Das Liberale und das Brillante

Ausflug in den schwedischen Sommer. Was für eine Helligkeit. Und was für ein Hering.
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Ich fuhr nach Stockholm, Luft holen, und es war mir Ehre und Aufgabe zugleich, vom Griechen begleitet zu werden. Der Grieche ist eine wertvolle Person. Er prüft die Toleranz jeder Gesellschaft. Zum Beispiel will er nicht einsehen, warum etwas, was daheim in Athen selbstverständlich ist, irgendwo sonst in Europa nicht erwünscht sein könnte.
Aus diesem Grund raucht er feinherb riechende Zigaretten, als ob er dafür bezahlt würde. Die Packungen, die er in allen Lebenslagen aus dem Hut zaubert, sind rot-weiß, zerknautscht und bergen im Normalfall 25 Zigaretten, in seinem Fall jedoch mehr. Der Kerl raucht ununterbrochen, die Schachtel ist nie leer.

Manchmal, und damit tauchen wir bereits tief in die skandinavische Erlebniswelt ein, führt die Freude, die der Grieche am Rauchen hat, zu Diskussionen - zum Beispiel, wenn er sich bemüßigt fühlt, dem jungen Mann an der Rezeption unseres Hotels die griechische Perspektive auf das große Thema Menschenrechte näher zu bringen.
Der junge Mann hatte es gewagt, den Griechen darauf hinzuweisen, dass in den Hotelräumlichkeiten das Rauchen verboten sei.

Haha, sagte der Grieche.

Dann begann er mit seiner Beweisführung. Er fing beim Toleranzbegriff der Renaissance an und endete beim europäischen Gedanken der Gegenaufklärung.
Der Mann an der Rezeption wusste nicht, wie ihm geschah, aber er ließ sich überzeugen, und selbst ich war begeistert von der Rede, obwohl ich nun alles andere als ein Gegenaufklärer bin und schon gar kein Zigarettenraucher.
 
Vielleicht lag es auch daran, dass der Grieche ununterbrochen reden und sich gleichzeitig seine Zigaretten anzünden konnte. So was siehst du sonst nur im Zirkus.
 
Und außerdem sprach er griechisch. Griechisch ist eine überzeugende Sprache, vor allem, wenn du sie nicht verstehst. Ich persönlich kann bezeugen, dass der Grieche vom Rezeptionisten direkt in ein Raucherzimmer geführt wurde, samt Balkon und Ausblick aufs Wasser. Ich kam den beiden gar nicht nach: ich musste das Gepäck tragen. Als ich den Griechen später darauf hinwies, dass nicht der Hotelboy, den er mit einem großzügigen Trinkgeld bedacht hatte, sondern ich seine Koffer aufs Zimmer geschafft hatte, stimmte er mir auf mysteriöse Weise zu: „Klar. Die Schweden haben keine Ahnung von Service."


Es war Zeit für einen Imbiss. Der Grieche wollte nicht fort aus seinem in dichte Rauchschleier gehüllten Zimmer. Stattdessen ging er mir mit seinem mediterranen Mantra auf die Nerven, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit gefälligst die Finger von der Bierflasche zu lassen hätten.
Wusste der Kerl eigentlich, wann hier die Sonne untergeht? Draußen saß halb Stockholm an flugs aufgestellten Tischen und klapperte mit den Gabeln, und ich hatte keine Lust, mit der späten Dämmerung auch die kühle Kraft des Nordens auszuprobieren - sollte der Grieche doch allein im Dunklen sitzen und mit den Zähnen klappern. Ich hatte jetzt Lust auf etwas Ernsthaftes: einen Hering.

Der Hering. Mariner Schwarmfisch. Bevölkert Atlantik und Pazifik, aber auch die Nord- und Ostsee. Er ernährt sich von Plankton, kleinen Fischen und Garnelen. Besitzt einen schlanken, spindelförmigen, seitlich zusammengedrückten Körper und ist von silbrigen Cycloidschuppen bedeckt. Alle Flossen haben nur Weichstrahlen. Ein Seitenlinienorgan ist nur am Kopf vorhanden. Die meisten Arten haben lange Kiemenstrahlen als Filtrierapparat.
 
