem Besucher, dann ließ ihm die plötzlich aufsteigende Sorge um seinen Arbeitgeber keine Ruhe mehr.

In einer alten Schrift wurde das Bachtobel als „Freisitz (...) auf einem angenehmen Hügel zwischen Weinfelden - wohin es auch pfärrig - und Märstetten, in der Landgrafschaft Thurgau" beschrieben. „Dazu gehört auch ein artiges Herrenhaus."
Dieser Besitz, Landwirtschaft, Weinbau und das artige Haus, ging am 22. Juni 1784, einem Dienstag, in den Besitz der Familie Kesselring über. Johann Ulrich Kesselring erwarb die Liegenschaft für 16500 Gulden. Laut Kaufvertrag umfasste der Besitz
„1 herrschaftliches Schlössli mit Keller, Scheune, Stallungen, Waschhaus und gutem Brunnen
1 Schopf
1 Metzgergebäude
2 Häuser mit Keller und Stallungen, 1 Torggel
16 1/2 Jucharten Reben
24 Jucharten Wiesen, Hanf und Obstgärten
60 Jucharten Holz
gerichtsherrliche Rechte, dazu Jagd- und Metzgereirecht".
Kesselring ließ Wald roden und neue Rebstöcke setzen. Er setzte dem Schloss auf Wunsch seiner Frau ein Mansardendach auf und errichtete das neue Torggelgebäude. Die monumentale Weinpresse, deren Hauptstamm mit Ochsen vom Bodensee herangeschafft werden musste, ist noch heute in Betrieb.
Der Thurgau, in dessen geographischer Mitte das Bachtobel liegt, gehörte im Mittelalter zum Herzogtum Schwaben, von 1264 bis 1460 zu den Habsburgern. 1460 wurde die Landgrafschaft von den Eidgenossen erobert und stand bis 1798 unter der Herrschaft der eidgenössischen Orte Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus, ab 1712 auch von Bern. Aus dieser Epoche der Fremdherrschaft wird bis heute die sogenannte „Untertanenmentalität" der Thurgauer abgeleitet.

Als die Nachwirkungen der Französischen Revolution auch in Weinfelden ankamen, waren es Johann Ulrich Kesselring und sein gleichnamiger Sohn, die den Übergang in die Helvetische Republik maßgeblich moderierten. Kesselring sen. warf sein Gewicht als Landrichter in die Schlacht, der blitzgescheite Kesselring jun. formulierte die Adresse an die herrschenden Stände, die Landgrafschaft in die Freiheit zu entlassen. Am 2. März 1798 war es soweit. Einen Monat später wurde der Thurgau zu einer Verwaltungseinheit der Helvetischen Republik, 1803 zum selbstständigen Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Die Gemeinde Weinfelden stiftete der Familie Kesselring einen Findling aus Thur, der am Rain bei der Einfahrt zum Bachtobel platziert wurde: „Zur Erinnerung an ihre Verdienste um die Befreiung des Thurgaus 1798".

Es steht außer Zweifel, das Hans Ulrich Kesselring den Atem der Geschichte spürte, als er im Bachtobel als Hausherr einzog, 1977, nachdem sein Vater 69jährig einem Herzinfarkt erlegen war und die Mutter den Betrieb interimistisch für zehn Jahre geführt hatte. 
Hans Ulrich war damals 31 Jahre alt, schlank, trotzdem wirkte sein Gesicht rund und jungenhaft. Er blickte auf eine Reihe von Verwandten zurück, die ihrem Rang als „Landedelleute" gerecht geworden waren, indem sie der Allgemeinheit als Bezirksstatthalter, Oberkommandant der Thurgauer Scharfschützen, als Kantonsrat, Bezirksrichter, Oberst der Schweizer Armee (und Adjudant des legendären Oberstkorpskommandanten Ulrich Wille) gedient hatten. Jener Adjudant, ein durchaus korpulenter Herr, dankte übrigens ab, als der ebenso umfangreiche Wille ihn nicht zum Kaisermanöver mitnahm. Willes Argument: Zwei Fässer nebeneinander - das ist zuviel.

