Semmering, Skylines 2004

Kolumnen / Österreich, Skylines
Ich bin ein professioneller Herzeiger. Wenn mir was gefällt, dann red ich drüber. Sowie mir irgendwer unter dem Siegel der Verschwiegenheit eine ganz besonders schöne Ecke dieses Landes anvertraut, oder vielleicht auch nur ein Bild in einem unentdeckten Museum oder eine Speisekarte in einem geheimgehaltenen Wirtshaus, schon wissen's alle. 

Manchmal fügen sich die Geschicke allerdings anders rum. Zuerst wissen's alle, dann wird's geheimgehalten, und am Schluss braucht man mich, um die Sache ins rechte Licht zu rücken. Here we are: auf dem wildesten Hausberg der Wiener, den ein gescheiter Kollege zum Sinnbild für die „Eroberung der Landschaft" ausgerufen hat, für die Zähmung des Alpinen unter das Joch der Sommerfrische. Es handelt sich um die Südbahnstation hinter Schottwien, was ja allein vom Namen her schon die Verbundenheit des Semmerings mit unserer schönen Hauptstadt unter Beweis stellt, zumindest ein bisschen.

Der Semmering. Eine, wie man so sagt, Legende. Das ist bekanntlich ein anderes Wort dafür, dass seine einmalige Lage nicht mehr weißgottwie geschätzt wird und die bemerkenswerte touristische Infrastruktur abgewohnt und heruntergewirtschaftet ist. Tatsächlich wurde ich auf meinem letzten Spaziergang über den Korso zwischen Hotel Panhans und Hotel Südbahn reichlich sentimental, weil dem Korso fehlte nicht nur alles, was einen Korso ausmacht, nämlich Pracht, Prunk und Publikum. Selbst die wohltuend seufzerische Erinnerung an die vergangenen Zeiten hat sich zwischen Baumeistersünden verflüchtigt. Soll heissen: zuletzt gelang es mir am Semmering nicht einmal mehr, so richtig sentimental zu sein wie seinerzeit, und erst das machte mich sentimental, irgendetwas funktionierte also doch noch.

Okay, das war jetzt ein bisschen kompliziert. Der Reihe nach. Vor ein bisschen mehr als hundertfünfzig Jahren war der Semmering noch ein ernsthaftes Stück Hochgebirge an der Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark. Dann plante der unerschrockene Carl Ritter von Ghega die Route der Südbahn von Wien nach Triest, und er schreckte vor den bisher unbewältigten Steigungen der Trasse auf die Passhöhe nicht zurück, sondern erlaubte sich bei der Planung eine grandiose Portion Optimismus, die 1854 in die Eröffnung der Semmeringbahnstrecke mündete. Dieses revolutionäre - und gleichzeitig brillant anzuschauende - Bauwerk ist nach wie vor im Dauerbetrieb. Pläne für einen Basistunnel haben sich zerschlagen. Der Ingenieur wurde mit seiner Verewigung auf dem Zwanzig-Schilling-Schein gebührend geehrt, ich wünschte mir, der Euro trüge ähnlich sinnstiftende Motive.

Die Bahn transportierte, kaum fertig, tout Vienne auf den Berg. Zwischen den Felsen wurden riesige Grandhotels in den Fels geschlagen. In die Nachbarschaft der Grandhotels bauten sich die Herrschaften, die zu reich waren, um sich bloß ein Zimmer zu mieten, wunderbare Villen, und abends marschierten alle miteinander aufgebrezelt und hochdekoriert durch die kühle Abendluft von Salon zu Salon und versicherten sich allein durch kollektive Anwesenheit der Richtigkeit, hierzusein. Altösterreichische Schriftsteller schrieben dazu die Gebrauchsanweisung.

Das ist gut hundert Jahre her. Die Häuser stehen noch, aber die Landschaft ist nicht mehr die selbe. Was Dichtern und Hofschranzen seinerzeit noch wild und gefährlich schien, hat heute etwas beruhigend Sanftes. Die Exotik des Alpinen hat sich in eine literarische Note verwandelt, und hinter den hundertjährigen Nadelbäumen spuken Erinnerungen und Anekdoten.

Deshalb ist der Semmering auch für jeden Herzeiger ein Heimspiel. Zum Beispiel für mich. Mit größtem kulturhistorischen Interesse habe ich zugeschaut, wie der pioniertouristische Willkürakt, den wilden Semmering in die Aussichtsterrasse Wiens zu verwandeln, von den modernen Zeiten überholt und neu sinnvollisiert wurde. Pracht ohne Pracht ist bekanntlich etwas besonders Prachtvolles, und zum Beispiel das mitten in einem ambitiösen Umbau stecken gebliebene Südbahnhotel strahlt auf eine so malträtierte Weise Grandezza von gestern aus, dass ich mehr davon wissen wollte, Staub, Licht, Schatten sortieren. Leider war das Haus alleweil zugesperrt, und gewöhnlich gut informierte Kreise munkelten etwas von im Hotel eingesperrten Schäferhunden, die dort ungefüttert ihre Runden zögen, so dass unautorisierte Eindringlinge das Hotel zwar betreten, aber nicht mehr verlassen.


Ich näherte mich dem schloßähnlichen Prunkbau entsprechend vorsichtig. Nahm Aufstellung unter einem offenen Fenster und probierte es mit einem so jämmerlichen Miauen, das jeden hungrigen Schäferhund zwangsläufig aus dem Konzept bringen musste. Aber aus dem Fenster wehte nur kühles Schweigen, das mir mitteilte: Du bist in Sicherheit.

Ich drang zur Rezeption vor. Die Drehtür war nicht verschlossen. Ich musterte gerade die Holzkonstruktion hinter dem Tresen, wo einst die Schlüssel für die Zimmer und Suiten gehangen waren und die Post aus der Hauptstadt auf die Sommerfrischler wartete, ich sog die Vorkriegsluft, die hier stand, tief ein.... aber, Vorkriegsluft, was für ein Irrtum. Denn in diesem Augenblick ertönte die Luftschutzsirene, UUUUWOOOOOOWUUUUUUUWOOOOO, und  was dann passierte, weiß ich nicht mehr, denn ich verschwand so schnell wie ein neuer Investor, der die Kosten für die Sanierung des Hauses geschätzt hat.

Dann marschierte ich den Wanderweg entlang der Semmeringbahn hinunter nach Gloggnitz, atmete den unverwechselbaren Duft von Zügen ein, die sich ganz ordentlich in die Kurve legen müssen, und machte anschließend einen Abstecher ins schönste Haus am Platz, um mich mit dem Herrn Wirten ans Geländer der Holzveranda zu lehnen und vor prachtvollem Panorama und über einem ebenso prachtvollen niederösterreichischen Weißwein von der Schönheit der neuen Zeiten zu schwärmen, die felsenfest und verspielt auf dem Fundament ihrer Vergangenheit stehen.

Wo das gewesen sein könnte?

Ich sagte doch, ich bin nicht so ein Herzeiger.

Food & Beverage

Christian Seilers
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