Catarina Patricio

Porträts / Red Bulletin
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Manfred Klimek fotografiert Catarina Patricio


Catarina Patricio studiert in ihren Bildern die Verwandtschaft von Mensch und Maschine. Im Hangar-7 sind ihre Werke gemeinsam mit denen neun anderer portugiesischer Künstler ausgestellt.



Catarina Patricio hat am 6. Dezember Geburtstag, aber geplant war das anders. Ihre Mutter, hochschwanger, hätte sich noch ein paar Tage bis zum geplanten Geburtstermin Zeit lassen sollen, aber dann stürzte das Flugzeug mit Francisco de Sá Carneiro, dem gerade erst gewählten Ministerpräsidenten Portugals, ab.
4. Jänner 1980, Schock für das ganze Land, das erst seit 1976 demokratisch regiert wurde. Ein ganz besonderer Schock für die hochschwangere Frau, denn sie kannte den Piloten der Unglücksmaschine. Sie kannte ihn, weil seine Frau schwanger war wie sie selbst.
Diese Aufregung, Krämpfe im Bauch. Es ging dann schnell, zwei Tage später tat Catarina ihren ersten Schrei.
„Es scheint", sagt sie mit einem feinen, ironischen Lächeln, „dass meine Faszination für Flugzeugunglücke angeboren ist."

In Catarina Patricios Atelier hängen große, helle Zeichnungen, auf denen eine junge Frau, ganz offensichtlich Patricia selbst, im Cockpit oder auf Flügeln eines Flugzeugs zu sehen ist. Einmal sind die Augenlider gesenkt, ist die Fliegerbrille auf die Stirn geschoben. Einmal schweift der Blick leer in die Ferne, ist der Körper verkeilt in die Enge der Technik. Einmal blitzt der Blick aus dem Brennpunkt des Taschenspiegels, weil sich die Protagonistin die Lippen schminkt. Metallische Technik. Eine gewaltige Pistole (Star Wars? Spielzeugladen?). Top Gun-Posen (ironisch!).
 Die Bilder sind von eigenwilligem Ausdruck. Die Figuren - meist die Künstlerin selbst, aber auch wiederkehrende Männer - sind mit Bleistift gezeichnet, ihre Züge kühl, fast teilnahmslos, und nur an unwichtigen Positionen tauchen Anflüge von Farbe auf, ein Rot am Kragen der Jacke, ein Grün in den Umrissen der Schuhe. Im Hintergrund regiert freilich kräftiges, flächiges Silber, manchmal komplettieren ein Klecks Signalgelb oder Deckweiß die Komposition, dickflüssige Straßenmarkierungsfarben, die das elegante Weiß des Papiers kraftvoll aufladen.

Das Atelier befindet sich in einem Industriekomplex in Algés, etwas außerhalb der Altstadt Lissabons, direkt am Meer. Links und rechts haben Fischer ihre Werkstätten, wo Netze repariert oder Kühlaggregate gestapelt werden. Eine Kickboxschule hat sich einquartiert, und gegenüber von Catarina ist ein älterer Mann mit ein paar Hunden eingezogen. Auf dem Gang steht ein Napf voller Knochen für die Viecher, die es vorziehen, sich draußen an der Sonne ihre Flöhe zu wärmen.
Im Hafenbecken zwei verrostete Kähne. Auf den Brachen rund um die Werkstätten kugeln Autowracks herum, und weil schon früh im Jahr die ersten Frühlingsblumen die Wiesen gelb grundieren, herrscht am Wasser eine fast surreale Stimmung.
Katastrophe und Aufbruch, wie bestellt.
Denn Catarina Patricio hat „Katastrophe" und „Aufbruch" zu Leitmotiven ihrer Arbeit geadelt. Sie kokettiert mit Symbolen der Geschwindigkeit, mit schnellen Autos, Flugzeugen, die Überschallgeschwindigkeit fliegen, weil denen nicht nur die Energie der Schnelligkeit innewohnt, sondern auch das Motiv der Gefahr, der Katastrophe, und „die Katastrophe ist doch die beste Voraussetzung für den Fortschritt, nicht wahr?"

