Dem Wein zuhören

Paradiso / Porträts
Besuch an der Côte Catalane: Tom Lubbe und das Musterweingut Matassa

 

Mitten im Weingarten war ein Autobuswrack gelegen, aber während man den Autobus durchaus als Autobus identifizieren konnte, war der Weingarten bloß ein verwildertes Stück Land, keine Ordnung, kein System. In der Luft lag der typische Duft der Garrigue, Rosmarin, Thymian, Lavendel, Seidelbast. Die Hitze des Tages flirrte und verwischte die Konturen der Hügel, die von Calce ins Landesinnere rollen, eine Landschaft, die nicht entschieden ist, ob sie lieblich sein will oder wild und gefährlich.

Als Tom Lubbe vor dem Autobuswrack stand, hatte er jedoch keine Augen für den Umweltfrevel. Ein Wrack ist so schnell beseitigt, wie es in die Landschaft geschmissen wird. Was Tom vielmehr sah und was ihn elektrisierte, waren die Reben in diesem ehemaligen Weingarten - wann mochte man aufgehört haben, sich um den Garten zu kümmern - vor drei? Vor dreißig Jahren?

Die Reben waren alt, das bemerkte er sofort. Kaum höher als kniehoch, mit in die vier Himmelsrichtungen sprießenden Ranken und dickem, knotigem Stamm. Sie waren älter als alle Reben, die Tom je in Neuseeland und Südafrika gesehen hatte. Sie mussten siebzig, achtzig Jahre alt sein, vielleicht noch älter.

Er kontrollierte die Stöcke. Sie schienen intakt. Kontrollierte die Beerenansätze. Sie waren, wie bei alten Reben üblich, verrieselt und klein, das versprach etwas ganz Spezielles: Saft, dessen Aromen von tief, sehr tief in den Boden reichenden Wurzeln geprägt werden, ein sinnliches Übersetzungsprogramm für die Beschaffenheit des Bodens.

Tom wusste, dass hier, 20 Kilometer von Perpignan entfernt in den Hügeln der Côte Catalanes, links die Pyrenäen, rechts die Ebenen des Roussillon, Wein entstehen könnte wie nirgendwo sonst auf der Welt. Es brauchte dann noch ein paar Zufälle, ein bisschen Glück und ein bisschen Zeit, bis er 2002 seine „Domaine Matassa" gründen konnte und in den rollenden Hügeln von Calce seither einen unverkennbaren, mineralischen Weißwein herstellt, „Matassa blanc", ein südliches, tiefgründiges Cuvée von Grenache gris und Maccabeu.

 

*

Ich traf Tom, als ich wie üblich ein paar Wochen im Roussillon verbrachte. Das Roussillon ist groß und fruchtbar und ganz ohne jeden Zweifel eine Zweigstelle des Paradieses, wenn man Traktoren mag und Weinberge, die aufmerksam bewirtschaftet werden und Wochenmärkte wie den in Olonzac, wo in den engen Gassen der Altstadt, gleich dort, wo in der „Brasserie des Sports" die Hippies sitzen und schon vormittags Bier trinken, einmal pro Woche Dinge verkauft werden, die du in den besten Feinkostläden Deutschlands vergeblich suchst, Stichwort: Käse. Hinter dem Tresen eines umgebauten Wohnwagens steht der Käsemann mit wenigen, aber sehr langen roten Haaren und verkauft Ziegenkäserollen. Frische, eine Woche alte, zwei Wochen alte Ziegenkäserollen.

Ich fragte ihn, ob er kein zweites Produkt habe?

„Wie bitte?", antwortete er.

Der Kerl hatte einen groben Schädel, ich muss es so sagen, und ich hätte mich nicht gewundert, ihn bei den anderen Hippies in der „Brasserie des Sports" anzutreffen, aber der Käse war...sagen wir so, die Käsewägen in unseren Spitzenhütten müssen sich anschnallen. Logisch, dass der nichts anderes verkaufen muss.