Bereits Großvater Johann Ulrich hatte das Ziel formuliert, Bachtobel als „Mustergut mit ostschweizerischem Spitzenwein" zu etablieren, aber es fiel dem Enkel Hans Ulrich zu, die in dieses Ziel eingebaute Relativierung zu streichen. 

Der jüngste Kesselring mochte sich nicht damit begnügen, Wein zu keltern, der für ein Obstbauland, der für „Mostindien", spitze war. Er wollte Wein machen, der den Vergleich mit Referenzweinen aus dem Bündnerland, oder, ehrgeiziger noch, aus Frankreich, nicht zu scheuen brauchte. Er besuchte die Weinbau-Fachschule in Wädenswil, sammelte Praxis in Frankreich, Italien und Amerika. Dann stand er schon in der Verantwortung. 

Wäre nicht klar gewesen, dass er den Betrieb, das Schloss, sechs Hektar Reben, 13 Hektar Landwirtschaft, übernehmen würde, hätte Hans Ulrich Kesselring wohl an der Universität inskribiert, hätte Naturwissenschaften, Chemie, Physik, oder auch Philosophie studiert. Stattdessen war er nun der seltene Prototyp eines Schweizer Patriziers, der sich als Bauer fühlt - oder auch umgekehrt. 

Seine Kollegen, die im Tessin oder im Bündnerland Wein machten, nannten ihn den „Junker". Das musste sich Kesselring als Schlossherr gefallen lassen. Er bezeichnete sein Schloss zwar gern als „eine Art Landhaus", aber gleichzeitig begann er mit den Fingerspitzen, alles Gewöhnliche, Alltagsgemäße zu entfernen, die Vorhänge von Möbel Pfister, die langweiligen Tapeten an den Wänden der Repräsentationsräume im ersten Stock. Nach einer Fotografie aus dem Jahr 1906 stellte er sukzessive den eleganten, großbürgerlichen Grundzustand wieder her, ließ Vorhänge nach dem alten Vorbild auf einem Jacquard-Stuhl sticken und gab eine Menge Geld dafür aus, die alten Seidentapeten in tiefen, kräftigen Farben zu renovieren.

Kesselring zog ins Schloss ein, allein in dieses 20-Zimmer-Haus, dessen Mobiliar zum größten Teil von Minister Johann Konrad Kern stammte, einem Verwandten väterlicherseits. Kern, Jugendfreund Napoleons III. und Mitbegründer des Polytechnikums Zürich, war in den 1870er Jahren Gesandter in Paris gewesen. Er hatte den Stil der Hauptstadt, den Duft der weiten Welt in den Thurgau importiert, und Kesselring bemühte sich nach Kräften, diesen Zustand originalgetreu wieder herzustellen, nebenbei eignete er sich ein enzyklopädisches Wissen über jene Zeit an. Während er darin lebte, gestaltete Kesselring das Schloss sukzessive zu einem Museum um. Sein Bett stellte er in das Eckzimmer mit der neuen, pfauenfederfarbigen Tapete. Daneben, in der früheren Küche, richtete er sich sein Labor ein. Er rüstete sich dafür, die Herausforderung, die ihm übertragen worden war, anzunehmen: diese Mischung aus „Passion und Gefängnis", wie es die Journalistin Judith Wyder sehr viel später zutreffend beschrieb.

Bevor er den Chef zu suchen begann, rief Fazli noch bei Johannes Meier an. Johannes war Hans Ulrichs Neffe und dessen designierter Nachfolger. Die beiden hatten einen Achtjahresplan miteinander vereinbart, nach dessen Ablauf Johannes von Hans Ueli, wie er ihn nennen durfte, den Betrieb übernehmen sollte. Am 6. September 2008 war gerade eines dieser acht Jahre abgelaufen.