Wenn es Mutter Natur gut mit dem Hering meint, lässt sie ihn nicht bis ans Ende der Tage draußen in der kalten Ostsee schwimmen, sondern sie sieht für sein weiteres Schicksal den Aufenthalt auf einem Porzellanteller vor, auf dem sich außerdem gekochte Kartoffeln, klein geschnittene Schnittlauchröllchen und mit Dille gewürzte Mayonnaise befinden.
Gut, dass dieser Teller vor mir stand.
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Der Hering selbst hatte inzwischen eine goldbraune Panier angezogen, und er dampfte gut gelaunt in den Abend, der sich wie eine Decke über deine Schultern legt - nein, umgekehrt:
Weil die Jahreszeit, die tagsüber durchaus mit dem mitteleuropäischen Sommer verwechselt werden kann, gegen halb acht Uhr abends in schüchternes Frühjahr regrediert, brach jetzt die Zeit der roten Wolldecke an. Jeder, der mit langen Zähnen darauf wartete, dass endlich etwas aus der Küche gebracht würde, griff im selben Augenblick mit beachtlicher Selbstverständlichkeit ins Dunkel hinter seinem Sessel und klaubte die weinrote Decke aus dem Off.
 
Wo gerade noch braungebrannte Schultern blitzten und weit aufgeknöpfte weiße Hemden, waren plötzlich nur noch rote Decken zu sehen. Der gesamte Gastgarten sah aus, als ob die Überlebenden eines Grubenunglücks noch gemeinsam was trinken gegangen wären, zum Beispiel zwei, drei Bier. Denn wer, außer einem deklarierten Snob mit Nasenproblemen, würde zum gebackenen Fisch - „Backfickan" - Wein bestellen?

„Gut, dass ich Dich gefunden habe", sagte der Grieche, als er sich mit einem wohligen Seufzen auf den freien Platz neben mir fallen ließ, „was isst du denn da?"
Bevor ich zu einer Antwort ausholen konnte, die vermutlich zu einer Hymne auf den Träger der Cycloidschuppe ausgeartet wäre, bediente sich der Grieche bereits mit der linken Hand am Inhalt meines Tellers. Die rechte war nicht frei, die musste die Zigarette halten. Als der Kellner entsetzt heraneilte, um dem begeistert schmatzenden Griechen eine Gabel und ein Messer zu bringen, winkte der ab: „Ist schon in Ordnung. Bringen Sie mir nur ein Glas Weißwein."

Formulieren wir es so: der Hering ist dem Schweden sein Freund. An den Brücken Stockholms sind Tafeln befestigt, die das Fischen ausdrücklich erlauben, und als ich am Wasser spazieren ging, um mich vom Vorabend zu erholen, an dem es der Grieche tatsächlich geschafft hatte, den gesamten „Backfickan"-Garten in ein Partyzelt ohne Zelt zu verwandeln, sah ich unten am Wasser die Profis anrücken. Sie kamen in bescheidenen Zillen, doch sie hatten schweres Gerät im Schlepptau, Netze von gut zehn Quadratmeter Nutzfläche, und ich mischte mich unter die Geschäftsleute, Touristen und Müßiggänger, die Zeugen des Innenstadtfischzugs werden wollten.
 
Der schwedische König, falls er nicht gerade regieren musste, konnte das Schauspiel übrigens praktisch von seinem Thron aus verfolgen. Es spielte sich genau vor der mächtigen Flanke des Königspalasts ab.

Die Zille schwankte, als der Fischer die Seilwinde betätigte, um das Netz aus dem Wasser zu hebeln. Das Netz hob sich, es schallte ooh und aah von den Rängen, dann ein enttäuschtes Uuh, als hätte Henrik Larsen eine gute Chance vor dem Tor versemmelt. Das Netz war leer.
Die Nutzlosigkeit der Betrachtung leuchtete mir ein,  ich richtete mich auf einen gemütlichen Nachmittag an der Brüstung ein, statisch, nach der ganzen Auslüfterei.

Stockholm ist die Hauptstadt Schwedens und die größte Stadt Skandinaviens. Vor allem aber ist Stockholm nicht eine Stadt. Stockholm ist viele Städte. Ein paar langsame Schritte über eine Brücke, und du hast die Insel mit den engen Gassen, dem Kopfsteinpflaster und den in blauen Uniformen steckenden Soldaten der Königlichen Garde verlassen und damit auch den Rummel und die Touristen und das Tamtam bei der Wachablöse.
 
