Christoph Ransmayr

Porträts

Die Geschichte des neuen Romans von Christoph Ransmayr beginnt in der 2. Augenklinik des Wiener AKH. Es ist elf Jahre her, daß ein Arzt namens Stur beim damals 30jährigen Journalisten aus Wels eine Augenkrankheit namens „Chorioretinitis centralis serosa" in sehr leichter Form diagnostizierte. Bei diesem Defekt sickert Gewebsflüssigkeit durch undichte Stellen in der Netzhaut und sammelt sich zwischen den Häuten des Augapfels. Die entstehenden Blasen verfinstern den Blick. Kleine, dunkle Löcher stehlen sich aus dem Gesichtsfeld. Als Entdecker der Krankheit firmiert ein japanischer Augenarzt. Nach ihm heißt die bei Ransmayr festgestellte Sehschwäche „Morbus Kitahara".



Ransmayr ging von der Augenklinik nach Hause, spannte ein Blatt Papier in seine Schreibmaschine und tippte fein säuberlich die ersten Zeilen seines eben entstandenen Romanprojekts: „Morbus Kitahara oder das Gebrechen des Leibwächters Konrad Wolff". Dann legte er das Blatt in die Schublade und widmete sich aktuelleren Aufgaben, zum Beispiel, „Die letzte Welt" zu schreiben.

„Die letzte Welt" rückte Ransmayr ins Spitzenfeld der deutschsprachigen Literatur. Der von Hans Magnus Enzensberger 1988 herausgegebene Ovid-Roman überzeugte Kritik und Publikum gleichzeitig. Der brillante Reportagen-Schreiber Ransmayr, dessen Debütroman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis" bereits ein Achtungserfolg gewesen war, sah sich plötzlich mit allen Insignien des Shooting-Stars versehen. Wo er hinschaute, flammten Blitzlichter auf, reckten sich ihm Mikrophone entgegen. Sein Buch wurde über 300.000mal verkauft. Die Einkünfte sicherten Ransmayr die Möglichkeit, so lange er es für nötig hielt, an seiner Leibwächtergeschichte zu arbeiten. Er wandelte das Geld, wie er sagte, in Zeit und Mobilität um. Außer einer Dankesrede an die Münchner Akademie, die ihm einen Preis verlieh, schrieb Ransmayr während sieben Jahren keine Zeile außer für „Morbus Kitahara". Er bereiste die Welt. Er gab dem Leibwächter Konrad Wolff einen neuen Namen. Er verschwand aus Wien, mietete sich den ersten Stock eines Hauses in Black Rock, einem Vorort von Dublin, und ließ sich von der zuständigen irischen Kommission als Künstler anerkennen, was ihm im literaturverrückten Irland sowohl wünschenswerte Anerkennung wie Steuerbedingungen sicherte.

 

Er sitzt also in einem Stuhl des besten Hotels von Dublin und sortiert Déja-Vu-Erlebnisse. Schwarz und schlank und schwach von den Strapazen der zu erwartenden Medien-Aufmerksamkeit erinnert sich Christoph Ransmayr an die Woge der Zustimmung, die das Auftauchen der „letzten Welt" erzeugte und wie sie über ihm zusammenschlug. Er flüchtete, nachdem er den Literaturbetrieb aufs Notwendigste bedient hatte, in die Welt hinaus, reiste kreuz und quer über den Subkontinent, durch Java, Südindien, Inonesien, Sumatra, Bali, Thailand, Japan, wechselte die Kontinente, zog über Kanada, den Südwesten der USA, Mexiko nach Brasilien und Paraguay. Alle drei, vier Monate kehrte er nach Hause zurück, oder dorthin, wo es ihm wie zuhause vorkam: nach Gmunden, Wien, in südliche Burgenland oder nach Meran.

Er scharrt. Er haßt es, „neben meinem Buch Aufstellung nehmen zu müssen", und wenn er sagt, daß er am liebsten mit den ersten druckfrischen Exemplaren von „Morbus Kitahara" ins Irgendwo verschwunden wäre, unerreichbar und nicht gezwungen, den makellosen Sätzen des Romans ein paar vergleichsweise ungelenke Konversationsfetzen nachzuwerfen, ist das keine Pose, sondern Ausdruck von Ransmayrs Fügung ins geringste Übel. Ransmayr würde sich liebend gern den Luxus leisten, zu schweigen. Doch er weiß, daß Schweigen die Medien-Maschine auf das unerhörteste provoziert. Er will alles andere als provozieren. Also redet er, dabei möchte er nur sein Buch reden lassen.

 

Da liegt es. 440 Seiten, luftig gesetzt, bestes Leinen, Büttenpapier, Prägedruck, ein aus der üblichen S. Fischer-Serie fallendes Format (nämlich das der Anderen Bibliothek. Ransmayr wollte, daß „Morbus Kitahara" gleich groß neben der „letzten Welt" stehen kann, und weil man bei Fischer gerade dabei war, ihm alle Wünsche von den Augen abzulesen, erfüllte man ihm auch diesen).