„Hallo, Johannes. Weißt du, wo Hans Ueli ist?"
„Nein, wieso?", fragte Johannes, der gerade mit dem Auto unterwegs war.
„Er ist nicht da. Leute warten."
„Keine Ahnung. Er wird schon auftauchen."
Fazli beendete das Gespräch besorgt. Als er die Haustür öffnen wollte, fiel ihm auf, dass sie nicht versperrt war. Er betrat das Schloss, um im Schlafzimmer nachzusehen, ob Hans Ueli vielleicht verschlafen hatte. 

Aber Hans Ueli Kesselring schlief nicht. Er war tot. Hans Ulrich Kesselring hatte sich selbst getötet. Auf den Rebbergen warteten prächtig entwickelte Trauben auf das bisschen Mehr an Septembersonne, das über einen guten oder sehr guten Jahrgang entscheidet, und der Mann, der sie bei jedem Wetter akribisch geschnitten, hochgebunden, gepflegt, ausgedünnt, beschattet hatte, war nicht mehr da, um die Ernte einzubringen.

Im Testament stand: Das Schloss und der Betrieb gehen zur alleinigen Verfügung an meinen Neffen Johannes Meier. 
Diese Entscheidung folgte der Familientradition bei den Kesselrings: das Schlossgut hat stets nur einen Erben. Die Tatsache, dass die Nachfolge, zu Lebzeiten Kesselrings lange Zeit eine offene Frage, eindeutig geregelt war, führte zur Mutmaßung, Hans Ulrich könnte seinen Abschied von langer Hand geplant haben. Dem widersprach freilich alles andere.
Noch am Vortag war Kesselring gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Christian Zündel, der in der Tessiner Ortschaft Beride Chardonnay und Merlot keltert, mit dem Zug ins Waadtland gefahren, um dort an einer Sitzung der „Mémoire des Vins Suisses" teilzunehmen, einer Organisation, die sich der Promotion hochwertiger Schweizer Weine widmet. 
Im Speisewagen sprachen Kesselring und Zündel auch über die Nachfolgeregelung auf Bachtobel. Hans Ueli sei froh gewesen, dass diese endlich geklärt gewesen sei, sagt Zündel. Beim Abendessen der „Mémoire" hatte Kesselring glänzende Laune. Am nächsten Morgen fuhr er früh nach Zürich zurück, er wollte noch die Weine von Markus Ruch in Neunkirch bei Hallau kosten, traf diesen aber nicht an. Dann fuhr er nach Hause, und darüber, warum in den nächsten Stunden passierte, was passierte, sind sich die engsten Freunde und Bekannten Kesselrings nur in einem einig: keine Ahnung.

Manche versuchen die Tat als Affekthandlung zu erklären, andere als ultimative Trotzreaktion eines, der immer seinen Launen unterworfen gewesen war und diese auch offen ausgelebt hatte. Sein ehemaliger Kellermeister und Nachbar auf dem Ottenberg, Michael Broger, sagt, er sei „überrascht" über den Freitod gewesen, weil das mit der Nachfolge ja geregelt gewesen sei. „Vorher", sagte Broger, „gab es auch Zeiten, da hätte mich gar nichts überrascht."

Broger, der mit Fazli Llolluni und Hans Ulrich Kesselring acht Jahre am Weingut gearbeitet hatte, stieß als einer der ersten zu der Gruppe um Johannes Meier, die sich an diesem schwarzen Samstag im Bachtobel versammelten, um die Fakten zu sortieren und zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Die Ernte stand unmittelbar bevor. Es brauchte Leute, die anpacken konnten, und solche, die wussten, wie der Betrieb funktionierte. 