Zwar ist „Gamlastan", die kleine, runde Insel, auf der wie ein stolzes Dorf das innerste Zentrum Stockholms angeordnet ist, nicht halb so schlimm wie die Warnungen aller Stockholmer befürchten ließen, dennoch bleibt der plötzliche Kulissenwechsel beeindruckend. Fünf Minuten zu Fuß, zwei Brücken, schon bist du auf „Skeppsholmen", der Museumsinsel, und findest dich in einer ländlichen Landschaft, in der wie zufällig wunderschöne Wohnhäuser stehen, die wider Erwarten keine Austellungsstücke sind, sondern von ganz normalen Menschen bewohnt werden, die gerade dabei sind, ihr Blumenbeet zu wässern oder unter dem Sonnenschirm ein Stück Kuchen zu verzehren.
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Der Blick von hier ist betörend: die bunten Häuser von Gamlastan gerade gegenüber, der Kai von Södermalm, wo die Ostseefähren und die riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegen, im Sichtfeld. Merkwürdig, wie inbrünstig man sich bei so einer Aussicht um die Rosen kümmern kann.
In Stockholm wohnen der schwedische König Carl XVI. Gustaf, seine Frau, Königin Silvia und laut Volkszählung vom Dezember 2006 782.885 bürgerliche Schwedinnen und Schweden. Die Stadt liegt auf 14 Inseln, die durch 53 Brücken miteinander verbunden sind. 30 Prozent der Stadtfläche sind mit Wasser bedeckt. An den Schleusen treffen das Salzwasser der Ostsee und das Süßwasser des Mälarsees aufeinander, was durch ein System von Schleusen intelligent bewirtschaftet wird.
 
Ich prägte mir diese Fakten ein, denn der Grieche hatte mich gebeten, ihm beim Abendessen das Wichtigste über die schwedische Kapitale zur Kenntnis zu bringen.

 Er selbst hatte keine Zeit gehabt, dieselbe selbst in Augenschein zu nehmen. In der Hotellobby hatte er eine Dame kennen gelernt, die ihn bat, sie in der Disziplin des Permarauchens zu unterrichten, und der Grieche hatte sie zu diesem Zweck auf sein Zimmer gebeten, und von dort waren die beiden bis jetzt nicht zurückgekehrt.


Selbstverständlich nahmen wir das Menü, das sich mit dem Namen „Innovative" nicht gerade wenig vorgenommen hatte, und selbstverständlich machte der Grieche dem Sommelier klar, dass er wünsche, dazu „Sommelier's choice" serviert zu bekommen, freilich ohne, dass Sommelier seinen choice frühzeitig bekannt gebe. Der Wein sei ohne Hinweis auf seine Provenienz zu servieren, er werde blind verkosten und habe vor, den Sommelier mit seiner Kennerschaft zu verblüffen.

Der Sommelier war ein hochgewachsener, blonder Mann, dessen Gestalt auch in der schwedischen Handballnationalmannschaft nicht weiter aufgefallen wäre. Er nickte belustigt. „Wie Sie wünschen."
 
Wir waren natürlich spät ins F12 gekommen, Stockholms Nummer-Eins Restaurant am Fredsgatan, das der „Michelin" zurückhaltend als „fashionable" beschreibt. Der Grieche wollte vor Sonnenuntergang keine Flasche anrühren. Wir trafen ein, als praktisch alle Gäste sich bereits fürs Dessert erfrischten. Merke: Man isst in Stockholm nicht zur selben Zeit wie in Barcelona.

Der Sommelier brachte den ersten Wein, der Grieche begann mit den Lockerungsübungen, die er in seiner Heimat jedem Glas Retsina vorausschickt. Kopfkreisen. Zungengymnastik. Leises, gutturales Vorfreudesummen.

Wir probierten. Der Weißwein hatte eine elegante, mineralische Note, er war nicht im Holz gelegen, wirkte jugendlich und frisch - aber war diesen Eindrücken zu trauen oder wollte uns der Fuchs aufs Eis führen?

Der Sommelier war am Tisch stehen geblieben. Er hatte sich noch keine Meinung gebildet. Waren die beiden Kasperln - wir - nur gekommen, um sich in aller Öffentlichkeit zu blamieren oder...