Auf dem matt gelackten Cover ein Foto von Karl Blossfeldt. Ein sechsfach vergrößerter Eisenfußsproß reckt seine drei Triebe so magisch ans Licht, daß darin wesentliche Bestandteile des Buches zu schimmern beginnen: drei Stränge, drei Federköpfe, die organisch und doch widerwillig miteinander verbunden sind, geheimnisvoll und künstlich.

Denn „Morbus Kitahara" erzählt die trübe Geschichte der drei Helden Ambras, Lily und Bering. Ambras verwaltete den Steinbruch von Moor, einem nicht genau situierten (jedenfalls aber Auschwitz nachempfundenen) Kaff in den Bergen, am Ufer des Sees ... Ambras ist der Vertreter der Besatzungsmacht, der US-Armee, die ihn als ehemaligen KZ-Häftling mit den Privilegien der Macht ausgestattet an den Platz seiner früheren Demütigungen zurückgestellt hat. Ambras bezwingt im archaischen Zweikampf ein Rudel wilder Hunde, was ihm bei den Bewohnern von Moor den halb spöttischen, halb anerkennenden Titel „Hundekönig" einträgt. Er zieht den jungen Schmied Bering, einen talentierten Mechaniker mit einem über die Maßen ausgeprägten Gehör, in seinen Bann. Er pflückt ihn aus den dürren, menschlichen Pflanzen Moors und initiiert ihn als seinen Leibwächter.

Ambras und Bering teilen ein Haus mit dem Hunderudel. Sie sind von den Einwohnern Moors gefürchtete Außenseiter. Bering, der ein besonderes Talent hat, Vogelstimmen nachzuahmen, schmiedet aus dem zu Schrott gefahrenen Studebaker seines Herrn ein neues Fahrzeug, die „Krähe". Die beiden Männer leiden keine Gesellschaft. Nur Lily, die Tochter eines verschwundenen KZ-Wärters wird von ihnen geduldet. Lily besitzt merkwürdige Privilegien. Sie kennt Schleichwege über die Berge ins Tiefland, sie hat Anschluß an die Außenwelt, von der das Kaff Moor per Beschluß der Armee abgetrennt ist. Ihr Spitzname heißt: „Die Brasilianerin". Tatsächlich: am Ende dieses Buches wird sie in Brasilien erschossen werden.

Nur der grüne Marmor des Steinbruchs und das Auftauchen der Sühnegesellschaften, die an den Tod von elftausendneunhundertdreiundsiebzig Menschen erinnern, die im Steinbruch zu Tode kamen, spannen die Fäden in die Außenwelt, wo der „Friede von Oranienburg" einen seit fast 30 Jahren dauernden Ausnahmezustand bezeichnet, während sich Amerika noch immer im Krieg mit Japan befindet. Es ist eine wilde Blade-Runner-Landschaft, in der sich Bering, Ambras und Lily bewegen. Sie schneidet an vielen Kanten die Wirklichkeit, bleibt aber - und das ist ganz wesentlich für das Gelingen dieses Buches - eine als solche erkennbare, unkotierte Kunstlandschaft. Amerika kämpft Mitte der sechziger Jahre (ganz genau geht das Datum nicht aus der Handlung hervor) noch immer gegen Japan. Erst der Abwurf der Atombombe auf die Insel Nagoya zwingt den japanischen Kaiser zur Kapitulation, und genau dieses Datum nützt die Armee, um die völlig unterindustrialisierte und versteinzeitlichte Landschaft um Moor menschenleer zu machen: „Die Steinbrecher, die Salzsieder, die Fischer, Köhler und Rübenkocher der Seeregion, alle würden sie im Glauben, auf dem Weg ins Freie und in den Reichtum des Tieflands zu sein, in den Block vier des Großen Lazaretts wandern."

Die drei Helden aber werden von den unsichtbaren Drahtziehern in den weit abgelegenen Schaltzentralen für ein anderes Schicksal bestimmt: sie sollen in Brasilien, in einem Ort namens Pantano, einen Steinbruch erschließen, in dem derselbe grüne Granit wie in Moor abgebaut werden soll. Was heißt Pantano auf portugiesisch: „Sumpf, sumpfige Wildnis, Feuchtgebiet." Moor also. Es ist eine Gegenwelt jenseits des Atlantiks entstanden, die der Verwalter, der Leibwächter und die Frau, die zuerst dem einen, dann dem anderen etwas wert ist, entdecken müssen. Das Finale steckt bereits im ersten Satz der Geschichte: „Zwei Tote lagen schwarz im Januar Brasiliens."

