Hans Dichand

Porträts / Weltwoche

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Hans Dichand, 88, ist der Kaiser von Österreich, und seine Krone trägt er nicht auf dem Kopf, sondern er liefert sie aus. Täglich, in Millionenauflage. 




Die „Neue Kronenzeitung", von ihren Lesern zärtlich oder ängstlich „Krone" genannt, je nachdem, ob sie die Zeitung lesen oder in der Zeitung vorkommen, ist gemessen an ihrer Reichweite die erfolgreichste Tageszeitung der Welt. Laut Mediaanalyse 2008 erreicht die „Krone" 41,9 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre, das sind 2,944.000 Österreicher, jeden Tag.
Die „Krone" ist eine besondere Boulevardzeitung. Sie ist niemals so aggressiv und ungehobelt wie die Blätter der Fleet Street, die ohne Bedenken jedem Minister in die Hosen greifen, und sie hat nicht halb so viel Witz wie die „Bild"-Zeitung. Sie ist so ästhetisch wie eine Vorstadttapete und tut in kluger Entsprechung so, als wäre sie bieder, gut erzogen und anständig. Wenn sie austeilt, und sie teilt oft aus, dann tut sie es mit der Empörung des Kleinbürgers, dem gerade jemand den Lack seines Autos zerkratzt hat.
Sie ist, wie jedes erfolgreiche Boulevardblatt, stramm rechts und borniert spießig, stärkt der Polizei den Rücken, selbst wenn sie 14jährige Supermarkteinbrecher in den Rücken schießt, kämpft mit wehenden rot-weiß-roten Fahnen gegen „die Bonzen" in Brüssel, schlägt aber in ökologischen Fragen überraschende Haken. Ohne massive Schützenhilfe der „Krone" wäre die Schleifung der Hainburger Au zugunsten eines Donaukraftwerks niemals verhindert worden, und die Anti-AKW-Kämpfer von Greenpeace können im Kampf gegen tschechische und slowenische Atomkraftwerke fest auf die Unterstützung der Kollegen im „Krone"-Hochhaus in Heiligenstadt zählen.
Hinauf-, hinunter-, wegschreiben: für das Formulieren der Blattlinie verfügt Dichand, der unter dem Pseudonym „Cato" selbst nur kleine Kommentare und Glossen beisteuert, über ein ganzes Orchester an Stimmen: vom täglichen Kurzgedicht des konvertierten Ex-Linken Wolf Martin, der gerne einmal mit ein paar Jamben den Geburtstag Adolf Hitlers feiert, um linke „Gutmenschen" aufzuregen, bis zum früheren Klatschkolumnisten Michael Jannée, der nach dem Vorbild Franz-Josef Wagners in der „Bild"-Zeitung täglich einen „Brief an..." eine bestimmte Adresse abfeuert, im Fall des zuletzt erschossenen 14jährigen Supermarkteinbrechers etwa mit der sensiblen Bemerkung, dass „wer alt genug ist, einzubrechen, auch alt genug ist, um zu sterben".
Das Lieblingsformat des Herausgebers ist aber eine weit vorn im Blatt platzierte Doppelseite mit Leserbriefen namens „Das freie Wort". Auf dieser Seite steht in Form von Leserbriefen, wofür das sogenannte Volk ist, und vor allem: wogegen. Gegen Asylanten, gegen Schwarze, die ja vorzugsweise mit Drogen dealen, gegen Sozialschmarotzer, gegen die abgehobene Politikerkaste in Brüssel, gegen die scheinheiligen Kritiker an Polizeiübergriffen, gegen die Gesamtschule, gegen das furchtbare Fernsehprogramm, wo von unseren Gebühren bezahlte Journalisten nichts zu tun haben, außer ihren linken Gesinnungsbrüdern Fernsehminuten zuzuschanzen.
Die hier präsentierten Ressentiments, Ängste und Verleumdungen sind das spirituelle Zentrum der „Krone", die Ursuppe all jener Konflikte, die das Blatt austrägt, indem es sich darauf beruft, von seinen Lesern dazu legitimiert zu sein.
Es hält sich in diesem Zusammenhang hartnäckig das Gerücht, dass die Briefe jener zahlreichen Leser, deren Meinungen mangels Telefonanschluss oder Postadresse nicht zurückverfolgt werden können, aus der Feder des Herausgebers selbst stammen. Dichand hat das weder zugegeben noch dementiert. Debatten über die „Krone" ignoriert er nicht einmal, wie es so schön österreichisch heißt. Mit der Feindschaft der Eliten kann Dichand gut leben, denn sie spielen in der österreichischen Öffentlichkeit keine Rolle. Es ist umgekehrt: die Eliten brauchen Dichand, um Zugang zur Masse zu bekommen.