Ich kann jetzt auch ein bisschen von den Austern schwärmen und den Hühnern und dem Gemüse, vor allem aber vom Honig, der das Würzige der Garrigue ganz ohne Umwege ins Süße, Raffinierte übersetzt, und damit kommen wir auch schon in die Gasse von Tom Lubbe. Denn der Wein, der im Roussillon gemacht wird, ist interessanterweise von den Segnungen der übrigen Lebensmittel nur im Ausnahmefall betroffen. Im Roussillon wird nämlich traditionell viel Wein gemacht, sehr viel Wein. Das heißt bekanntlich noch nicht, dass der Wein auch von hoher Qualität ist, und im Fall dieses größten Anbaugebiets Europas sind vor allem Geschichten überliefert, dass Trauben, die zwischen Narbonne und Perpignan gewachsen sind, irgendwann in Flaschen auf den Markt kamen, auf deren Etiketten „Bordeaux" stand. Soviel zum winzerischen Selbstbewusstsein der ansässigen Weinmacher.

 

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Tom kam von der anderen Seite der Welt, die Verwerfungen des Massenweinbaus interessierten ihn nicht. Er war in Südafrika geboren, hatte irische Literatur studiert, sich dann aber doch dem Weinbau zugewendet, vielleicht, weil er nicht nur von Flann O'Briens Wortkaskaden besoffen werden wollte. Er arbeitete eine Zeitlang in Neuseeland und erinnert sich an Weinberge, die so lang waren, dass er beim Rebschnitt den ganzen Tag in derselben Rebzeile verbrachte.

Aber dann spielte ihm der Zufall bei einer Weinmesse in London eine Flasche Rotwein von der Domaine Gauby in die Hände. Ungläubig schmeckte Tom der speziellen Würze und dem Eigensinn dieses Weins nach, dann nahm er die Flasche und suchte auf dem Etikett mit zusammengekniffenen Augen nach dem Ursprungsort.

Calce.

Where the fuck is Calce? Tom musste daheim auf der Frankreichkarte lange suchen und fand einen Punkt im äußersten Süden des Landes, nur von dünnen Äderchen mit der Mittelmeerküste verbunden, fast schon in Spanien gelegen. Im Reiseführer stand nicht viel mehr, als dass von Calce aus der Pic du Canigou, ein berühmter Pyrenäengipfel, zu sehen sei und dass man rund um Calce vor allem viel Platz habe.

Klang gut, befand Tom. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief an Gérard Gauby. Ob er nicht ein bisschen Hilfe im Keller brauchen könne. Er könne zwei Hände und eine gute Nase anbieten.

Gauby antwortete rasch: Komm doch vorbei.

 

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Vielleicht muss man, bevor es in die Berge hinauf nach Calce geht, auch noch einen Abstecher nach Leucate machen. In Leucate, ein paar Kilometer nördlich von Perpignan an der Mittelmeerküste, gibt es eine Lagune, in der Austern gezüchtet werden, eine kleine, ganz hübsche Altstadt und etwas weiter davon entfernt eine Ferienstadt für Touristen, der man lieber ausweicht. Aber zwischen Alt- und Touristenstadt, direkt im Sand des Strandes gelegen, steht das wahrscheinlich schönste Restaurant der Welt.

Es ist kein permanentes Restaurant, sondern ein aus Gerüststangen errichtetes und mit Schnickschnack und Geschmack verziertes Provisorium, in dem jedoch alles stimmt. Die Schönheit des Ortes - du schaust hinaus aufs Meer und siehst, tja, Meer und keine Flotten von poshen Jachten wie in St. Tropez, wo es ja sonst auch sehr schön ist. Die Grandezza der Einrichtung - irgendwas zwischen Flohmarkt und Designgeheimtipphändler, dazu superschicker Nippes und witzige Bilder. Gutes Essen - perfekte, schnelle Küche vom Grill: Muscheln und Langoustinen und Fisch und manchmal auch ein Stück Fleisch; dazu Weine aus der Region, die den Blick aufs Meer manchmal noch ein bisschen schöner machen. Und diese perfekt ausbalancierte Stimmung, die man sich immer wünscht: hier läuft einfach schöne, zeitlose Musik, zum Beispiel sing José Gonzales gerne „Teardrops", und die Gäste lachen, die Muscheln werden serviert, und der Rosé ist kalt und der Wind streicht durch das offene Lokal: Geht nicht besser.

