Das Geheimnis des Burgenländers

Darf ich was sagen? Österreich ist ein grandioses Land. Es gibt zwar eine Menge auszustallieren, sonst würde im Wirtshaus ja kein Gespräch in Gang kommen. Aber unter der kuhzungenrauen Oberfläche österreichischer Redensarten verbirgt sich eine tiefe Wahrheit: Österreich ist überall am schönsten.


Diesmal: Von der Tiefe der pannonischen Ebene

Wir marschierten von Frauenkirchen schnurstracks Richtung Süden, oder vielleicht war es auch Südwesten. Im Zweifelsfall könnte es sich auch um ein paar Strich Richtung Südosten gehandelt haben, auf jeden Fall gingen wir dorthin, wo ungefähr die Sonne am Himmel hing, das soll sich im Lauf eines Nachmittags ja angeblich ändern.

Der Frühling gab an als wie. Hammerblauer Himmel, temperaturmäßig das gewisse Streiflicht des Hochsommers, und am Rand der korngelben Trampelwege ein frisches, junges Grün, das sonst immer nur für unsere Skirennfahrer geerntet und schockgefroren wird, damit sie, wenn's in Kitzbühel um die Wurscht geht, was G'scheites zum Essen haben.

Der Herr Walter, mit dem ich zuerst einen kleinen Imbiss gegenüber der Frauenkirchner Wallfahrtskirche genommen hatte, gab sich wortkarg. Er schritt kräftig aus. Sein Kopf saß tief zwischen den Schultern, und mit seiner rechten Hand fummelte er hartnäckig am Kinn herum. Ich musste mich ernsthaft anstrengen, mit ihm mitzuhalten, und als ich nur zehn Sekunden lang stehenblieb, um mir das Hemd auszuziehen und um die Hüfte zu schlingen, verlor ich sofort die Tuchfühlung.

So, dachte ich mir. So funktioniert also pilgern auf burgenländisch. In Rufweite einer Wallfahrtskirche ein erstklassiges gekochtes Rindfleisch essen und anschließend in den Seewinkel Gedanken sortieren, und zwar mit einem gscheiten Burgenländer, der mir persönlich den Weg zeigt und mich ansonsten nicht ablenkt.

Schritt, Schritt, Schritt.

Sicht, Sicht, Sicht.

Gedanken quasi zwangsläufig.

Wer sich im Seewinkel, dem Eck zwischen dem Ostufer des Neusiedlersees und der ungarischen Grenze, den Überblick verschaffen will, muss nicht größer sein als einsfünfundfünfzig. Die Landschaft ist eben. Brettl-eben. Als hätte der Herrgott mit seinen Enkerln ein bisschen Schöpfung geübt, Lektion eins, machts zuallererst einmal keine Falten.

Nur Farben, Spiegelungen, Geräusche und Viecher. Hie und da das Surren einer Libelle oder eines Leichtlauffahrrads. Reflexe auf dem Gefieder eines praktisch schon gar nicht mehr in freier Wildbahn auffindbaren Wandervogels oder auf der Zeiss-Optik eines seiner qualifizierten Beobachter. Die milden Gerüche des Frühlings: Erde, Feuchtigkeit, Wärme. Wenn man sehr gut riecht oder eine noch bessere Vorstellungskraft hat (was ja bekanntlich oft ein und dasselbe ist), kann man hier im Nationalpark ein paar der Aromen abspeichern, die irgendwann später aus einer halben Flasche Süsswein steigen werden, der hier wie kaum sonstwo auf der Welt gedeiht. Begnadete Erde. Hat man deshalb die Gnadenkirche auf den Hauptplatz von Frauenkirchen gestellt, irgendwann vor 700 Jahren? Fragen über Fragen.


Am Horizont wartete ein Mariendenkmal auf mich, das mir vielleicht Auskunft gegeben hätte, aber aus der Nähe wurde aus der Frau Maria dann der Herr Walter, der den Eilschritt aufgegeben und seine Zähne von den Resten des Mittagsrindfleisches gereinigt hatte. Im Gegenlicht gab er das Musterbild eines modernen, burgenländischen Zeitgenossen ab. Weite, helle Khakikleidung, das Hemd über den Bund hängend, eine Baseballmütze mit dem Schriftzug „Spring Break" auf dem Kopf, ohne diese jedoch in die falsche Richtung gedreht zu haben. Vier Jahre alte Hogan-Mokassins ohne Socken, schlank und drahtig nach einem ausreichend langen Ayurveda-Aufenthalt auf dem indischen Subkontinent. Die Raiffeisen-Folklore mit Walkjankern und mit Kraftfutter-Parolen bedruckten Schlappkappen, es gibt sie nicht mehr in dieser schönen Ecke des Burgenlands, hier ist in glänzenden Leichtbau-Raumschiffen die Gegenwart gelandet.

„Riechst du's?" fragte der Herr Walter.

„Klar", antwortete ich, mit den Gedanken noch immer bei dem Wunder, wie aus einem fabelhaften Stück Landschaft ein strohgelber Wein entstehen kann.

„Die Leute werden nie gescheiter. Grillen Würschtel mitten im Naturschutzgebiet. Wenn sie wenigstens einen gscheiten Steckerlfisch braten würden..."

Tatsächlich, ein feiner Holzkohlengeruch zog an uns vorbei, so kaum zu spüren, dass ich ihn vermutlich bloss als „rauchige Note" identifiziert hätte. Wäre es Hochsommer gewesen, hätte sich der Herr Walter garantiert wie ein Schweisshund bis zum irgendwo in der Puszta aufgestellten Freizeitgrill durchgearbeitet und als Gastgeschenk einen Eimer Wasser mitgebracht, Stichwort Brandgefahr, weil immer wieder brennen rund um den Neusiedlersee ansehnliche Flächen vom Schilfgürtel ab. Jetzt war es noch frühlingsfeucht und ungefährlich, also war der Eimer Wasser für die grausligen Würste bestimmt.

Der Herr Walter kann sehr gut über Früchte, Gemüse, Kräuter und Würste sprechen, aber auch über flache Landschaften. Deshalb war ich ihm hierher gefolgt. Er hatte mir angekündigt, mich in ein Geheimnis einzuweihen, ohne das der burgenländische Seewinkel nicht verstanden werden kann.

Schweigend gingen wir ein paar Schritte. Der Herr Walter schaute so bedeutungsvoll in die Weite, als hätte er sie persönlich erfunden. Ich stieß ihn mit der Schulter an. Es war jetzt Zeit für das Geheimnis.

Der Herr Walter nickte. Er räusperte sich, um noch eine Sekunde wirkungsvoll vergehen zu lassen. In der Ferne schimmerte die Lange Lacke, und ein paar Vögel stritten sich kreischend um ihre Beute.

„Dreh dich einmal im Kreis", sagte der Herr Walter endlich. „Und vergiss, was dir täglich in den Fernsehnachrichten gezeigt wird. Weil hier siehst du eine revolutionäre Wahrheit, die dein Leben verändern wird."

Natürlich machte er noch eine Sekunde Pause, der alte Pathetiker.

„Globus gut und schön. Aber die Erde ist und bleibt eine Scheibe."

Zuerst lachte ich ungläubig. Dann drehte ich mich einmal im Kreis, dann noch einmal, ich sah den Glanz des Wassers und hörte die Fischreiher schreien, und ob ihrs glaubt oder nicht, an der Geschichte ist was dran.

Food & Beverage

Christian Seilers
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