In diesem Moment sagte der Grieche laut und deutlich, dass der Wein aus Österreich oder aus Deutschland stamme, er tendiere eher zu Deutschland. Selbst ein Mensch, der sich für Blindverkostungen rein gar nicht interessiert, hätte bemerkt, dass mit dem Sommelier eine wundersame Verwandlung geschah. Sein Körper straffte sich. Er nahm Haltung an.
Der Grieche nahm noch einen Schluck, schlürfte dabei wie Flann O'Briens dritter Polizist, der einen Teller Porridge ohne Zuhilfenahme von Besteck oder auch nur seiner Hände zu sich nimmt, und lenkte damit die Aufmerksamkeit der umstehenden Tische auf sich. Auf sich? Auf uns.

Denn der Grieche adressierte seine nächste Überlegung an mich: „Traubensorte?"
„Riesling?" hauchte ich fast unhörbar.
„Riesling", brüllte der Grieche so laut, dass das Lokal endgültig Notiz von uns nehmen musste, „Riesling!"
 
Er machte eine kurze Kunstpause, dann brüllte er weiter: „Der Mann ist gut, Sommelier. Natürlich ist das ein Riesling. Ich würde sagen...", noch einmal gestattete sich der Grieche ein schweineähnliches Schlürfen, bevor er dem inzwischen sichtlich beeindruckten Sommelier eine Pause gönnte: „Rheinterrassen? 2007?"

Jetzt stand der Grieche auf.
 
„Sehr traditionelles Weingut. Mhm. Könnte Gunderloch in Nackenheim sein, oder aber...Nierstein, wahrscheinlich Nierstein." Er hob abrupt den Kopf und sah dem Sommelier direkt in die Augen: „Kühling-Gillot?"

Der Sommelier stand still, nur ein winziges Schmunzeln kräuselte sich in seinen Mundwinkeln. Dann verbeugte er sich. Es hätte zu einer dramatischen Szene voll von Respekt und Sentimentalität kommen können, wenn der Kellner nicht mit der Vorspeise um die Ecke gebogen wäre. Prompt setzte sich der Grieche und richtete sein volles Interesse auf den Teller, der aussah wie eine auf den Kopf gestellte Verner Panton-Lampe. Er pflückte mit den Fingern ein Stück Meeresspargel aus dem Teller und fragte mit der wunderbaren Unverblümtheit, die dem selbstbewussten Proleten eigen ist und dem erleuchteten Weisen: „Was ist denn das?"

Der Meeresspargel begleitete unvergessliche schwedische Shrimps - rohe Shrimps, der Kellner nannte sie stolz und ganz zu recht „schwedische Sushi", dazu gab es Reis-Crispies. Der Abend ließ sich gut an.
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Etwas später, wir hatten hatten Kalbschnitzelchen mit geeister Sellerie, Schweinsbäckchen mit sauren Pflaumen und Kaviar gegessen und in einer wunderschönen Bottarga vom Seeigel herumgestochert, dazu Weine aus Österreich, von der Loire und dem Burgund getrunken, klagte der Grieche über Sehstörungen.

„Wie spät ist es?", wollte er wissen, und ob mir etwas an seinen Augen auffalle.

Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, wo auch sonst, direkt über den fleischigen Wangen. Das sagte ich ihm auch, was sei das Problem?

„Es ist halb elf", rief der Grieche verzweifelt, „draußen scheint die Sonne, und alle Autos, die vorbeifahren, sind gelb."
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Tatsächlich tauchte die tiefstehende Sonne die Kulisse der am gegenüberliegenden Ufer stehenden Fassaden in ein warmes Licht. Diese allein schon ungewöhnliche Wahrnehmung wurde von den dottergelb gefärbten Scheiben des Lokals dramatisch zugespitzt. Dass sämtliche Autos, die den Fredsgatan passierten, Volvos waren, versteht sich von selbst. Ich konnte die Angst des Griechen, er sitze gerade einer Wahrnehmungsstörung auf, nachvollziehen.

Als Gegenmittel kam die Hauptspeise, ein fantastisches Frühlingslamm mit Ziegenmilch und knuspriger Kartoffel. Man muss sich die Küche des F12 als Freestyle auf klassischer Basis vorstellen, als Reise durch ungewohnte Kombinationen, Produkte und Konsistenzen. Nicht immer führen die Verrenkungen zum optimalen Ergebnis, aber oft bringen sie Aufschlüsse über die Gedankenwelt der Köche, über ihre Einflüsse (französisch) und Techniken (spanisch), über ihr enormes Produktbewusstsein (schwedisch).

