Das Ende der Freundschaft

Geschichten / Neon
Ein Freund ist plötzlich keiner mehr. War das notwendig?

Natürlich hätte ich geschworen, dass es nicht passieren kann, und natürlich ist es trotzdem passiert: irgendwann, nachdem wir ein Jahr lang jeden Tag miteinander verbracht hatten, kam der Tag, an dem wir uns nicht sahen, dann kam der Tag, an dem wir nicht einmal mehr merkten, dass wir uns nicht gesehen hatten, dann wussten wir nicht mehr, was der andere tat, und zuletzt, fünfzehn Jahre später, als mich Michael aus heiterem Himmel anrief, um mir am Telefon ansatzlos mitzuteilen, dass er mich im Fernsehen gesehen habe, Alter, war das peinlich, fand ich ihn nur noch blöd. Das einzige, was an dem Anruf stimmte, war, dass der Fernsehauftritt wirklich peinlich gewesen war.

 

Michael und ich waren einmal eng befreundet, und ich gehe mit dem Begriff „Freundschaft" bestimmt nicht verschwenderisch um. Freundschaft bedeutete für mich schon immer so viel wie erwachsene Partnerschaft, und ich habe in meinem Leben nicht mehr als sechs, sieben Menschen als meine „Freunde" bezeichnet. Alle anderen waren so etwas Ähnliches, manchmal hießen sie auch, terminologisch etwas unscharf, „gute Freunde", „alte Freunde", aber gemeint war nicht dieses ganz spezielle Verhältnis von Vertrauen, Zuneigung und Verantwortungsbewusstsein, das echte Freundschaft in den Rang eines Liebesverhältnisses rückt, minus Sex, dafür entspannter.

 

Michael und ich hatten zwei Straßen von einander entfernt gewohnt, aber weil wir ohnehin jeden Abend gemeinsam verbrachten, spielte das keine Rolle: Wir schliefen in der Wohnung, in der wir jeweils gerade unseren Spaß gehabt hatten, wir verwandelten unsere Tage, an denen wir nicht studierten, in helle Nächte. Wir machten Unsinn, wir spielten Schach, wir teilten alles, Kleider, Platten, Frauen und Erfahrungen. Wir redeten sturzbachartig miteinander, als hätten wir uns gegenseitig für eine permanente Therapiesitzung engagiert.

 

Dann begann ich zu arbeiten, er arbeitete etwas anderes, er fand meine Arbeit blöd, ich fand blöd, dass er meine Arbeit blöd fand, wir trafen uns nur noch, um vergangene Zeiten hochleben zu lassen, und dann trafen wir uns überhaupt nicht mehr. Trotzdem fällt mir, wenn ich heute über Michael nachdenke, fast schmerzlich auf, wie viel ich noch über ihn wüsste, wenn es mich nur interessierte.

 

Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie Menschen zu Freunden werden. Es beginnt mit dem Gefühl des Erkennens; mit einem plötzlichen Interesse an dem einen, dem einzigen Gegenüber; mit der Gewissheit, dass hier jemand Antworten geben kann, die klüger sind als deine Fragen. In diesem ominösen Augenblick springt der Funke über, und ich weiß zwar, dass die Pflege einer kleinen, vielleicht auch einer lebenslangen Freundschaft durchaus anspruchsvoll sein kann: Für den Moment, in dem diese Freundschaft beginnt, gibt es jedoch keine Gebrauchsanweisung.

 

Dann endet die Freundschaft. Manchmal stiehlt sie sich unbemerkt davon, wie die zwischen Michael und mir. Manchmal sieht sie sich auf die Probe gestellt und besteht nicht: es geschieht gar nicht so selten, dass wir uns zwischen einem Freund und einer anderen Versuchung entscheiden müssen, einer plötzlichen, eruptiven Liebe, einem Engagement, das uns auf einmal in andere Sphären hebt.

 

Es ist überraschend, wie viel eine echte Freundschaft verkraftet und wie wenig haltbar Freundschaften sind, die man auf den ersten Blick höher eingeschätzt hätte. Ein, zwei Verstimmungen, und Sender und Empfänger treffen sich im unausgesprochenen Einverständnis, dass die Frequenz nicht mehr stimmt, die Signale werden leiser und verstummen, und es tut gar nicht weh.

 

Ich habe nichts gegen Verhältnisse, die sich selbst regeln: Sie nehmen mir Arbeit ab. Aber ich habe etwas dagegen, dass sich die wertvollen Momente meines Lebens verflüchtigen, und Freundschaft ist einer der wenigen Lieferanten dieser Momente.

 

Im vergangenen Sommer musste ich zum Beispiel die ernsten Zweifel meines besten Freundes aushalten. Wir sehen uns nicht gerade häufig, er lebt im Süden, ich in Mitteleuropa, aber wir sind uns seit fast zwanzig Jahren auf fast medizinische Weise vertraut. Wenn Florian anruft, kann ich am Klang seiner Stimme hören, was ihm gerade über die Leber gelaufen ist. Ich kenne seine Launen und kann ihre Grauwerte deuten: Hat es beim Erfinden von Geschichten nicht geklappt oder sitzt ein schwarzer Vogel namens Existenzangst auf dem Fensterbrett? Fordert die kleine Familie, die sich zu unserer Freundschaft gesellt hat, zu viel Energie oder strahlt sie etwas ab, das ihm den Atem nimmt? Hat Borussia Mönchengladbach wieder Prügel bezogen?