Die Karriere des gebürtigen Steirers Dichand hätte wohl viel früher Fahrt aufgenommen, wäre ihm nicht der Zweite Weltkrieg dazwischen gekommen. Dichand, Jahrgang 1921, meldete sich freiwillig zur Kriegsmarine und hatte bei der Zerstörung des Transportschiffs „Leverkusen" durch zwei Torpedos ein traumatisches Erlebnis, über das er in der Sonntagsbeilage der „Krone" immer wieder mit Passion berichten sollte: Dichand überlebte das Sinken seines Schiffs mit zahlreichen Verletzungen atemlos in der Schwimmweste.
Zurück in der Steiermark wärmte sich Dichand mit kleineren Aufgaben für den entscheidenden Schritt in seinem Berufsleben auf. Er wurde zuerst Chefredakteur der „Murtaler Zeitung", übernahm bald darauf die „Kleine Zeitung", die heute nach der „Krone" zweitstärkste Tageszeitung Österreichs ist, und wechselte 1954 nach Wien, wo er Chefredakteur des „Neuen Kurier" wurde. Nach einem Streit mit dessen Herausgeber machte sich Dichand fünf Jahre später schließlich selbstständig.
Für 170.000 Schilling (damals etwa 20.000 Franken) übernahm er die Titelrechte der eingestellten „Kronen Zeitung". Mehr Geld hatte Dichand nicht. Den für den Start der „Neuen KronenZeitung" notwendigen Kredit über zwölf Millionen Schilling besorgte der damalige Vizepräsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes Franz Olah - ohne Wissen seiner Gremien, was sich zu einem handfesten Skandal auswuchs, der Olahs politische Karriere beendete und den Funktionär ins Gefängnis brachte.
Das Geld freilich war gut angelegt. Dichand mischte als instinktsicherer Blattmacher beinharte Chronik- und Politikberichte und einen ausgezeichneten Sportteil mit den Kolumnen prominenter Autoren (wobei eine Kolumne in der „Krone" jeden Autor rasch prominent machte). Dabei traten knapp an der nationalsozialistischen Wiederbetätigung vorbeischrammende Law-and-Order-Polemiker genauso auf wie katholische Kardinäle, vorsichtig feministische Ex-Sekretärinnen, Klatsch-Spezialisten und feinsinnige Aphoristiker im Gewand des Fernsehkritikers.
Dichand hatte für jeden Leser was, und der auf den Wunsch Franz Ohlas eingestellte Geschäftsführer und 50-Prozent-Eigentümer Kurt Falk verstand es, die Zeitung an den Mann zu bringen. Falk, bis zu seinem „Krone"-Einstieg Angestellter einer Waschmittel-Firma, erfand Gewinnspiele, Straßenkolportage und in ihrer Aggressivität unbekannte Promotion-Maßnahmen.
Mit dem kommerziellen Erfolg stieg die „Krone" zum politischen Faktor auf. Hans Dichand selbst hielt sich stets im Hintergrund. Er bleibe lieber zu Hause und streichle seinen Hund, als politische Macht auszuüben.
Tatsächlich agierte Dichand gerne hinter der Macht. Politischen Meinungsaustausch pflegte er diskret in einem für ihn reservierten Zimmer im Wiener Ringstraßenhotel „Bristol". Das Ergebnis dieser Zusammenkünfte kommunizierte seine Zeitung freilich stets aus allen Poren.
Dichand legte sich parteipolitisch nie über längere Zeit fest. Seine Kampfbereitschaft für die Ehrenrettung der Kriegsgeneration ist hingegen legendär. Als Kurt Waldheims Mitgliedschaft bei der SA aufgedeckt wurde (u.a. und besonders konsequent von der „Weltwoche"), warf sich die „Krone" mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln für Waldheim („Ich habe immer nur meine Pflicht getan") ins Zeug. Dieser wurde prompt gewählt und stürzte Österreich in die außenpolitische Isolation.
Die „Krone" begleitete tatkräftig den Aufstieg von Jörg Haiders FPÖ zur zweitstärksten Partei im Land, wollte die FPÖ aber nicht in der Regierung sehen (worüber sich Wolfgang Schüssel, Kanzler von Haiders Gnaden, freilich hinwegsetzte und damit zum einzigen Kanzler wurde, der sich der Kollaboration mit Dichand verweigerte). Sie schrieb die linken SPÖ-Minister Rudolf Scholten (diesen mit unverhohlen antisemitischen Parolen) und Caspar Einem (mit der Law-and-Order-Keule) aus der Regierung, trug ihren Teil dazu bei, dass auf Schwarz-Blau wieder eine große Koalition folgte und protegierte Werner Faymann, den Infrastrukturminister dieser Regierung, so stark, dass er seinen Parteifreund Alfred Gusenbauer als Kanzler stürzen konnte.