Ich war begeistert. Der Grieche sagte: „Wundert mich, dass sie den Wein nicht als Gellée bringen."

Gleichzeitig brachte er den Sommelier an den Rand des Nervenzusammenbruchs, indem er den Guata Lupia von den Bodegas Bordalas Garcia bis auf den Jahrgang (2001) treffsicher durch alle Kriterien deduzierte.

Dann stand er auf und verschwand.

Das heißt nicht, dass er sich die Hände waschen gegangen wäre. Er verschwand ohne Hinterlassung eines Abschiedsgrußes, ohne Verzehr der Nachspeise, ohne Begleichung der Rechnung ins Dunkle - das heißt, in den frivolen Dämmerungszustand, in dem sich Stockholm nun für die Nacht ausstreckte.
Das einzige, was auf seinem Sitz zurückblieb, war die Liste der Weinbegleitung, die er dem Sommelier schon stiebitzt hatte, als wir das Haus betraten.

Als ich das F12 nach Dessert und Käse gut gelaunt verließ, hörte ich dröhnende Musik. Gleich neben dem Ausgang, auf einer historischen Stiege, war mit dem Einbruch der Dämmerung ein Club eingerichtet worden, grober Bass, bunte Lichter, und zwischen den sitzenden Burschen mit ihren kurzen Hosen begannen ein paar Mädels zu tanzen.
 
Stockholm liebt den Sommer inbrünstig. Die Stockholmer tun so, als hätten sie den Sommer erfunden. Sobald ein paar Sonnenstrahlen herauskommen, tun alle so, als wären sie in Italien. Die Businessmenschen strömen zu Mittag aus ihren Büros, holen sich am Standl einen Hering oder einen Becher Salat, und schon sitzen sie, Schuhe und Socken neben sich auf der Straße, am Ufer und spielen Süden. Die Girls haben plötzlich ihre Jeans gegen die kürzesten Miniröcke westlich von Jamaica gewechselt, und mehr Flipflops werden auch in Brasilien nicht getragen.

Die Musik wummerte entschieden. Im Osten war der Himmel satt und dunkel. Im Westen glühte das Licht des Tages noch nach, und es begann am Horizont zu wandern, den langen Weg über den Norden zurück in den Osten dieser Stadt, bis früh genug, gegen drei, wieder die Sonne aufging und plötzlich nur noch ein paar Fischer in den Kanälen ihrer Arbeit nachgingen.

Zum Frühstück ließ ich mir einen Lachs braten. Es war der beste Lachs meines Lebens. Er war frisch, auf der Haut gebraten, das Fleisch löste sich leicht und war luftig und roch gut und schmeckte nach Lachs. Es beschleunigt deine Laune, zum Frühstück einen Lachs zu essen.
Dem Wasser entlang spazierte ich in die Innenstadt. In der Stadt herrschte Chaos. Lautes Hupen und Geschrei. Dröhnende Musik. Lastautos, deren Ladefläche mit Birkenästen und schwedischen Flaggen geschmückt waren, cruisten im Schritttempo durch die Avenuen und brachten den Verkehr zum Erliegen.
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Auf der Ladefläche keine Ladung, wenigstens nicht im engeren Sinn: Kohorten junger Menschen tanzten und schrien und schrien und tanzten, während die LKWs bedächtig hupend ihre Runden drehten, wo normalerweise die Busse der Pauschaltouristen einen Parkplatz suchen.
 
Ich fragte einen der lächelnden Passanten, was denn hier für ein Film gedreht werde. Freundlich antwortete er, dass die jungen Herrschaften gerade erfolgreich die Schule absolviert hätten und sich eine Feierstunde gönnten. Die Stadt liege lahm. Er warte jetzt auch schon seit einer Stunde auf ein Taxi, wahrscheinlich warte er noch eine: „Ist es nicht herrlich?"

Also nahm ich den Vaporetto und fuhr hinüber zum Slussen, dem Brückenkopf zwischen Altstadt und der Insel Södermalm, auf der die nicht ganz so schicke Bevölkerung Stockholms zu Hause ist. Unter dem Brückengewirr trennt eine Schleuse die Ostsee vom Süßwasser, ein Aufzug bringt dich zu einer Aussichtsterrasse, von der du einen fantastischen Blick über die Stadt hast und ihre verschiedenen Qualitäten sortieren kannst.