Johannes Meier, ein schmaler, dunkler Mann mit hoher Stirn und kräftiger, schwarzer Brille, gerade 33 Jahre alt, Absolvent der Hotelfachschule und ein akribischer Planer seiner Zukunft, hatte überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken, wie unwiderruflich sich sein sorgfältig geplanter Achtjahresplan in Luft aufgelöst hatte und dass er an diesem 6. September genauso in den Betrieb geschleudert worden war wie 31 Jahre davor sein Vorgänger Hans Ulrich. Er musste jetzt handeln. 

Johannes holte sich Zusagen der Nachbarn, bei der Ernte zu helfen. Die boten, wie er stolz sagt, „Hand". Er rief die junge deutsche Önologin Ines Rebentrost an, die in Wädenswil gelernt und bei Hans Ulrich Kesselring, „der Pinot Noir-Koryphäe", ein Praktikum gemacht hatte, also die Weine und den Betrieb bereits ein bisschen kannte. Rebentrost sagte zu, sie wolle es versuchen. Johannes versicherte sich der Hilfe von Fazli, der sichtlich geschockt war, dessen langjährige Praxis im Betrieb aber plötzlich essenziell war. Die Ernte 2008 gestaltete sich als Krisenmanagement unter freiem Himmel. Erst als die Trauben eingebracht waren, konnte der neue Schlossherr beginnen, sich einen Überblick über die Parzellen zu verschaffen, seine Weinstöcke persönlich kennenzulernen und an einer tragfähigen Lösung für die Zukunft des Weinguts zu arbeiten.

Als ich Hans Ulrich Kesselring an einem Samstag im Herbst 2003 besuchte, ein ungeheuer heißer Sommer ging gerade seinem Ende zu, erwartete er mich draußen vor der Haustür, breitbeinig, in Jeans, ein fragendes, vorsichtiges Lächeln in seinem runden Gesicht. Wir machten ein bisschen Smalltalk, dann zeigte er mir das Anwesen, den Keller, die alte, beeindruckende Holzpresse, das etwas abseits liegende Taglöhnerhaus, das er gerade hatte umbauen lassen. 

„Wissen Sie", sagte er, „ich habe für moderne Architektur durchaus etwas über, auch wenn ich in dem alten Kasten da wohne." 

Dann lachte er, und er kam mir für einen Augenblick wie ein ganz normaler Winzer vor, der zufällig in einem prächtigen, denkmalgeschützten Gemäuer zu Hause war.
Als wir jedoch den alten Kasten besichtigten, ging mit Hans Ulrich Kesselring eine deutliche Verwandlung vor. Er führte mich zuerst durchs Erdgeschoss, wo die Räume niedriger und die Decken mit Holz getäfelt sind, den bäuerlichen Teil seines Hauses, wie er betonte, und es war, als drückten die Räume und die Augenpaare der Verwandten und Vorfahren, die überall von den Ölschinken an den Wänden blickten, direkt auf seine Stimmung. 

Ohne dass ich ihn danach gefragt hätte, kam Kesselring darauf zu sprechen, dass die Fäden der Geschichte, die in diesem Haus zusammenlaufen, die Biographien der Thurgauer Freiheitspolitiker, der väterlicherseits Vertrauten von Napoleon III, der mütterlicherseits Verwandten zu den Eschers und Gessners, für ihn ein Netz darstellten, in dem er sich bisweilen verstrickt fühle. So sehr es ein Privileg sei, in diesem Haus am Ottenberg zu leben, so sehr sei es auch eine Pflicht, der er eines Tages noch so gern entkommen würde.

Viele von Kesselrings nahen Freunden erzählten mir später Ähnliches. Sein Kellermeister Michael Broger, der den Chef immer zu externen Terminen chauffieren musste, berichtet von einem Ausflug nach Konstanz, wo Kesselring angesichts der regennassen, mittelalterlichen Häuserzeilen aufgeseufzt und gesagt habe, nichts wünschte er sich mehr als eine kleine Wohnung irgendwo hier, unter dem Dach, und Kurse belegen an der Universität und nichts haben, nichts müssen. 