Die Hütte heißt übrigens „Biquet Plage" und hat zwar keine Website, aber eine Facebook-Präsenz, und Biquet ist der mit ohne Haaren.

 

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Mit Tom hat das nur insofern etwas zu tun, als er manchmal, wenn es in Calce besonders heiß ist, Frau und Kinder einpackt und mit ihnen die dreißig Kilometer zu Biquet fährt, um zwei Teller Muscheln zu essen. Aber soweit sind wir noch nicht, und der kurze Abstecher soll nur zeigen, wie erstaunlich das Vorderland von Calce ist: das kühne, coole Montpellier in Norden der Provinz, das gemütliche Narbonne mit seinen grandiosen Markthallen, das historische Carcassone mit seiner filmkulissenhaften Monsterburg, das raue, bissige Perpignan mit den Clans an Marktfahrern, und natürlich der ein bisschen mondäne Biquet in Leucate.

Calce ist von allem das Gegenteil. Das Dörfchen hockt auf 300 Meter Höhe. Hier leben knapp 250 Menschen, du siehst das Meer, aber es ist weit weg, du siehst die Berge, aber sie sind dort hinter dem Dunst, und die Unmittelbarkeit der kargen, felsigen Landschaft, die das Dorf umgibt, hat im Zusammenspiel mit ihrer offensichtlichen Fruchtbarkeit etwas Berückendes, fast Religiöses. Du kannst dir, wenn du in Calces bist, vorstellen, wie es ist, allein auf der Welt zu sein.

Platz. Raum. Sicht. Die Höhe des Himmels.

Gleichzeitig beschleicht dich aber auch das Gefühl, irgendwo zu sein, wo du vielleicht nie wieder wegkommst. Wie auf einer Skistation, die nur über eine einzige Straße erreichbar ist, und wenn das Wetter umschlägt, sitzt du fest.

Tom weiß, wovon ich spreche. Er reiste nach Calce, nahm Quartier, stellte sich bei Gérard Gauby vor.

„Du bist das", sagte der.

Tom machte sich mit den Umständen vertraut. Er wanderte über die weitläufigen Weinberge seines Dienstherren, staunte über die Kargheit des Bodens und die Pflanzenwelt, die sich hier heimisch gemacht hatte: die Kräuter, die Disteln, die Hartlaubgewächse, den Wein.

Die Weinstöcke, denen Tom begegnete, waren ohne Ausnahme uralt. Gérard Gauby sagte einmal, nicht einmal sein 86jähriger Vater könne sich daran erinnern, seine Weinstöcke jemals jung gesehen zu haben.

Mit alten Weinstöcken ist das so eine Sache. Viele Weinbauern sind der Meinung, dass ein Weinstock nach dreißig, vierzig Jahren ausgedient hat, weil sein Ertrag dann nicht mehr die optimalen Mengen einbringt. Die Trauben werden kleiner, wachsen weniger regelmäßig, die Kiloleistung des Stocks sinkt.

Dafür ist aber - darüber sind sich alle Winzer, denen es nicht um Mengen, sondern um Qualität geht, einig - der Geschmack der Trauben weit intensiver. Der Stock muss sich anstrengen, seine Trauben zu ernähren, ihnen Wasser und Mineralien zuzuführen. Die Wurzeln müssen tiefer ins Erdreich, sie verästeln sich zunehmend und transportieren jene Nährstoffe über die Erdoberfläche, die sich später als unverkennbare Aromen des Standorts im Wein wiederfinden.

Tom war begeistert von diesen Weinstöcken. Er war begeistert vom Wein. Er war begeistert von der „Domaine Gauby", wo er lernte, wie man den speziellen Anforderungen des Klimas und des Traubenmaterials begegnet.

Am meisten begeistert war er freilich von Nathalie, Gérard Gaubys Schwester. Die beiden verliebten sich, sie heirateten, bezogen ein Haus unterhalb des Dorfzentrums, und Tom schaute sich nach etwas Land um, wo er seinen eigenen Wein machen konnte. Das war 2002, und Tom nannte das Weingut in Gründung „Domaine Matassa", nach dem Weingarten „Clos Matassa" in der Nähe der winzigen Ortschaft Le Vivier auf 600 Meter Höhe.