Die historische Pracht in „Gamlastan". Die Eleganz der patrizischen Wohnquartiere von „Östermalm". Die fantastisch sortierten Geschäfte in den Einkaufsstraßen Norrmalms. Das hippe Leben der nicht mehr ganz so jungen Jungen im Süden Södermalms. Die Ruhe von Skeppsholmen. Das Grün Djurgårdens, der Central Park-Insel.

Auf den Bänken neben mir saßen Handwerker, Manager, junge Väter, die ihre Kinder an die Luft bringen wollten und viele Frauen, die lasen oder in ihre aufgeklappten Laptops schauten. Es wurde gesprochen und gelacht, aber Biergartenstimmung herrschte nicht.
 
Es brauchte noch eine Weile, bis ich begriff, warum alle so konzentriert wirkten und ihrer guten Laune nicht freien Lauf ließen: sie arbeiteten. Sie hatten ihre Büros kurzerhand an die freie Luft verlegt.

Ich kriegte Hunger. Mir stand der Sinn nach etwas Einfachem, Deftigen.

Mitten im Beton der Schleusenarchitektur stand ein Kiosk mit aufgeklapptem Visier. Auf dem Dach prangte ein gelber Fisch. Die rote Schrift verriet, dass es hier Hering gab.

Das wusste allerdings nicht nur ich. Die Schlange der angestellten Menschen war endlos. Gut, dass ich über den angelernten Reflex verfüge, lange Schlangen für viel versprechend zu halten, es sei denn, ich befinde mich im Postamt.

Es dauerte ewig, bis ich vor der offenen Luke stand und die Köchin dabei beobachten konnte, wie sie saftige Heringstücke für die Verwendung in Semmeln oder auf Papptellern präparierte. Sie tat es mit flinken Handgriffen, aber voller Sorgfalt. Aus der Garküche roch es appetitlich, und gerade, als ich mich entschieden hatte, meinen Hering mit Zwiebeln und Dille ausstatten zu lassen, stach mir die Slow Food-Schnecke ins Auge, die zwischen den Plastikbechern für den Kartoffelsalat auf einem Glasregal lehnte. Hübsches Paradoxon: Slow Food empfiehlt Fast Food.

Als ich hinter dem Garküchenanhänger meinen Hering verzehrte, wusste ich, wie das gemeint war. Der Fisch war delikat. Er besaß Biss, war gut gewürzt  - und wer zu Mittag gern eine ganze Zwiebel verspeist, kommt hier auch voll auf seine Rechnung.

Plötzlich musste ich an den Griechen denken. Wo zum Teufel der Kerl wohl steckte?
Ich überlegte gerade, ob ich mir doch besser Sorgen um ihn machen sollte, als ein roter Pinzgauer langsam auf mich zusteuerte. Der Wagen war mit Birkenästen geschmückt, an seiner Flanke hing ein Transparent, das in Großbuchstaben ROCK THE FUTURE forderte.
Aber aus den Lautsprecher strömte nicht das übliche Bummbumm der Schulabgänger. Was war das bloß für ein Sound?
 
Dier schleppende, zähflüssige Rhythmus blieb sofort an mir kleben. Der durch die schlechten Lautsprecher grotesk verzerrte Klang einer Zymbal, die sich die längste Zeit mit einem einzigen, hingebungsvoll angeschlagenen Ton begnügte, das war..., Herrgott, das war „Alexis Sorbas"!

Ich starrte auf die Ladefläche. Durfte das wahr sein?

Der Grieche schenkte mir ein seliges Lächeln. Er lächelte, als würde er Sirtaki tanzen. Selbstvergessen. Sehnsuchtsvoll.
 
Kein Wunder: Er tanzte Sirtaki. Mit dreißig Schwedinnen. Auf der Ladefläche eines roten Pinzgauers.

Schüchtern hob ich die Hand mit der Heringsemmel und winkte ihm zu.

Die Zymbal zog das Tempo an. Der Fahrer betätigte die Hupe im Takt. Der Grieche wollte mir etwas sagen, aber ich verstand ihn nicht. Er kämpfte sich zwischen den hopsenden Mädels zum Rand der Ladefläche und winkte mich zu sich.

„Hier bist du also", schrie ich in den Lärm. „Wo warst du die ganze Zeit?"

Doch der Grieche nahm mir bloß den Hering aus der Hand und sagte: „Lass mich gefälligst kosten."




Food & Beverage

Christian Seilers
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