Der Beobachter

Das Magazin / Porträts
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Was wir vom Zoologen Jörg Hess lernen können: Über Gorillas, Siebenschläfer und Hornissen. Vor allem aber über uns selbst



Der Zoologe Jörg Hess, 74, spült sein Geschirr im Freien. Das Wasser leitet er aus dem Bach ein, der das Grundstück durchquert, er erhitzt es in einem Kessel über dem offenen Feuer in der Küche. Der Kessel hat eine Haut wie ein fossiles Urtier, so dick ist er mit Ruß gepanzert. Der Spülstein ähnelt einem Trog. Das Geschirr einer ausführlichen Mahlzeit stapelt sich auf dem Grund des Beckens, und Hess spült jeden Teller, jedes Glas mit der gleichen routinierten Sorgfalt.

Er trägt eine Latzhose wie John-Boy Walton. Sein weißer Vollbart ist dicht wie die Bürste, mit der das Geschirr geschrubbt wird, das Haar ist kurz geschnitten, und Augenkontakt mit dem Zoologen bedeutet, dass jetzt gleich eine Geschichte fällig ist. Hess kennt viele Geschichten.

Zum Beispiel hat er entdeckt, wie Hornissen im Sommer dicke Fleischfliegen erlegen. Das Fliegenweibchen ist paarungsbereit, es sitzt in der Sonne und wartet darauf, dass ein Fleischfliegen-Männchen mit einem tiefen Brummen von hinten anfliegt, um die Paarung durchzuführen. Das Brummen der Fliege ist das Signal an das Weibchen, dass es in Sicherheit ist, dass der Ankömmling, der sich außerhalb des Gesichtsfelds nähert, in Frieden kommt. Aber das ist ein Irrtum.

Denn einzelne Hornissen haben sich dieses Spezifikum der Fliegen angeeignet, um sich sozusagen unter der akustischen Tarnkappe nähern zu können. Die Hornisse imitiert das Brummen des Fliegenmännchens, um das Weibchen zu täuschen, es in Sicherheit zu wiegen und von hinten zuzuschlagen. Sekunden später ist die Fliege tot, und die Hornisse wird satt.

Hess lächelt. Das Phänomen ist ihm aufgefallen, als er auf seiner Tessiner Alp im Freien saß. Mit einigen Verwandten besitzt er seit vielen Jahren ein Gehöft aus Natursteinen. Oft verbringt er hier Wochen ohne Gesellschaft - wobei, das sieht er anders, aber davon später. Kein Auto kann hier vorfahren. Jeder Einkauf hat einen Abstieg ins Tal und den beschwerlichen Aufstieg mit der Ware im Rucksack zur Folge, man lernt strategische Haushaltsführung.

Hess fiel zuerst das Brummen auf, und er sah Hornissen fliegen. Es dauerte eine Zeit, bis er die Wahrnehmungen synchronisierte. Er saß an einem seiner Plätze auf einer der vielen Terrassen des abgelegenen Anwesens, als er die brummende Tarnkappenhornisse anfliegen sah, erst dann fiel der Groschen: die Hornisse hatte offenkundig aus der Beobachtung der Beutetiere eine Strategie entwickelt, um von der Beobachtung zu profitieren - aber Hess würde das mit Sicherheit ganz anders formulieren. Jegliche Vermenschlichung in der Zoologie ist ihm genauso ein Gräuel wie die das Ziehen voreiliger Schlüsse. Ihm reicht es, das Phänomen zu beobachten, noch einmal zu beobachten, einmal mehr zu beobachten - und es zu kennen. Darüber hinaus ist sein Ehrgeiz gering. Auch wenn ein Kollege, dem Hess das Hornissen-Phänomen schilderte, begeistert aufjubelte und ihn dazu motivieren wollte, die Sache zu publizieren, es sei eine kleine Sensation, winkte Hess ab. Er erzählt die Geschichte lieber denen, die ihn besuchen und ihm zuhören, und vielleicht publiziert er sie auch einmal, kann schon sein, vielleicht, irgendwann, jaja...

 

Jörg Hess stammt aus keiner Intellektuellenfamilie. Sein Großvater Erwin war Bauer. Sein Vater Ernst liebte die Tiere, und weil der Hof im Bernbiet traditionsgemäß an den ältesten Sohn ging, blieb als logischer Beruf für den tierverliebten Jüngsten nur die Metzgerei.