Es ist ein großer Roman, den Christoph Ransmayr geschrieben hat, ein klingender, ein funkelnder, ein bis ins kleinste Detail durchkonstruiertes Buch. Wieviele Kreise der Autor öffnet, um sie zu einem Zeitpunkt, wo man es nicht mehr vermuten würde, wieder zu schließen. Was für ein Aufwand an Formulierung hier getrieben wurde, was für ein Wortschatz sich funkelnd eröffnet (als Beispiel nur folgendes kleine Sprachgewitter, das beschreibt, wie der an seine dunkelgraue Wildnis gewöhnte Bering zum ersten Mal das Heute, die Modernität, mit eigenen Augen sieht):

„Lichter, unzählige Lichter: Scheinwerferkegel, die aneinander vorüberglitten oder sich kreuzten; Lichtfinger, die in die Nacht griffen, darin versanken und an einer anderen Stelle der Finsternis wieder auftauchten. Signalfeuer in Rot. Blinklichter. Zeilen, Blöcke und schwebende Muster aus erleuchteten Fenstern; Funkenschwärme! Lichtdurchschossene Türme und Paläste - oder waren das Hochhäuser? Kasernen? Schnittmusterbögen aus Licht..."

Doch verzaubert Ransmayr weit über seine handwerklichen Fähigkeiten hinaus. Die Bestimmtheit, mit der er, ohne jemals prätentiös zu sein, ans Wesentliche rührt, Leben und Tod, Freundschaft und Liebe, Hoffnung und Abschied, Gewalt und Grausamkeit, Apathie und Wut allein aus dem Klang seiner Sprache entstehen läßt, ist von großem Format. Seine Figuren sind in der Kargheit ihrer Darstellung so selbstverständlich, daß sie keine grellen Gewänder brauchen. Sie sind, es ist von Beginn an klar, Fantasiewesen, sie wurden gemalt, nicht fotografiert. An ihnen kann prototypisch Menschliches abgelesen werden, etwas viel Wertvolleres kann Literatur nicht leisten.

 

Ransmayr reiste und recherchierte sieben Jahre lang, damit sein Buch den gewaltigen, eisbergartigen Unterbau kriegen konnte, der jetzt unter der Wasseroberfläche verborgen bleibt. Kein Name, der nicht neue Bedeutungen erschlösse, keine Bemerkung, die nicht auf den Daten, Fakten, Gefühlen basierte, die Ransmayr akribisch sammelte, um „Sicherheit im Erfinden" zu bekommen.

Wenn Bering, Ambras und Lily gegen Ende des Romans auf einem brasilianischen Stückgutfrachter von Hamburg nach Rio de Janeiro reisen, dann deshalb, weil Ransmayr es ihnen vorgemacht hat. Er begnügte sich nicht, für ein paar Seiten im Buch technische Daten oder historische Routen auszukundschaften, er klaubte fast zwanghaft eigene und fremde Eindrücke zusammen. Ransmayr fuhr selbst mit dem Bananendampfer nach Brasilien. Er charterte im Hafen von Rio einen Hubschrauber, um wie die Emigranten der sechziger Jahre in den brasilianischen Hafen zu gelangen. Er füllte dreißig Seiten seines Notizbuches einzig und allein mit der Beschreibung eines eindrucksvollen Motorendefekts, den zu beschreiben ihm die Handlung des Buches verbot. Über verschlungene Wege lernte Ransmayr Geschichten anzuhören, in denen er plötzlich selbst eine Rolle spielte. Ein nach Brasilien ausgewanderter, böhmischer Nadelfabrikant starb an einer Herzattacke, nachdem er tagelang sein Leben vor Ransmayr ausgebreitet hatte, und der Schriftsteller saß plötzlich in einem Auto, auf dessen Dach wie ein paar Ski ein Sarg geschnallt war, und fuhr in den Urwald, um den neu gewonnenen Freund persönlich zu begraben. Ein Pick-Up-Lkw stand mit geöffneten Türen an der Stirnseite des Grabs und steuerte aus den Boxen des Autoradios die Feierlichkeit einer Bach-Motette bei.

Christoph Ransmayr hat im August dieses Jahres die Arbeit an „Morbus Kitahara" beendet. Der Abschied vom Buch, von seinen Figuren, tut ihm weh. Die Abschiede, die er selbst in den vergangenen Jahren erlebte, kriechen aus dem Schatten der Realität ans Licht. Wenn er durch den Südwesten Irlands marschiert, wähnt er sich manchmal mitten in Moor, weil das Licht so schräg auf das Ufer eines Sees fällt, der so ist, wie er selbst ihn beschrieben hat. Der Vertrag mit Fischer garantiert ihm weitere sieben, acht Jahre, in denen er Zeit und Mobilität in jenem Außmaß besitzen wird, das er benötigt. Wenn der „Morbus Kitahara", sein vor elf Jahren diagnostiziertes Augenleiden zurückkehrt, weiß er einen Strand in Brasilien, wo es hell genug ist, daß Christoph Ransmayr darauf warten kann, bis das Loch in seinem Auge wieder verschwindet.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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