Barolo Girls

Adac Reisemagazin / Geschichten
Eine neue Generation von Weinmacherinnen zeigt die ganze Bandbreite eines großen Weingebiets: zwischen Eleganz und Tradition, Finesse und Kraft, Terroir und Weltläufigkeit

Gaia Gaja hat bis zehn nach eins Zeit, dann muss sie spätestens zum Flughafen nach Turin. Business as usual. Gaia Gaja ist pro Monat mindestens eine Woche auf Reisen, sie absolviert Verkostungen und PR-Termine in aller Welt. Das entspricht der Philosophie des Hauses: Gaja ist ein globaler Brand. Wer an edle, teure piemontesische Weine denkt, dem fällt sofort die Marke mit dem eleganten schwarzweißen Etikett ein, die geschmeidigen Weine aus Barbaresco, die auf den Weinkarten der besten Restaurants der Welt zu finden sind und Preise erzielen, von denen andere Winzer nicht einmal zu träumen wagen.

Maria Teresa Mascarello ist auch bald weg. Sie will in ihr Wochenendhaus. Die kleine Kellerei im Stadtzentrum von Barolo ist dann geschlossen, und wer an der Tür läutet, bekommt maximal von Maria Teresas Mutter beschieden, dass man ausverkauft sei und über den Ankauf von ein, zwei Flaschen mit ihrer Tochter persönlich verhandeln müsse, aber die sei gerade nicht da. Mascarello ist ein legendäres Weingut. Als das Barolo-Gebiet in den neunziger Jahren von einer Modernisierungswelle erfasst wurde, war es Bartolo Mascarello gewesen, der mit dem Slogan „No Barrique No Berlusconi" ein unvergessliches Statement gesetzt hatte. Er, dekretierte Mascarello auf knorrige Weise, sei nicht bereit, bei dem neumodischen Quatsch mitzumachen. Und auf Berlusconi könne er auch verzichten.

Das Weingut Gaja ist ein Schmuckstück, ein raffiniert durchdachtes Produktionszentrum, es ist nicht einmal übertrieben, es einen Herrschaftssitz zu nennen. Aus dem Keller führt ein Gang unter der Dorfstraße hindurch in das Castello di Barbaresco, ein herrliches Schlösschen, das neben dem alten Wehrturm die Silhouette des Dorfes Barbaresco prägt. Dieses Schlösschen hat Angelo Gaja, der Pater familias und Vorsitzende des Familienunternehmens, von Bruno Giacosa, einer anderen piemontesischen Weinmacherlegende, übernommen. Jetzt sind zahlreiche Verkostungsräume darin untergebracht, großzügige, noble Räume, in denen für Profis und Einkäufer aus aller Welt Tastings abgehalten werden. Batterien von Gläsern stehen auf den Tischen, die wie in Seminarräumen angeordnet sind. Flaschen mit witzig anmutenden Etiketten aus den sechziger und siebziger Jahren weisen darauf hin, wie lange hier bereits Markenprodukte hergestellt werden. Alte Ausgaben des „Wine spectator" zeigen Angelo Gaja auf der Titelseite. Von Edward Steinbergs Buch „Sorì San Lorenzo. Die Entstehung eines großen Weins", einer literarischen Verbeugung vor der vielleicht bekanntesten Lage der Gajas, stehen kleine Stapel im Foyer.

Das Büro von Mascarello ist von übersichtlicher Größe. Auf einem etwas größeren Esstisch stehen ein paar Flaschen und Gläser, hier wird verkostet. Der Keller befindet sich nebenan. Eine schmale Treppe führt von der kleinen Verarbeitungshalle, wo die Betongärständer stehen, hinunter in das kühle Halbdunkel mit den großen, elliptisch geschnittenen Holzfässern. Keine Spur von High-Tech, kein Brummen einer Klimaanlage. Keine Website, kein Emailverkehr. Keine Flugtickets in der Ablage auf dem Schreibtisch. „Teresa", sagt Alan Emil Manley, ihr Mitarbeiter und Berater, „kann Nein zur Welt sagen." Teresa quittiert das mit einem Lächeln und mit einer rätselhaften Bemerkung: „Vielleicht ist diese Zeit nicht meine Zeit."

