Bildnis eines Toten

Die Zeit / Kritiken
Ein Roman wie ein Fluss: Tim Parks'  "Träume von Flüssen und Meeren" ist ein fabelhaftes, magisches Vernetzungskunstwerk



Der Sarg ist auf eine Stahlkonstruktion montiert und mit gelben Blüten geschmückt. Die Schienen, auf denen er steht, zielen auf einen roten Vorhang. Dahinter warten die Flammen des Krematoriums.
Helen James, die Frau der Hauptfigur dieses Romans, steht streng und aufrecht neben dem Sarg und verabschiedet sich von ihrem Mann Albert. Nur wenige Trauergäste haben sich in der Halle des ehemaligen evangelischen Militärfriedhofs von Dehli eingefunden.
„Albert war mein Leben, mein Schicksal", sagt Helen. „Und ich seins. Ich seins. Das ist die Wahrheit."
Dann dreht sie sich abrupt um, drückt auf den in der Wand eingelassenen roten Knopf und setzt den Elektromotor in Gang, der den Sarg hinter den Vorhang befördert. Gelbe Blüten fallen zu Boden, die Besucher hören das Klicken der sich schließenden Ofentür. Die Hauptfigur beendet im Tosen des Ofens ihre physische Existenz. Wir befinden uns auf Seite 37 des neuen Romans von Tim Parks.

Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, seit 1981 wohnhaft in Verona, ist ein Schriftsteller, der nie den einfachen Weg gegangen ist. Er probierte sich in seinen zahlreichen Büchern bereits als Reporter, Essayist und Kriminalschriftsteller aus, als Italienkenner, Übersetzer, Kunstkritiker, historischer Romancier und Thrillerautor. Aber noch nie hat er seine Hauptfigur bereits auf Seite 37 verschwinden lassen, so dass für den Rest des Romans ein ausgeklügeltes Spiegelkabinett schriftstellerischer Kunstfertigkeiten nötig ist, um das Bild entstehen zu lassen, das Parks vorgeschwebt ist.
Die beruhigende Nachricht zuerst: nie ist dem Buch die Anstrengung anzumerken, welche die komplizierte Konstruktion dem Autor bereitet haben muss. Umgekehrt, die Spiegelungen, Irrlichter und Irritationen, die das Fehlen der Hauptperson verursacht, macht „Träume von Flüssen und Meeren" erst zu dem üppigen, magischen Roman, dessen überschäumende Qualitäten auf den Nebenfahrbahnen des Handlungshighways liegen, während wir auf diesem der sich zuspitzenden Handlung folgen. Oder, wie Parks nebenbei als Losung ausgibt: „Man hat mehr von einem Buch (...), wenn man sich nicht ständig fragt, wie es ausgeht:"