 

*

Wir fuhren mit dem kleinen Allrad-Kombi aus Calce hinaus, zuerst auf asphaltierten Straßen über viele Hügel, dann weiter über staubige Wege, und irgendwo stieg Tom aus und sagte: „Hier lag, als ich den Clos Matassa gekauft habe, ein alter Autobus."

Inzwischen ist der Autobus längst weg, aber dafür sind die alten Weinstöcke in ihrer chaotischen Ordnung wieder in Betrieb genommen. Manche der alten Stöcke waren kaputt, aber Tom ersetzte sie nicht. Er wollte nur Trauben, die die ganze Story erzählen, alte Hunde, deren Wurzeln bis in achtzig, hundert Meter Tiefe vorgedrungen sind, heyhey, sagt Tom, nicht wahr?

In diesen Gärten arbeite er übrigens am liebsten, sagte Tom, und ich konnte das augenblicklich nachvollziehen. Der Blick in Richtung Abend war erstaunlich und berührend. Die Blautöne, in die sich die nahen Berge hüllen, das Ockergelb des Bodens und das graue Grün der Garrigue, über der sich die eleganten Reben prall und gesund erheben. Der Kräuterduft, das Summen der Bienen, irgendwo weit weg ein Pickup, der im Gegenlicht einen Kegel von Staub hinter sich herschleppt.

Tom Lubbe lächelte. Er ist in Calce angekommen. Sein Französisch ist perfekt, auch wenn es ein wenig eckig klingt, schwer zu sagen, ob das die Herkunft Toms oder der harte Dialekt der Anwohner dieser Region ausmacht. Tom bewirtschaftet heute 14 Hektar Land, ausschließlich alte Reben, von denen die meisten wohl ausgerissen und gerodet geworden wären, wenn Tom sich nicht um das Land gekümmert hätte, das er in seiner Kargheit und Brillanz als das seine erkannt und zu lieben gelernt hat.

Tom bezeichnet die Herkunft seiner Weine als „Vin de Pays des Côtes Catalanes", und er erklärte mir sehr, sehr lange, was das heißt.

„Kannst du es schmecken?", fragte er bei jedem Schluck, den wir in seinem kleinen, einfachen Keller probierten, nachdem wir von der ausführlichen Umrundung der verstreuten Parzellen zurück nach Calce gekommen waren. Ich hatte gelernt, wie schön und gesund Toms biodynamisch gepflegten Reben im Vergleich zu den gedüngten, konventionell bewirtschafteten mancher Nachbarn aussehen, die völlig aus der Facon gehen und wie wildes Heckenbepflanzungen aussehen, und Tom hatte die botanische Intelligenz seiner Pflanzen mit so viel Empathie gelobt, dass ich es gar nicht erwarten konnte, ihn über Wein sprechen zu hören.

Wir standen eine Stunde im Keller, noch eine, noch eine. Ich glaube, dann kamen noch zwei.

Wir probierten die Weißweine und Tom zerlegte ihre brillante, vielfältige Würze in Geschichten, in Wissen, in Mutmaßungen und in tiefe, heftig empfundene Zuneigung. Er schwärmte. Wir probierten die Roten, er schwärmte weiter, wenn er auch den Weißwein, die Sorten Grenache und Carignan für am besten geeignet hält, den Platz und sein Wachstum in Wein zu übersetzen.

„Nur ein Detail noch", sagte Tom - das hatte er schon ein paar Mal gesagt, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass er gern in seinem Keller steht und über seinen Wein spricht. Ich stand mindestens so gern in seinem Keller und hörte zu - „du musst dir vorstellen, dass die Grenache-Stöcke am Nachmittag, wenn es unbarmherzig herunterbrennt, ihren Stoffwechsel praktisch einstellen. Der Wein weiß selbst, was er zu tun hat. Wir müssen ihm nur zuhören."

Und ihn trinken, ergänzte ich etwas prosaisch.

Das fand Tom allerdings ganz richtig und damit begannen wir dann auch.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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