Der Winzer Daniel Huber, der in Monteggio vor allem Merlot keltert und mit Hans Ulrich Kesselring weitschichtig, über die Urgroßmütter, verwandt ist, bezeichnet den Freund als einen, der immer viel von sich gewollt hat und kein Talent dafür besaß, sich zurückzulehnen. Mit Huber reiste Kesselring zum Beispiel mehrfach ins vom Bürgerkrieg verwüstete Kosovo, um bei der Aufbauarbeit für die Amselfelder Großkellerei zu helfen. 

Dass Kesselring sich dafür tief in die kosovarische Gesetzgebung einlas und historisch-juristisch bereits profund Bescheid wusste, als sie zum ersten Mal in Albanien ankamen, überraschte Huber nicht. Das war auch auf allen gemeinsamen Weinreisen ins Bordeaux, nach Italien oder Südamerika so gewesen: wer mit Kesselring reiste, brauchte keinen Reiseführer mehr. 

„Einfach in die Wiese zu sitzen und die Sterne zu betrachten", sagt Christian Zündel, der das ebenfalls mehrfach erlebt hatte, „konnte er nie."

Im oberen Stockwerk besichtigten wir die Repräsentationsräume mit ihren renovierten Vorhängen und Tapeten. Als ich im Schlafzimmer die Struktur der prachtvollen Tapete mit den Fingerspitzen betastete, blickte ich plötzlich in die angstgeweiteten Augen des Hausherren: hast du dir auch die Hände gewaschen, Mann? Als wir über die ausgetretenen Treppen hinunter in den Verkostungsraum gingen, fiel mir auf, dass ich gar keine Spuren von Alltagsleben gesehen hatte auf dieser Etage, keinen abgestreiften Pullover oder die Zeitung von gestern. Der Mann lebte doch hier. 

Wir tranken Wein, es war ein Erlebnis. Hans Ulrich Kesselring hatte mit Ehrgeiz und Spitzfindigkeit den Ottenberg auf die Landkarte des Schweizer Weins gehoben, mit Ausrufezeichen. Er hatte die als gegeben angenommene, klimatische Benachteiligung des Thurgau ignoriert und das Weingut nach der Übernahme sukzessive neu organisiert. Er überlegte sich peinlich genau, wie die Abläufe am besten in Kellerarchitektur zu übersetzen seien und schaffte die entsprechende Ausrüstung ohne Rücksicht auf deren Kosten an. Als er etwa bei einem Besuch des legendären, burgundischen Weinguts Romanée-Conti eine spezielle Art von Holzgärständern kennenlernte, zögerte er nicht, sein Weingut mit denselben Fabrikaten auszurüsten. Er ersetzte zahlreiche vorhandene Reben durch burgundische Klone und arbeitete engagiert an der Definition eines Thurgauer Pinot Noirs. „Ich habe noch nie einen so gut organisierten Keller gesehen", sagt Ines Rebentrost, die in diesem Keller seit September 2008 für das Weinmachen zuständig ist.

Es lag wohl in der Person Kesselrings verborgen, dass er seine eigentliche Leidenschaft, das zweckfreie Forschen und Beobachten, auf den Beruf anwandte, den er gleichzeitig liebte und als aufgezwungen betrachtete. Er war fasziniert von den Möglichkeiten der Technik. Er experimentierte beim Weinmachen mit Gerätschaften wie dem Vakuumverdampfer, um eine höhere Konzentration und Dichte des Weins zu erzielen und das Hellrot, das den Thurgauer Pinot Noir auszeichnet, in ein Bordeauxrot zu verwandeln - ein Irrweg, wie sich angesichts der alkoholschwangeren Weine später erwies. Aber Kesselring, der sich später auch für die weinideologisch ganz auf der anderen Seite des Spektrums angesiedelte Biodynamie interessierte, hielt es ganz mit Thomas Mann: „Als ein Zweifler sitze ich hier, nicht weil ich nichts glaube, sondern weil ich alles für möglich halte." 