Am Ausgang des Friedhofs treffen die drei Menschen aufeinander, die nun das Bild des abwesenden Helden entstehen lassen müssen.
1. John. Er ist Alberts und Helens Sohn und trottet am Arm seiner Mutter aus dem Krematorium. John, der in London eine Karriere als Mikrobiologe begonnen hat, hatte von seiner Mutter am Telefon vom Tod seines Vaters erfahren und war sofort von London nach Dehli gereist. Er kam übermüdet und verwirrt an, doch seine Verwirrung nahm in den Tagen vor der Beerdigung nur zu. Warum ist sein Vater so plötzlich gestorben? Wieso benimmt sich seine Mutter so seltsam? Was für komische Leute tummeln sich im Krematorium: Zoologen, Theosophen, Schauspieler? Und wieso gibt niemand eine Antwort auf seine Fragen?
2. Paul Roberts. Er will die Biographie von Albert James schreiben, weshalb er plötzlich aus einem Taxi aussteigt und augenblicklich äußerst präsent ist. Noch am Friedhof versucht er Helen James dazu zu überreden, ihm Zugang zu den Dokumenten des Verstorbenen zu verschaffen, und man ahnt bereits die Durchsetzungskraft des schweren, schwitzenden Mannes. Seine geradlinige Energie wird das Buch, zackzack, vorantreiben.
3. Helen. Mit 53 Jahren ist Helen James noch immer eine attraktive, vitale Frau, doch sie behauptet, dass mit dem Tod ihres Mannes das Leben für sie vorbei sei - diese Behauptung löst der Autor später dramatisch ein. Helen ist Ärztin. Albert und sie verließen England, um in Kenia und Neuguinea Kliniken aufzubauen, in denen Helen die Kranken betreute und Albert das Labor und den Papierkram besorgte.
Als Albert nach einigen Jahren die Schwerpunkte seiner Forschungen neu setzte, von der Biologie auf Anthropologie umsattelte, dann zu Kinetik, Proxemik und Kybernetik wechselte, zerbrach die Übereinkunft, die das Paar so an einander geschweißt hatte. Während Helen einfach denen helfen wollte, die darauf angewiesen waren, etablierte Albert seine berühmte Theorie der nichtmanipulativen Forschung. Diese besagt, dass jede bestehende Kultur klüger ist als ihre fremden Besucher und Möchtegern-Wohltäter. Die Klinik mochte zwar einzelnen helfen, aber sie veränderte auch das Denken der Bevölkerung und ihre Einstellung zu Krankheit und Tod.
Die Theorie machte Albert zum Star unter non-konformistischen Intellektuellen. Gleichzeitig wurde Helen schwanger. John wuchs am Rand der beruflichen Verwirklichungen seiner Eltern auf, ging in englische Schulen und kehrte zum Studieren nach England zurück.
Helen und Albert blieben in Dehli. Die wimmelnde, aus den Nähten ihrer Kulturen platzende Stadt schien ihnen der richtige Ort für ihre unangepasste Lebensführung zu sein. Helen arbeitete unentgeltlich in der Klinik. Albert widmete sich seinen Forschungen. Er war zu dem Schluss gekommen, dass die Probleme der westlichen Welt mit zwanghaftem Gewinnstreben zusammenhingen, das auf der permanenten Manipulation anderer beruht. Er entwickelte Kommunikationstheorien, die das Verbale ausklammerten und nur auf Gesten, Posen, auf Assoziationen beruhten, und hörte folgerichtig auf, zu publizieren. Seine Gedanken notierte Albert James an den Rand der Bücher, die er las. Sein Denken verbot ihm, andere zu beeinflussen. Es war nur logisch, dass er sich von diesen anderen entfernte, selbst von seinem Sohn und seiner Frau. Die Konsequenz seines Handelns zielt daher auf die Frage, ob er an der selbst gewählten Isolation zerbrach oder ob ihm der Tod die letzte Erfüllung, die logische Auflösung der komplizierten Stränge seiner Denkmuster war.

Im September 2008 schrieb Tim Parks im „Guardian" eine Eloge auf den Anthropologen Gregory Bateson. Bateson (1904 - 1980), dessen Vater als Erfinder des Wortes „Genetik" gilt und der seinen Sohn zu Ehren des Erbforschers Gregor Mendel Gregory getauft hatte, imponierte Parks durch seine kühnen Überlegungen zum Verhältnis von Kunst, Sozialwissenschaft und Politik. Bateson hatte sein Studium der Zoologie bald zugunsten der noch relativ neuen Disziplin der Anthropologie aufgegeben und erweiterte sein wissenschaftliches Spektrum permanent. Er befasste sich mit Familientheorien, Geisteskrankheiten und Kybernetik, studierte Kommunikationsmuster bis zur Sprache von Delphinen. Besonders angetan hatte es ihm das Problem, wie eine komplexe Kultur trotz Destabilisierung von außen und inneren Ungleichgewichte in der Balance bleiben kann.
Bateson ähnelt Parks' Helden Albert James in vielen Eigenschaften, auch wenn Parks seinem Buch die Warnung voranschickt, dass „Leser, die etwas über [Batesons] bemerkenswerte Arbeit erfahren möchten, (...) auf keinen Fall das vorliegende Buch konsultieren" mögen, denn dieses sei frei erfunden.
Trotzdem hat Bateson weit mehr zu diesem Buch beigetragen, als eine Vorlage für einen verschrobenen Wissenschafter abzuliefern. In seinem Artikel streicht Parks dezidiert Batesons Überzeugung heraus, dass dem Primat des Rationalen, der wesentlichen Triebfeder moderner, westlicher Gesellschaften, die ausgleichende Kraft des Unbewussten fehlt, die Energie von Träumen, religiösen Erfahrungen, Liebe - und Kunst. Daraus entwickelt Parks quasi nebenbei die Poetologie seines Buches: „Abseits von aller politischen Schärfe kann eine Erzählung Kontemplation erzeugen und Respekt vor den geheimnisvollen Zusammenhängen der Welt, sie kann zu einer vorsichtigeren Handlungsweise führen und zu etwas weniger Begeisterung für dramatisches Eingreifen."