Nicht, dass sie sich verloren fühlen würde, seit ihr Vater Bartolo 2005 gestorben ist. Sie macht bloß ihren Wein, als ob es die hunderterlei Hilfsmittel, die technischen und die önologischen, nicht gäbe. Maria Teresa Mascarello vergärt die Trauben, die sie aus vier verschiedenen Lagen liest, gemeinsam und macht daraus einen einzigen Barolo. Dieser, postuliert sie, erzähle die ganze Story: „Ich glaube nicht, dass aus den besten Einzellagen der beste Wein entsteht."

Mit dieser Meinung steht Maria Teresa Mascarello, die kleine, schlanke Frau mit dem funkelnden Blick, durchaus allein da, auch wenn sie die Tradition auf ihrer Seite weiß. Gaja hingegen macht zahlreiche Lagenweine - die berühmtesten stammen von der Costa Russi und den Südlagen Sorì Tildìn und Sorì San Lorenzo -, aber unterschiedlicher als Gaja und Mascarello können piemontesische Weingüter auch nicht geführt werden. Gemeinsam ist beiden ein Urbewusstsein für höchste Qualität. Die stilistischen Wege, die sie gehen, um den optimalen Wein zu machen, sind jedoch völlig verschieden.

Während Gaja sowohl weinmacherisch als auch im Verkauf stets den Puls der Zeit fühlt und sich auf die Fahnen heften darf, das Barbaresco-Gebiet als Landschaft großer Weine überhaupt erst entwickelt zu haben, steht Mascarello eigensinnig zu den Traditionen piemontesischen Weinbaus. Gaja bestellt mit siebzig fest angestellten Mitarbeitern eine Anbaufläche von 100 Hektar. Mascarello produziert auf gerade einmal fünf Hektar eine durchschnittliche Ernte von 30.000 Flaschen, die sie mehrheitlich ab Hof verkauft, streng rationiert in kleine Chargen, damit auch viele Menschen die Chance haben, einen Wein zu probieren.

Eine Gemeinsamkeit verbindet die beiden Weingüter dennoch. In beiden haben - wie in zahlreichen anderen Häusern des Piemonts - Frauen die Fäden in der Hand. Die charmante, gewinnende Gaia Gaja weiß zwar noch ihren berühmten Vater Angelo im Hintergrund, hat sich aber längst zur Außenministerin des wahrscheinlich strahlkräftigsten Weinguts Italiens hinaufgearbeitet. Maria Teresa Mascarello übernahm nach dem Tod ihres Vaters zwangsläufig alle Agenden des kleinen Betriebs, auf dem Weinberg genauso wie im Keller und im Büro. Sie quittiert die Meinungen, dass die Weine seither noch besser, präziser und konsistenter geworden sind, mit Gleichmut - genauso wie die Beobachtung des Phänomens, dass im Piemont plötzlich zahlreiche Frauen namhaften Weingütern vorstehen. Das ist zwar so, sagt Maria Teresa, aber nicht weiter bemerkenswert. Damit erweist sie sich, wie zahlreiche Kolleginnen auch, als unbeeindruckt von geschlechterspezifischen Betrachtungen. Wein ist Wein. Guter Wein ist guter Wein. Das muss genügen.

Es mag ein Zufall sein, dass in vielen Kellereien die berühmten Väter zugunsten ihrer Töchter ins zweite Glied zurücktreten. Vielleicht wären manche Patriarchen vor ein, zwei Generationen noch verzweifelt gewesen, dass sie ihre Betriebe nicht dem Stammhalter überschreiben können. Doch für Patriarchen alter Schule ist auf dem heutigen Weinmarkt ohnehin kaum mehr Platz . Zu komplex sind die Anforderungen an Vertrieb und Marketing, zuviel Weltläufigkeit wird von den Produzenten erwartet, die mit ihrem Wein eine rare Ware herstellen. Die Frauen, die heute an der Spitze der Betriebe ihrer Väter stehen, sind diesen Anforderungen perfekt gewachsen. Sie sind gut ausgebildet, weit gereist, sprachlich wendig und betriebswirtschaftlich versiert. Sie ergänzen die Qualitäten ihrer Väter - und arbeiten mit ihnen gemeinsam an der immer besseren Vermarktung der piemontesischen Weine.