Das war kein Widerspruch. Der Vater liebte die Tiere wie kein anderer. Es war nur sein Beruf, sie zu töten.

An den Sonntagen stand der Vater immer früh auf, zwischen vier und fünf, und kam erst zum Frühstück wieder zurück ins Haus. Seine Abwesenheit umwehte etwas Geheimnisvolles, und als Jörg den Vater eines morgens fragte, wo er denn gewesen sei, antwortete der: „Du musst nicht. Aber wenn du fragst, darfst du mitkommen."

Jörg fragte.

So trat er in die Welt des Beobachtens ein. Der Vater wusste, wo die Haselmäuse ihr Nest hatten, er kannte die Rehe und die Hasen des Waldes persönlich. Er wusste, bei welcher Wetterlage zu erwarten war, dass der Fuchs sich zeigte und wann die Eule morgens von der Jagd zurückkehrte. Woche für Woche nahm Jörg Lektionen, was für eine Freude es war, Lebewesen beim Leben zuzusehen.

Die Schule, keine Erfolgsgeschichte. Jörg wechselte vom Basler Gymnasium in die Realschule, machte anschließend eine Lehre bei einer Versicherung, lernte Stenographie und Schreibmaschine schreiben. Bei „Gevert" eignete er sich die Fähigkeit an, Fotos selbst zu entwickeln. Eine Stelle bei den „Basler Nachrichten" vermittelte ihm Grundkenntnisse im journalistischen Schreiben.

Die Tiere, so war der Plan, würde er in seiner Freizeit beobachten, aber das erwies sich als Missverständnis. Bald merkte der junge Mann, dass er an der Hand seines Vaters eine Welt betreten hatte, die er nicht mehr verlassen wollte.

Um das Beobachten von Tieren zu seinem Beruf zu machen, beschloss er, Zoologe zu werden. Er schrieb sich in der Abendschule für die „Kantonale Abendmatura" ein. Am Tag, nachdem er die Matura abgelegt hatte, begann er zu studieren.

 

Jörg Hess ist Ehrendoktor der Universität Basel. Das ist eine ziemlich witzige Pointe, denn das Ehrendoktorat konnte ihm die Uni nur verleihen, weil Hess nicht schon längst promoviert war. Er hatte sein Studium bei Dr. Adolf Portmann begonnen, dem „letzten Zoologen, der ein ganzheitliches Bild" seines Gegenstands hatte, wie Hess voller Respekt feststellt, und fing 1967 eine Forschungsarbeit über die Mutter-Kind-Beziehung von Gorillas an. Der Basler Zoo war dafür prädestiniert. 1959 war hier Goma zur Welt gekommen, der erste Gorilla, der in Europa in Gefangenschaft geboren wurde, im August 1968 folgte Quarta, Tochter von Achilla und Stefi.

Hess bezog Station vor dem Gorillagehege im Zuschauerraum. Er hatte seine Kladde dabei und seine Kamera. Er beobachtete und beschrieb. Er notierte alles, was im Gorillakäfig geschah. Er wusste: wenn ich Muster entdecken will, muss ich auf alle Details achten, auch wenn sie mir am Anfang vielleicht unwichtig scheinen. Er stenographierte und fotografierte, manchmal diktierte er auch in sein Aufnahmegerät. Er verbrachte Tag für Tag im Zoo, kam früh, ging spät, schaute den Gorillas zu, drang langsam und vorsichtig in ihren Kosmos ein, wurde vertraut mit den Tieren, lernte sie zu unterscheiden, durchblickte ihre Ordnung, begann den Charakter einzelner Tiere zu begreifen - und sah, wie Mutter- und Jungtiere gemeinsam ins Leben stiegen, das Kind an die Mutter geklammert, abhängig, zärtlich.

Hess notierte. Er saß tagaus, tagein im Zoo, sah Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen, wie sie schliefen und aßen, wie sie sich pflegten und stritten, wie sie sich paarten und wie die Affenfrauen schwanger wurden - ja, Hess nennt die beobachteten Tiere „Affenfrauen" und „Affenmänner": „Ich finde es lächerlich, zu einem Tier, das etwa zehnmal so stark ist wie der stärkste Mensch, Männchen zu sagen."