Der Roman beginnt zu fließen wie ein Fluss, ein breiter Fluss. Die Richtung ist klar, sie führt dorthin, wo die Aufklärung des Todes von Albert James wartet, die Rolle seiner Frau und das Schicksal ihres Sohnes. Doch Parks begnügt sich nicht mit der Auflösung der offensichtlichen Fragen, es geht ihm um die geheimnisvollen Zusammenhänge, um das unsichtbare Netzwerk, in dem alle seine Figuren miteinander verbunden sind, meistens, ohne es zu wissen. Johns Freundin Elaine, die nach Indien reist, um ihrem Freund aus der Patsche zu helfen, verbringt plötzlich eine Nacht mit dem Biographen Paul Roberts, der wiederum in ein Verhältnis mit Helen James getaumelt ist, die wiederum mit dem theosophischen Sikh-Mediziner, der ihren Mann so verehrte, geschlafen hat, dessen Tochter in einer mitreißenden Szene der strengen Sikh-Familie entflieht und plötzlich auf dem Dach einer billigen Pension mit John gemeinsam frühstückt. Usw.
Hinter den erotischen Vernetzungen tauchen die intellektuellen auf, in zahlreichen Gesprächen, Geplänkeln, Briefen und Email-Dialogen, in denen, oft nebenbei, Fragen von Medizin und Kult, von Bräuchen, Überzeugungen und Motiven verhandelt werden, wobei - auch das keine Überraschung - immer wieder das Denken des Albert James berührt wird, das sich fortpflanzt wie ein Virus, unverstanden, aber umso wirksamer.
Parks erzählt diese Geschichten in seiner präzisen, distanzierten Sprache, die stets für ironische Pointen gut ist. Er behandelt seine Figuren höchst demokratisch: mit Abstand. Nur so kann sich auf allen Wegen und Umwegen das Konzept dieses Buches entfalten: die dynamische Abhängigkeit jeder Figur von jeder anderen. Parks will, dass jeder seiner Protagonisten so erscheint, wie er von jedem anderen Protagonisten gesehen wird, man kann ruhig sagen: „nichtmanipulativ".
Es versteht sich von selbst, dass auch die fehlende Hauptfigur, Albert James, am Schluss in höchst unterschiedlichen Interpretationen Gestalt annimmt. Sein Biograph stellt Albert als bewundernswert dar, auch wenn er die Substanz dessen Denkens nicht erfasst - Missverständnis? Seine Frau Helen folgt dem intimen Charismatiker Albert in ihrer energischen Zuwendung bis in Extremis - Liebe? Sein Sohn taumelt ziellos den vielen Schatten seines Vaters hinterher und kommt ihm dabei so nahe wie kein anderer - Methode?
In seinem Artikel über Gregory Bateson zitiert Tim Parks den Wissenschafter selbst: „Unsere Arbeit sollte von einem uralten Motiv befeuert werden, das heute nicht mehr viel wert ist: die Neugier auf die Welt, deren Teil wir sind. Das Ergebnis dieser Arbeit ist nicht Kraft, sondern Schönheit."
Wie schön: Der Neugier auf die Welt hat Tim Parks in diesem Roman eine fabelhafte Gestalt gegeben.


Food & Beverage

Christian Seilers
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