Es war ein Tiefpunkt in der Performance der politischen Klasse Österreichs, als Faymann und Gusenbauer, der seine Haut als Kanzler retten wollte, per Leserbrief in der „Krone" bekanntgaben, dass die SPÖ, bis dahin deklariert EU-freundlich, ihren Kurs ändere und in Zukunft bei wichtigen Fragen das Volk entscheiden lassen werde. Der Brief erschien in der Rubrik „Das freie Wort". Die Formulierung war mit Hans Dichand abgestimmt.
Ab dem nächsten Tag warf die „Krone" ihre Pro-Faymann-Propaganda unter Missachtung jeder Anstandsregel an. Faymann, der Dichand „Onkel Hans" nennt und als Wohnbaustadtrat Wiens Millionen in Inserate in der „Krone" investiert hatte, gewann die Wahl und wurde Kanzler.
Aber sicher darf sich kein Herrschender der Unterstützung von „Onkel Hans" sein. Dichand, der nach dem Vorbild von „Zeit"-Herausgeber Helmut Schmidt jede Woche seiner eigenen Programm-Beilage ein Interview gibt, äußerte an dieser Stelle unlängst den Gedanken, ob an der Spitze des Staates nicht womöglich das Duo Erwin und Josef Pröll die beste Figur machen würde. Erwin, derzeit Landeshauptmann von Niederösterreich, tritt möglicherweise bei den Wahlen zur Bundespräsidentschaft gegen den Amtsinhaber Heinz Fischer an, und Josef ist Vorsitzender der ÖVP und deren logischer Kanzlerkandidat. Faymann? War da was?
„Falter"-Chefredakteur und Medienkritiker Armin Thurnher analysiert trocken, dass es „Dichand immer zuerst um Dichand, das heißt um seine Zeitung geht", und dass es der Zeitung nicht gut bekomme, Regierungsblatt zu sein. Stimmt: das Beispiel des EU-Abgeordneten Hans-Peter Martin, der als „Krone"-Kolumnist die volle Unterstützung des Blattes gegen die dort oben in Brüssel mitnahm und bei der EU-Wahl mit 18 Prozent der Stimmen mehr als respektabel abschnitt, zeigt Dichand, wo seine Stärken liegen: in der von-unten-nach-oben-Bewegung. Im eigenen Blatt interpretierte er den eigenen Triumph mit staatsmännisch-saturiertem Grinsen: „Man sagt, dass Hans-Peter Martin, der ja seit Jahren für die ,Kronen-Zeitung' schreibt, diesen von der gesamten öffentlichen Meinung sehr beachteten Sieg ja auch für die ,Krone' erreicht hat, wobei ich als Herausgeber dieser Zeitung gerne und selbstverständlich etwas zurücktrete, um ihn, der ein wirklich großartiger Journalist ist, ganz in den Vordergrund zu stellen."
Dichands ungebrochene Leidenschaft für die „Krone" lässt sich wohl am besten daran ablesen, dass er sich als 88jähriger Sorgen um die Zukunft seiner Zeitung macht. Seit nach dem Ausscheiden Kurt Falks 1989 die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ) für 315 Millionen Mark die Hälfte der „Krone"-Anteile übernommen hat, wurde zwischen den ungleichen Besitzern - Dichand, der Patriarch with an attitude, die WAZ, energische Sparschwein-Manager - keine Instanz, auch keine juristische, ausgelassen, um den Konflikt schließlich mit Pattstellung zum Stillstand zu bringen, freilich bei Vorteil Dichand: sein Sohn Christoph hat die Chefredaktion der „Krone" übernommen, was ein Schweizer Schiedsgericht als legal bestätigt hat; seine Schwiegertochter Eva hat mit der U-Bahnzeitung „Heute" ein von Dichand nominell unabhängiges Gratisblatt in den Markt gedrückt, das die „Krone" nach unten absichert; Dichand selbst kann laut über den Rückkauf der „Krone"-Anteile von der kriegsmüden WAZ nachdenken, wobei ihm die Raiffeisengruppe, die mit den Prölls eng verbandelt ist, behilflich sein könnte.
Seit 50 Jahren beherrscht Dichand Österreich. Alle Angriffe auf seine Marktstellung sind gescheitert. Politiker kommen und gehen. Die „Krone" bleibt. Hans Dichand hat sein Lebenswerk darauf verwendet, dass Österreichs Öffentlichkeit ihre Kritikfähigkeit verloren hat.


Food & Beverage

Christian Seilers
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