Es gelang ihm, die Geburt von Gorillababys zu filmen. Er saß auf seinem Platz außerhalb der Glasscheibe und protokollierte jedes Detail mit der Kamera und dem Stift:

13.00 Tana (T) hat vermutlich Wehen, sie nimmt wiederholt eine typische Stellung ein: liegt halb zur Seite, halb auf dem Bauch, hat das rechte Bein auf der Sohlenfläche des Fußes aufgestellt und trägt so ihr Gesäß hoch aufgereckt.

13.04 T geht in einen Schlafkäfig, Bassa und Dan folgen ihr nach

13.06 T verlässt den Schlafkäfig

(...)

13.24 T wechselt den Platz, verzieht den Mund: Mund in der Mitte schmal geöffnet, die Mundwinkel sind seitlich nach hinten gezogen und gerundet (silent beared teeth-display)

(...)

14.27 Platzwechsel, Xindra(X) folgt, T's Vagina ist fünflibergroß offen, Kopf des Kindes tritt aus, X steht nahe dabei, rückt erschrocken etwas  weg, Kind wird ganz ausgepresst, T umfasst mit einer Hand den Kopf des austretenden Kindes, und mit der anderen ein Ärmchen, dann wird während Aufsitzens das Neugeborene von T auf die Bauchseite gezogen

 

Je mehr Jörg Hess sah, desto mehr wollte er sehen. Das Forschungsprojekt Mutter-Kind-Beziehung wuchs sich aus. Während zwölf Jahren sah Hess fünf Affenkinder zur Welt kommen, er begleitete ihre Ankunft, ihr Aufwachsen, ihr Eintreten in die Familie, das Erstaunen der Geschwister, das Interesse des Vaters, er vermerkte mit minutiöser Genauigkeit Fakt für Fakt, Geste für Geste.

Hätte jemand zu dieser Zeit Jörg Hess beobachtet, er hätte einen vollbärtigen, schlanken Mann gesehen, der ohne aufs Papier zu schauen Notizen in seine Kladden kritzelt, um den Blick nicht vom Geschehen im Gehege abwenden zu müssen. Tatsächlich, sagt Hess, sei er permanent unter Beobachtung gestanden, und zwar genauer als jeder Affe, den er selbst im Visier hatte: „In jeder Minute, in der du einen Gorilla beobachtest, lernt der doppelt so viel über dich wie du über ihn."

 

Bevor Jörg Hess die nächste Geschichte über den Tisch schiebt, warnt er nicht ganz unberechtigt vor sich selbst: „Du musst mich unterbrechen, sonst erzähle ich immer weiter."

Das Erzählen ist sein Äquivalent zum Beobachten, und Beobachten ist das Leitmotiv seines Lebens. So wie eine Beobachtung nie zu Ende ist, weil sie zwangsläufig in die nächste und die übernächste Episode mündet, knüpft Jörg Hess, wenn er erzählt, an die Stichworte, die er sich selbst gibt, an und fährt fort, fährt fort mit Fakten, Geschichten und Schlussfolgerungen, gleichberechtigt und ununterbrochen, wie der Strom des richtigen Lebens. Der Grundton, auf den diese Erzählung gestimmt ist, heißt Respekt - ein inbrünstiger, tiefer Respekt für die Tiere und die Welt, die wir mit ihnen teilen, und wenn Hess einen Auftrag spüren würde, was er verneint, dann bestünde der zweifellos darin, das Großartige an jeder einzelnen Gattung sehen zu lehren und Anstöße zu geben, daraus etwas mitzunehmen - angepasstes Verhalten zum Beispiel, den Zweifel am Menschen als Krone der Schöpfung oder auch nur das Staunen dessen, der weiß, wie wenig er weiß.

 

Von seinem Beobachtungsposten im Basler Zoo aus beobachtete Hess, wie Gorillas kommunizieren. Er sah, wie sie sich mit ihrer Mimik, mit einem reichen Arsenal an Gesten, Körperbewegungen, Körperhaltungen und Lauten verständigen. Die Affenforscherin Dian Fossey hat in einer Arbeit 25 Laute identifiziert, die sich voneinander unterscheiden und fixe Bedeutungen haben. Sie begründen ein Verständigungssystem, das Hess „so komplex wie unsere Sprache" nennt, nicht ohne gleichzeitig zu bedauern, dass unsere Sprache, die Verständigung von Mund zu Ohr, durch den Verzicht auf die Qualität der anderen Sinne einen „dramatischen Engpass" an Kommunikation begründe.

