Der kategorische Konjunktiv

Geschichten / Neon
Ich kenne eine Frau, mit der mich ein wunderbares, aber auch befremdliches Erlebnis verbindet. Wir hatten eine kurze, glühende Affäre, die nur deshalb nicht zu lodern begann, weil wir beide in Beziehungen steckten, die uns wichtig waren, aber wie wichtig, wussten wir gerade nicht, wir waren gedopt und verwirrt und es schien durchaus möglich, dass wir uns für etwas Neues, Gemeinsames entscheiden würden. 

Sicher war das nicht, die Tage hatten kein Ende, es wurde nie dunkel.

Ein paar Tage später würde sie ein Praktikum in Berlin antreten. Das war eine gute Nachricht, denn dafür musste sie endlich aus der Wohnung ihres Freundes ausziehen. Ich sah das als ihren ersten Schritt in meine Richtung, der den winzigen Nachteil hatte, dass er sie auch von mir tausend Kilometer entfernte.

Am Abend, bevor sie reiste, meldete sie sich bei mir. Sie hatte ihrem Freund gesagt, sie nehme den Nachtzug, aber reisen würde sie mit der Morgenmaschine.

Eine erstaunliche Nacht, wir hörten Tim Buckley und tranken Tequila. Nachdem ich sie zum Flughafen gebracht hatte, setzte ich mich hin und schrieb Satz für Satz auf, was wir gerade miteinander erlebt hatten, wie um es aus den Nebeln des Hypothetischen in die Wirklichkeit zu heben. Sie schickte mir aus dem Abflugterminal eine SMS, die ich noch lange als digitales Schmuckstück mit mir herumtrug.

Dann passierte, was am unwahrscheinlichsten war: Nichts.

Wir sahen einander erst wieder, als unsere Züge längst in fremden Bahnhöfen angekommen waren, und es dauerte noch länger, bevor wir einmal an einem Tresen standen und Konjunktive sortierten.

Was hätte. Was wäre. Was könnte. Was sollte.
Alles.

Aber leider nichts.


Manchmal ist das Nichts freilich viel ergiebiger als das Alles. Es befeuert die seelische Fantasie, muss aber nicht auf den Prüfstand der Realität.

Manchmal tritt durch eine Tapetentür ein Mensch in dein Leben, der dich mit großen Augen so anschaut, dass du weißt: uuuh, das könnte was sein, und schon wirft das Sehnsuchtszentrum deines Gehirns die große Was-wäre-wenn-Maschine an. Was könnte. Was sollte.

Was soll ich.

Es muss nicht viel mehr sein als: Ein interessantes, herzliches Gespräch. Jemand, der an den richtigen Stellen lacht und bei den langsamen Passagen ganz genau zuhört. Eine Berührung der nackten Unterarme, ein etwas zu langer Blick über den Rand deines Glases.

Ob das auf einen zärtlichen Kuss beim Abschied zusteuert oder auf ein Ausprobieren, wie sich eine gemeinsame Nacht anfühlt, ist weniger wichtig als der Schwebezustand, der dich elektrisiert: Wo führt denn das hin?

Merkwürdig, dass der Nachhall dieser Schwebung noch immer zu spüren ist, wenn längst klar ist, dass es nirgendwo hingeführt hat. Denn es hätte, es hätte.

Es hätte sich auswachsen können zu einer Affäre, einer Liebe, zu den seltenen Momenten, die humorvoll und sexy gleichzeitig sind und von denen man immer erst im Nachhinein weiß, dass sie zu den wertvollsten der eigenen Erinnerung gehören.

Scheißkonjunktiv.


Ich habe einen Freund, der erfand aus exakt dieser Gefühlslage heraus das Spiel „Heirate mich". Das Spiel funktioniert so: er steigt in die U-Bahn ein und taxiert Fahrgäste. Dabei wendet er nicht die üblichen Kategorien an: wo blitzt Haut; wessen Gesicht erzählt eine lustige Geschichte; mit wem würde es sich wohl lohnen, eine Nacht zu verbringen.

Stattdessen die große Frage: wer könnte es sein, der - Achtung, Türen schließen - zusteigt ins eigene Leben. Hallo du. Heirate mich.

Er sagt, dass es vor allem auf eines ankommt: du musst dir die Gesichter, die du flüchtig wahrnimmst, so vorstellen, wie du sie nach ein paar Jahren sehen würdest: in den intensiven Farben gemeinsam verbrachter, inniger Zeit.

Manchmal schaut eine Unbekannte plötzlich aus wie am Sonntag in zwölf Jahren beim Frühstück. Schluck.