Kesselring verbrachte unendlich viel Zeit über seinem heiklen, teuren Gaschromatographen, um die Zusammensetzung des Weins bis in seine kleinsten Bestandteile zu analysieren - eigene und fremde Flaschen - und schließlich unwillig zu akzeptieren, dass ein brillanter Wein auch imaginäre Anteile besitzt, besitzen muss. 

Für die Kennzeichnung seiner Flaschen entwickelte er eine Stanze, die in die alten, verschnörkelten Etiketten, auf denen etwa das Haus als Kupferstich abgebildet war, plakative Löcher schlug: WR für Weißen Riesling, SB für Sauvignon Blanc, No1, No2, No3 für die drei Pinot Noirs. Es war eine bezeichnende Entscheidung. Kesselring machte sein Ding, ohne die Tradition abzuschütteln. Erst sein Nachfolger Johannes Meier trennte sich vom lieblichen Hintergrund und setzte ganz auf die Wucht der gestanzten Buchstaben und Zahlen vor weißem Hintergrund. Es sieht hervorragend aus, eigenwillig und gegenwärtig.

Als ich mit Johannes Meier zuletzt durch das Schloss ging, wirkte es hell und gelüftet. Meier hat im Erdgeschoss sein Büro eingerichtet, schlichter Schreibtisch, Apple-Computer, er selbst ist mit seiner Frau und dem kleinen Sohn ins Taglöhnerhaus gezogen. Auf die Frage, warum er nicht im Schloss lebt, lächelt er nur.

Der verbindliche, organisationskräftige Meier ist mit den vier Vorraussetzungen, die er am 6. September 2008 vorgefunden hat, gut zurechtgekommen: „Viel Geschichte, viel Tradition, viel Erwartung, viel Druck."

Er hat mit Ines Rebentrost und Fazli Llolluni Mitarbeiter an sich gebunden, die Tradition und Gegenwart des Weinguts unter Kontrolle haben und, wie Meier sagt, die Stilistik der Weine auf der Basis der besten Kesselring-Jahrgänge weiterentwickeln können. Meier selbst liebt die eleganten, würzigen Weine, die den Charakter ihrer Herkunft nicht verschleiern und sich nicht nach etwas sehnen, was sie nicht sind. Er weigert sich, die Preise anzuheben, obwohl die Qualität der Weine spielend dafür ausreichen würde. Meier verkauft, wie Kesselring, vor allem an Stammkunden, die „der Hans Ueli gut erzogen hat", wie er lächelnd sagt. Gut erzogen meint, dass sie den Pinot Noir nicht sofort trinken, sondern vier, fünf Jahre in den Keller legen, um ihn zu genießen, wenn der Reifungsprozess in der Flasche ihn noch einmal feiner, eleganter, saftiger gemacht hat.

Die „Schweizerische Weinzeitung" hat das Schlossgut Bachtobel schon zu einem „Weingut des Jahres" ausgezeichnet. Selbst Hans Ulrich Kesselrings enge Freunde finden die Weine seiner Nachfolge mindestens so gut wie vorher.

Ich probierte mit Johannes Meier und Ines Rebentrost viele Weine, bis tief in das Archiv des Schlossguts Bachtobel hinunter. Es war ein denkwürdiger Abend, an dem der Wein Geschichten erzählte, von den Ideen und Träumen seiner Macher und von Licht und Schatten der Vergangenheit. Irgendwann mussten wir dann doch ins Bett, und weil Johannes Meier das Schloss nicht mehr bewohnt, sondern als Gästehaus für spezielle Gelegenheiten benutzt, wies mir der Hausherr den Weg zu meinem Zimmer.

Ich erkannte die Pfauenfedertapete sofort wieder. Johannes Meier lächelte, als er mich fragte: „Glauben Sie an Gespenster?" 

Er selbst hatte längst klar gemacht, dass er von seinen Ahnen vor allem eines gelernt hat: Sich von ihnen zu befreien. 





Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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