Jetzt sprüht Hess vor Begeisterung über die Kommunikation aller Sinne, wie sie die Gorillas beherrschen, und eine Geschichte nach der anderen drängt aus seiner Erinnerung nach vorne, um zu illustrieren, wie raffiniert und hoch entwickelt dieses System ist  - „nein, nur die eine noch":

Da er jeweils wissen musste, wann eine Affenfrau schwanger war, brauchte er das Urin der Gorillafrau Kati. Er wollte damit im Frauenspital einen Schwangerschaftstest durchführen lassen, um im Fall eines positiven Befunds seine eigene Familie darauf vorbereiten zu können, dass er für die nächsten Monate mehr Zeit im Zoo als zu Hause verbringen werde.

Klingt einfach, ist aber kompliziert. Um das reine Urin von Kati zu bekommen, musste sie sich in einem abgetrennten Raum befinden, wo keine anderen Gorillafrauen waren, und dort urinieren, sobald am Abwasserkanal des Raums ein Fläschchen in Position gebracht war.

Die diensthabenden Tierpfleger lockten Kati mit Tee, mit Ovomaltine, mit Zuckerwasser. Kati liebte schmackhafte Getränke, aber sie wollte sich nicht in ein separates Gehege sperren lassen. Als es den Pflegern schließlich gelang, sie regelmäßig in den betreffenden Raum zu locken, wurde am Abfluss das Probefläschchen befestigt.

Allein, just am Tag X spielte Kati nicht mit. Der Grund: der Pfleger, der im Bild war, hatte die Tatsache, dass heute eine außergewöhnlicher Tag war, durch irgendeine unbewusste Geste, einen Blick, eine Grimasse verraten, und Kati konnte die Botschaft lesen. Erst als auch der Pfleger im Unklaren über den genauen Zeitpunkt seiner Mission gelassen wurde, klappte die Sache schließlich doch noch.

 

Immer wieder filmte Hess während seiner Beobachtungsarbeit Paarungen von Menschenaffen im Familienverband. Als er Teile seines Materials dem englischen Arzt Richard P. Michael zeigte, reagierte dieser enthusiastisch: wow, dieses Material sei einmalig. Michael hatte die Rolle von Duftstoffen im Geschlechtsleben von Menschen und Makaken erforscht und entdeckte in der Arbeit von Hess eine spektakuläre Bestätigung der eigenen Thesen. Auf den Filmen war festgehalten, wie Gorillas den Cunnilingus ausüben oder wie sich Jungtiere zwischen sich paarende Gorillas drängen, um deren Geruch aufnehmen zu können.

Michael lud Hess, noch immer Student, kurz entschlossen zu einem Kongress in London ein, um die Szenen den führenden Verhaltensforschern der Welt vorzuführen.

„In schlechtem Englisch" berichtete Hess der staunenden Fachwelt von seinen Beobachtungen.

Als kurz danach bei einem Primatologentreffen in Portland, Oregon, sein Film vorgeführt wurde, platzte der Hörsaal aus allen Nähten. Die Affenforscher aus allen Ländern der Welt waren tief beeindruckt über das, was sie sahen. Michael lud Hess ein, die Forschungsergebnisse in einer von ihm herausgegebenen Anthologie zu publizieren.

Als die Arbeit erschien, stimmten zwei Drittel der Dekane der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Basel dafür, sie als Dissertation anzuerkennen. Jörg Hess verzichtete aber darauf, die Abschlussprüfungen abzulegen. Er war dort angekommen, wo er immer hingewollt hatte: er konnte Tiere beobachten, dafür brauchte er jetzt keinen Doktortitel mehr - 1995 sollte er ihn schließlich ehrenhalber bekommen.

 

Auf einem Symposium der Ciba-Foundation traf Hess den Doktorvater von Dian Fossey, Robert A. Hind. Hind ermunterte Hess, die legendäre Verhaltensforscherin persönlich kennenzulernen. Die beiden trafen einander im Karisoke Forschungszentrum in Ruanda, das wenige Jahre später durch den Film „Gorillas im Nebel" weltberühmt werden sollte. Dian Fossey schlug Jörg Hess vor, seine Beobachtungen zum Mutter-Kind-Verhältnis auch auf Berggorillas auszudehnen. Plötzlich tat sich für den Schweizer die Möglichkeit auf, die Beobachtungen, die er im Basler Zoo begonnen hatte, in der Wildnis fortzusetzen.