Die Methode ist übrigens gar nicht unrealistisch. Der „New Yorker"-Autor Malcolm Gladwell beschreibt in seinem Buch „Blink. Die Macht des Moments", wie plausibel es ist, dass Menschen innerhalb einer Mikrosekunde wissen, ob sie sich in einander verlieben könnten. Der Rest des ersten gemeinsamen Abendessens dient nur noch dazu, herauszufinden, ob sie es auch wollen.
Aber darum geht es gar nicht.
Es geht darum, dass dieses eine Gesicht schon wieder verschwunden ist, bevor die U-Bahn in der nächsten Station ankommt.
Aber es hat eine Idee hinterlassen. Die Idee, dass die Geradlinigkeit und die Logik, die unser Leben in seine Form gebracht haben, weder geradlinig noch logisch sind, sondern Resultate des kosmischen Zufallsgenerators (und natürlich allem, was wir daraus gemacht haben). Dass die Möglichkeiten, von denen wir in unserem Leben Gebrauch machen, nur eine kleine Auswahl unter beliebig vielen sind, und dass man sich gut überlegen sollte, bevor man beginnt, darüber nachzudenken, ob diese Auswahl willkürlich ist oder zwangsläufig.
Die Antwort könnte die gesamte Liebeslieder-Industrie aushöhlen.

Hätte ich eine Woche später bei Airberlin einen Flug nach TXL gebucht, wäre mein Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit anders verlaufen. Äußerst fragwürdig, ob ich das heute gut finden würde. Aber es hinterlässt die fragwürdige Erfahrung, dass ganz grundsätzliche Entscheidungen daran hängen können, ob man ein Airberlin-Ticket kauft oder nicht.

Was könnte denn mein Leben sonst noch auf den Kopf stellen? Dass ich einen Liter Milch holen gehe? Dass ich mir rote Socken anziehe?

Ich schließe das nicht aus, beruhige mich aber mit der Tatsache, dass die meisten Entscheidungen getroffen werden, indem sie nicht getroffen werden. Das lässt sich ganz leicht praktisch überprüfen, indem man drei Tage lang keine Email beantwortet. Die meisten Anfragen, vor allem die dringendsten, haben sich irgendwie erledigt, und nicht mal unbedingt zum Nachteil.

Für die großen Fragen des eigenen Lebens gelten erstaunlicherweise die selben Gesetze wie für den Email-Account. Es muss jedem Rationalisten einen Stich versetzen, wenn man die wirklich folgenreichen Entscheidungen - will ich mich binden? Will ich ein Kind? Noch eines? Schmeiße ich alles hin und fange neu an? Etc. - in Nachhinein auf singulär gefühlte Momente runterrechnen kann, auf Situationen, die banaler aussehen, als sie sind.

Fliege ich nach Berlin? Registriere ich mich bei Facebook? Antworte ich der Adresse, die immer so sympathische Leserbriefe schreibt?

Könnte einem, wenn man ein Herz für Pathos hat, ziemlich viel Gewicht auf die Schultern laden.

Der Schriftsteller Martin Suter hat in einem seiner grandiosen Songtexte (die er schrieb, lange bevor er sein erstes Buch auf der Rampe hatte) den Begriff des „ungenauen Heimwehs" geprägt. Heimweh nach anders, Heimweh nach fort.

Es ist das Heimweh nach Aufbruch, das sich regt, sobald du in ein Gesicht schaust, das dir vertrauter vorkommt, als es sollte, und dabei spielt es keine Rolle, dass in der Brieftasche das Foto deines kleinen Buben steckt, den du nie im Leben verlassen würdest und dass dein Telefon noch warm ist vom Gespräch mit deiner Freundin, die du genauso innig liebst wie den Kleinen.

Dann ist das Heimweh auch schon wieder verflogen. Aber einen Augenblick lang war es da gewesen.


Manchmal denke ich an ein Mädchen, dessen Namen ich längst nicht mehr weiß. Ich lernte sie auf einer Party in Vorarlberg kennen. Sie kam mit dem designierten Erben einer großen Textilfabrik, den sie später auch heiratete, aber an diesem Abend interessierte sie sich nicht besonders für ihn.

Es wurde spät, langsam gingen die Gäste nach Hause, sie saß auf dem Sofa, ich saß auf dem Boden, wir redeten. Den ganzen Abend lief Musik von Cake. Es war, wie es manchmal sein kann, wenn es schön ist, plötzlich stellte sich diese Kompatibilität der Geschichten ein. Wenn sie etwas von sich erzählte, wusste ich, was sie bestimmt interessieren würde, und sie interessierte sich tatsächlich, und mich interessierte ihr Interesse, usw...

Sie gefiel mir, aber ich flirtete nicht mit ihr, wenigstens dachte ich das, ihr Freund saß ja am selben Sofa wie sie, und ich bin weder unverschämt noch riskiere ich gern die Ohrfeige eines genervten Textilunternehmers.

Als wir uns schließlich verabschiedeten, nützte sie einen Augenblick im toten Winkel und küsste mich.

Das war elektrisch. Darauf war ich nicht vorbereitet. Noch heute schwingt etwas in mir, wenn ich an diesen tsunamimäßigen Moment der Intimität denke, es war das Unerwartete der Wendung, das mich begeisterte und mir zugleich zu schaffen machte.

Dieser Kuss war ein Versprechen, klar und deutlich. Nur wusste ich nicht, worauf sich dieses Versprechen bezog. Es konnte alles sein oder völlig banal.

Was für ein Zauber. Er bedeutet nichts, aber er schwebt.

2 Comments

Wunderschöner Text!

ich mag deinen text sehr, danke dafür


Food & Beverage

Christian Seilers
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