Catarina Patricio, Tochter eines Marineoffiziers und einer Englischlehrerin, absolvierte auf ihrem Weg ins Fischeratelier solide Ausbildungen. Sie studierte am College „Fine Arts", die „schönen Künste", wechselte im Rahmen eines „Erasmus"-Programms für sieben Monate nach Bielefeld, wo sie bei Gottfried Jäger die Grundlagen der Fotografie erlernte, sie machte ihren „Master", ihren Studienabschluss in Anthropologie, der „Wissenschaft vom Menschen".
Selbstverständliches Lächeln: „Ich musste mir die Fundamente für meine Kunst erwerben."  
Fundamente für die Kunst: Catarina Patricio ist keine Kunst-Künstlerin, sie rattert bei der Frage nach ihren wesentlichen Inspirationen nicht die Leipziger Schule der neo-figurativen Deutschen, nicht die Zeichnungen von Joseph Beuys herunter, sie nennt vorsichtig Francis Bacon, vielleicht auch - „ich mag seine Farben" - David Hockney. Aber schon schüttelt sie auch wieder den Kopf: „Ich interessiere mich gar nicht besonders für Kunst."
Sie interessiert sich für die Verwandlung dessen, was sie sieht und erfährt, in Schönheit.
Großes Wort: Ihre Zeichnungen sind also nicht pure Beobachtungen, sondern so etwas wie das Konzentrat aller Analysen und Überlegungen, die Catarina Patricio angestellt hat, eine persönliche Philosophie in Form realistischer Zeichnungen.
Es läutet Catarinas Handy: der Klingelton zaubert ein vertrautes, dramatisches Gefühl in den Raum. Die Titelmusik des Stanley Kubrick-Films „2001. Odyssee im Weltraum", das mächtige Streicherthema von „Also sprach Zarathustra", der pathetischen Hymne, mit der Richard Strauss den gleichnamigen Text von Friedrich Nietzsche vertont hat.  
Die Künstlerin gerät ins Schwärmen, sobald sie aufgelegt hat: „Kubrick. Er ist so groß, so vielschichtig, so außergewöhnlich". Sie liebe „2001", sie liebe „Clockwork Orange", sie zerbreche sich gerade den Kopf darüber, wie man die Symbolik der Filme angemessen entschlüsseln könne.
Hier sind Catarinas Inspirationen:
„Star Wars" - „ich liebe ,Star Wars'" - wir werden gleich sehen, warum.
Der französische Philosoph Georges Bataille mit seinen Körpertheorien.
Der amerikanische „Keine Gefangenen"-Dichter Charles Bukowski - „Seine Erzählung ,The Night I killed Tommy' war die Grundlage einer meiner Installationen".
Das epochale Werk „Der Ursprung der Welt" von Gustave Courbet: die Darstellung eines Frauenaktes, für die André Masson wegen der Anstößigkeit des Motivs eine zweite, vorgeschobene Ebene malte, eine Landschaft, deren Konturen den Schenkeln des dargestellten Modells folgte - „großartig, nicht wahr?" Wobei Catarina ehrlich gesagt vor allem die Doppelbödigkeit des Werks großartig findet, nicht seine schiere Ästhetik.
Im selben Kontext bezieht sie sich auf Marcel Duchamp, „meinen Lieblingskünstler". Duchamps Hauptwerk „Das große Glas" betrachtet Patricio als allegorische Installation, in dem sie fasziniert der Verbindung von Mensch und Maschine folgt, in allen Konsequenzen.
Womit wir wieder bei Star Wars wären und seinem menschlichen Maschinenenpark.
„Sind wir nicht alle melancholische Cyborgs?", fragt Catarina. Sie deutet auf ihr Handy, den unentbehrlichen Sprachapparat, spricht von Herzschrittmachern, Computern und künstlichen Hüftgelenken, vom Chip mit Eigentümerinformationen, der ihrem Hund  unter die Haut gepflanzt wurde.
Dennoch bleibt ihr wichtigster Impulsgeber der Philosoph Paul Virilio, dessen Theorien über die Geschwindigkeit - Geschwindigkeit sei die verborgene Seite der Macht und regiere in deren Auftrag die Gesellschaft - sich auf dramatische Weise mit der Neigung der Künstlerin verbünden, in der Geschwindigkeit Vorboten der unvermeidbaren Katastrophe zu erkennen.

Dass sie Talent hatte, erfuhr Catarina Patricio früh. Sie verlor sich schon als Schülerin in Welten, die sie aufzeichnete - „oft hörte ich nur ein Wort oder eine Passage Musik, und vor meinen Augen entstanden Bilder, die ich zeichnen wollte" -, und dass diese Darstellungen dramatisches, sentimentales Potential hatten, wurde ihr spätestens bewusst, als einer ihrer Lehrer beim Anblick eines Aquarells, das Catarina gemalt hatte, in Tränen ausbrach: „Klar, er war ein sehr gefühlvoller Lehrer. Aber ich begann zu ahnen, welche Kraft die Kunst entfalten kann, wenn es ihr gelingt, Alltäglichkeit mit all ihren Schattenseiten in Schönheit zu verwandeln."
Sie entschied sich für die Karriere als Künstlerin, auch wenn die Portugiesische Kunstszene randständig ist, „zehn Jahre hinter dem, was in London, Paris oder New York passiert".
Catarina lernte das Handwerk, suchte nach ihrem Stil, nach ihrem Material.
Leinwand, nein, Leinwand ruft nach Ölfarben, und sie kann mit dem Grundieren von Hintergründen nichts anfangen, zu schnell wird zu viel zu banal.
Papier. Papier und Bleistift. Papier, Bleistift und deckende Farben.
Kompositionen, aus denen die präzise Blässe der Figuren hervorsticht, Figuren, wie zum Beispiel sie selbst.
Sie stellte in Tiefgaragen aus, besorgte sich Genehmigungen, um im „Museu do Ar", dem Luftfahrtsmuseum und dem „Museu da Marinha", dem Marinemuseum, Materialstudien anstellen zu dürfen. Holte die Welt der Technik geschickt in ihr Atelier, um sie mit den Geschichten aufzuladen, die Catarina erzählen möchte.
Das Handy. Also sprach Zarathustra.


Food & Beverage

Christian Seilers
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