Hess' Frau Anna war damit einverstanden. Sie wusste, dass ein außergewöhnlicher Mann außergewöhnliche Wege gehen musste. Die studierte Juristin war ihrerseits außergewöhnlich genug, um die Juristerei wegen mangelnden Interesses sein zu lassen und auf Logopädie für Kinder umzusatteln. Auf diesem Terrain hatte sie eine feste Anstellung und brachte genug Geld nach Hause, um die Familie mit den beiden gemeinsamen Kindern versorgen zu können. Anna hatte ein Herz für Jörgs Leidenschaft, das gestattete ihm überhaupt erst, als „selbstständiger Primatologe" tätig zu sein. Sie wusste, dass die Beobachtung von frei lebenden Berggorillas für ihren Mann ein Lebenstraum war, und Lebensträume müssen bekanntlich verwirklicht werden...

Am 27. Dezember 1985, zwei Tage, bevor Jörg Hess nach Ruanda aufbrechen wollte, kam am Radio die Nachricht, dass Dian Fossey ermordet in ihrer Hütte in Karisoke aufgefunden worden war.

Hess war erschüttert. Unmittelbar darauf traf ein Telegramm der ruandischen Regierung ein. Region gesperrt, Anreise unmöglich.

Als Hess die Reise und die dafür nötigen Bewilligungen stornieren wollte, erhielt er freilich eine verblüffende Antwort. Er müsse vor Ort erscheinen, um die Bewilligungen für die Arbeit in Karisoke zurücklegen zu können.

Zwei Monate nach dem Mord an Dian Fossey reiste Hess nach Ruanda. Dort blieb er für die nächsten acht Monate, sieben im Wald, einen auf der Station.

 

„Schau dir mein Arbeitszimmer an", sagt Jörg Hess lächelnd, und es ist eine rhetorische Aufforderung, denn sein Basler Arbeitszimmer bricht über jeden Besucher herein. Bücher, Kästen, Papier, Dias, Fotos, Zeichungen, Devotionalien. Schmale Gänge, durch die man sich vorsichtig zum Schreibtisch vorarbeiten muss.

„Ich bin wie eine Maus, die die Enge ihrer Höhle spüren will", sagt Jörg Hess. „Ich habe in Afrika gemerkt, dass ich in den dichten Wald gehöre."

 

Der Weg von der Forschungsstation in den Wald und zurück nahm täglich mehrere Stunden in Anspruch. Die Zeit mit den Gorillas beschreibt Jörg Hess als prägend für sein ganzes Leben.

„Sie sind Wesen, die man erinnert wie eine Gastfamilie. Jede Erinnerung an sie ist unauslöschbar in mein Bewusstsein eingeprägt. Die Gorillas, mit denen ich diese sieben Monate verbrachte, gehören zu meinem familiären Umfeld."

Ein Begriff, den Jörg Hess gern verwendet, um das Wesen der großen, kräftigen Gorillas zu beschreiben, ist „Sanftheit". Um diese Eigenschaft drehen sich viele der Geschichten, die er aus Afrika zurückgebracht hat, und denen er in allen möglichen Verästelungen und Überlegungen nachgeht.

Noch 25 Jahre später strahlt Hess, wenn er erzählt, wie ihm die Gorillafrau Maggie zärtlich mit der Hand über den Kopf strich, als er nach einer Kollision mit dem ungestümen Schwarzrücken Pablo schreiend vor Schmerzen auf dem Boden lag - Pablo hatte die Robustheit des Beobachters überschätzt.

An einem anderen Tag sprang ihm ein junger Gorilla zur Begrüßung auf den Schoß, 80 Kilo Freundschaft. Eine Gorillafrau, die ein Jungtier zur Welt gebracht hatte, kam auf ihn zu und zeigte ihm ihr Baby. Es waren Momente, als sich Jörg Hess angekommen fühlte in einer Gemeinschaft von Lebewesen, die er mit soviel Sympathie betrachtete, und diese Momente nahm er zurück nach Europa samt unzähligen Bildern von den Tieren und dem Wald, in dem sie lebten.