 

Wir haben mit unseren nächtlichen Gesprächen - Florian ruft gerne zur Abendessenszeit an und fragt, ob wir nicht später eine Flasche Wein miteinander trinken wollen - der Telefoncompany ein paar Angestellte bezahlt. Oft genug habe ich mir, wenn aus der gemeinsamen Flasche eine ganze für jeden wurde, die Absolution für meine Zweifel geholt: Geht das, was ich tagsüber tue, oder geht es schon nicht mehr? Liege ich wenigstens abends richtig?

 

Ich weiß nicht, wie oft Florian und ich über dieselben Themen dasselbe gesprochen haben, aber es war kein einziges Mal zu viel.

 

Trotzdem mussten wir, als wir im vergangenen Sommer ein paar Wochen miteinander verbrachten, uns erst wieder aneinander gewöhnen, und in dieser Gewöhnungsphase knirschte es seltsam. Wir zelebrierten unsere Vertrautheit, auch wenn sie gar nicht aus Fleisch und Blut war, sondern aus Karton, und es war kein Zufall, dass ich in diesen Tagen unter dem heiteren Ferienkostüm ein unbestimmtes, hohles Gefühl mit mir herumtrug. Trotzdem: Mir hätte es wohl gereicht, ein paar nette Wochen am Meer zu verbringen, um ohne grundlegende Zweifel und Unsicherheiten nach Hause zu fahren.

 

Florian aber tat etwas Essentielles: Er stellte mich zur Rede. Er stellte mich auf eine Weise zur Rede, dass unser Gespräch auch ganz anders hätte ausgehen können. Es ging um etwas scheinbar Unwichtiges, um eine Nachlässigkeit: ich hatte mich, als er mit seiner Frau und dem Kleinen in meinem Quartier vorbeigekommen war, nicht gerade respektvoll benommen; es - bei aller Freundschaft - an der nötigen Aufmerksamkeit fehlen lassen.

 

Wahrscheinlich hätte ich an Florians Stelle „Schwamm drüber" gesagt. Er aber riskierte mit seiner Wut und seiner Entschlossenheit, der Sache auf den Grund zu gehen - ich mag dem Pathos hier nicht ausweichen - unsere Freundschaft. Was er sagte und wie er es sagte, hätte mich genauso gut dazu bewegen können, aufzustehen, etwas Grobes zu sagen und meiner Wege zu gehen, denn Florian spielte auf den Mann: auf mich.

 

Er spielte alles oder nichts. Er wollte mich als Freund, aber nicht um den Preis, dass die Substanz unserer Freundschaft auf falschen Voraussetzungen beruhte.

 

Es ging - um was sonst? - um die persönlichsten Dinge. Während es in den meisten Beziehungsdramen zwischen Mann und Frau jedoch darauf hinausläuft, dass der eine vom anderen erwartet, dass er sich ändern möge, verlangte Florian von mir nur, dass ich ihm zuhöre; dass ich mir anhöre, was er mir zu sagen hatte, damit ich es prüfen und verwerfen, aber nicht leichtfertig zur Seite räumen dürfe.

 

Nicht, dass es leicht war, Florians Vorwürfe auszuhalten. Er war hart, und er war nicht immer gerecht. Aber er sagte, was er sagte, weil es ihm am Herzen lag; weil ich ihm am Herzen lag. Weil es um etwas ging: um uns. Für uns unternahm er dieses Freundschafts-Selbstmordattentat.

 

Zwei Tage später saßen wir zusammen, Florian hatte gekocht und sich ernsthaft Mühe gegeben. Wir tranken südfranzösischen Grénache, bis uns schwindlig war. Hinter uns lagen zwei Tage, an denen alles in Frage gestellt worden war: Beziehungen, Berufsentscheidungen, die großen Themen Herzensbildung, Hingabe und Respekt.

 

Florian war erleichtert. Ich war erleichtert. In der völligen Öffnung vor einander hatten wir eine Prüfung bestanden, die wir einander selbst aufgegeben hatten. Wir hatten uns dafür qualifiziert, einander Freunde zu bleiben, weil wir die ungeschriebene Regel missachtet hatten, nach denen Freundschaften es sich einfacher machen dürfen als Liebesbeziehungen, denen der Schluss, das Drama, von Anfang an innewohnt. Wir wissen, wenn wir uns verlieben, dass es eines Tages Tränen geben wird oder ein Riesengeschrei oder wenigstens ein blödes SMS, dessentwegen man in die Luft gehen kann. Freundschaften enden im Fadeout.

 

Aber die Regel ist Quatsch. Florians Ultimatum war das Beste, was mir seit Jahren widerfahren war.

 

Ich erzählte die Geschichte Wilhelm. Wilhelm ist einer jener Freunde, von denen ich während der meisten Zeit nicht weiß, ob er lebt, was er tut und warum der Umbau seines Gartenhäuschens noch immer nicht fertig ist. Mit ihm verbindet mich ein qualifiziertes Prinzip Hoffnung: Ich habe das sichere Gefühl, bei ihm gut aufgehoben zu sein, wenn's nötig ist. Da es aber ohnehin nicht nötig ist, spare ich mir die Probe aufs Exempel.

 

Wilhelm hörte sich die Geschichte mit Interesse an.

 

Dann schüttelte er den Kopf und lachte: „Ich mag wenigstens mit meinen Freunden nicht streiten."

 

So eine blöde Antwort.

 

Wie fest ich den Willi umarmte.

 

Wie sehr ich mich nach dem Florian sehnte.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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