„Ich habe zwischen Menschen und Berggorillas Vertrauen wachsen sehen, Mitleid erlebt, Freundschaften, neugierige Ausgelassenheit, zudringliche Dreistigkeit und vornehme Zurückhaltung", schrieb er 1992. „Ich wurde zurechtgewiesen, getröstet und aufgemuntert. Man setzte sich vertraulich zu mir, legte mir kumpelhaft die haarigen Arme über die Schulter und sah mir aus bernsteinfarbenen Augen verschmitzt, wissend, lachend und verschwörerisch ins Gesicht."

Dieses Zitat aus dem eindrucksvollen Buch „Familie 5" ist auch dem neuen Bildband von Jörg Hess vorangestellt. Das Buch mit dem schlanken Titel „Berggorillas" zeigt berührende Fotos aus dem Regenwald, Wesen, die dem Menschen ähnlich und doch ganz sie selbst sind, Teil der Natur, in der sie leben, miteinander verbunden und sich selbst genug. Die Bilder sind von einer hypnotischen Tiefe. Sie strahlen die Zuneigung des Fotografen aus, der sich zu den Gorillas hingezogen fühlte und dafür mit Duldung und Sympathie der grandiosen Tiere belohnt wurde, einer Sympathie, die man auch als unbeteiligter Leser schnell zu spüren vermeint.

 

Erst wer Jörg Hess einmal erzählen gehört hat, kann ermessen, wie schwierig es für ihn sein muss, zu schreiben. Die Selbstverständlichkeit, mit der er im Gespräch zwischen Anekdoten aus dem Regenwald, der Evolutionstheorie und einer angemessenen Gesetzgebung für Tierrechte hin- und hernavigieren kann, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, dass er abschweift, wird im geschriebenen Text von einer markigen Klarheit abgelöst, der alle Paralleldisziplinen innewohnen, jedoch nicht als Exkurs, sondern als Synthese. Das kostet Zeit. Jede Kolumne, die Jörg Hess zuerst für das „Magazin" und später für die „Weltwoche" verfasste, kostete ihn mehrere Tage Arbeit. Nicht dass er die Arbeit gescheut hätte, Hess genoss die Breitenwirkung und Beliebtheit seiner Texte, aber ihm wurde die Zeit kurz. Es gab doch noch so viel zu sehen.

 

Oft verbringt Jörg Hess also Wochen im Tessin, allein und nicht allein. Allein wäre er, wenn nicht im Gemäuer rund um die Küche eine Kolonie Siebenschläfer wohnen würde, wenn nicht auf dem Dachboden unzählige Mäuse lebten, wenn nicht abends an der Stiege, dort wo der Zoologe seine Essensreste deponiert, der Marder auftauchen würde, dessen Augen im Lichtkegel der Taschenlampe groß, aber nicht überrascht glänzen, man kennt sich ja.

Ohne andere Menschen verbringt Jörg Hess manche Woche, und das Zugeständnis, das er seiner Familie macht, besteht darin, dass er um eine bestimmte Stunde das Handy anschaltet, für dessen elektrische Versorgung er eine winzige Solaranlage installiert hat mit der einzigen Steckdose auf der Alp - der Rest ist Kerze, Dunkelheit oder der matte Glanz des Sternenhimmels.

Zur Erinnerung an die Virunga-Wälder kocht Jörg Hess immer wieder Erbsenmus. Dieses geschmeidige Gericht stand in Karisoke ständig auf dem Feuer, man nahm sich, wenn man hungrig war. Noch heute, sagt er, denkt er jeden Tag an die Gorillas aus dem Virunga-Wald zurück wie an alte Freunde.

Ob er mit seiner Arbeit etwas verändert hat?

„Meine Arbeit und mein Leben", sagt er, „waren ein riesiger Egotrip. Ich hab es für mich getan."

Ein Glück für alle, die diesen Egotrip kreuzen. Wenn Jörg Hess den Kessel abends in den Spülstein stellt, um die Reste von Erbsenmus über Nacht einweichen zu lassen, vergisst er nicht, ein halbmeterlanges Holz in den Topf zu geben. Es ist schon vorgekommen, dass ein Mäuschen oder ein Siebenschläfer nachschauen ging, was hier so duftet, und wenn das Tierchen dann ins Wasser fiel, erwies sich der Topf plötzlich als tödliche Falle.

An dem Holz aber klettert jedes Tier wieder unbeschadet ans Trockene.

 


Food & Beverage

Christian Seilers
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