 

Das Piemont ist ein berühmtes, aber nicht einfaches Weinbaugebiet. Die wichtigste Traube neben Dolcetto und Barbera, aus denen einfachere Weine hergestellt werden, ist Nebbiolo. Aus Nebbiolotrauben entstehen, je nach Lage des jeweiligen Weinbergs, die Weine, die als Barolo oder Barbaresco in den Handel kommen. Die Fläche ist strikt begrenzt. Im Barolo-Gebiet um die Orte Barolo, Monforte d'Alba, La Morra, Serralunga d'Alba und Verduno, gibt es etwa 1200 Hektar Weinberge. Das Barbaresco-Gebiet rund um Barbaresco, Neive und Treiso ist noch etwas kleiner.

Nebbiolo ist kein zugänglicher Wein. Junge Nebbiolo-Weine präsentieren sich oft verschlossen und schwierig. Sie brauchen Zeit, um ihre vielfältigen Aromen und die elegante Struktur entfalten zu können und die heftigen Bitterstoffe einzubinden. Barolo wird daher mindestens zwei Jahre im Fass und ein weiteres Jahr in der Flasche gereift, bis er auf den Markt kommt, zuweilen noch länger. Bei Barbaresco dauert die durchschnittliche Reifung nur um ein Jahr kürzer.

Die Komplexität des piemontesischen Weins stand seiner wirtschaftlichen Karriere lange im Weg. Ende der achtziger Jahre gab es gerade einmal zwölf Erzeuger, die zusammen etwa 100.000 Flaschen füllten. Als der Weinguru Robert Parker die Region entdeckte und einige Barolos aus dem Jahr 1990 mit Höchstnoten bewertete, erlebte die Weinproduktion einen sagenhaften Aufbruch. Die Produktion verzehnfachte sich. Der Siegeszug der „Barolo-Boys" begann.

Es war eine Generation von tatkräftigen Männern, die wussten, wie sie die neue Aufmerksamkeit zu nützen hatten. Sie modernisierten die Produktion, arbeiteten statt mit den traditionellen großen Holzfässern mit kleinen Barriques, die dem Wein eine andere Geschmeidigkeit verpassten und ihn zugänglicher machten. Namen wie Domenico Clerico, Elio Altare, Paolo Scavino und Luciano Sandrone wurden geläufig und Chiffren für die neue, coole Generation an Barolowinzern. Die kleinen Weingüter der neunziger Jahre haben sich inzwischen in ansehnliche Chateaus (Sandrone) oder regelrechte Flughafenterminals, in denen Wein produziert und verkauft wird (Clerico) verwandelt.

Vielleicht ist es also doch ein Spezifikum, dass die einzige Frau, die Hand in Hand mit den Barolo-Boys den Triumphzug des modernen Barolo-Weins absolvierte, an der überschaubaren Größe ihrer Produktion festgehalten hat, obwohl die Zeichen eindeutig auf Expansion standen. Aber Chiara Boschis, die selbst aus der Weinbauerndynastie Borgogno stammt, beschied sich mit ihrer Größe als - „nein", sagt sie, „nicht Garagenwein-Produzentin. Ich nenne mein Weingut lieber: Boutiqueweingut."

Boschis produziert gerade 25.000 Flaschen. Seit ihrem ersten Jahrgang, den sie 1990 abfüllte, werden ihre Weine mit Höchstnoten bedacht. Boschis investierte in ihre Weinberge. Sie stellte auf biodynamische Produktion um und ist gegenwärtig damit beschäftigt, Schritt für Schritt zu einer traditionelleren Vorgangsweise im Keller zurückzukehren. Die Zeiten, als der starke Einsatz von Barriquefässern für den Erfolg entscheidend waren, sind vorbei. Ein gewisser Neotraditionalismus lässt sich nicht mehr verleugnen.

Die Preise der Barolo-Weine sind hoch. Der aufwändige Produktionszirkel lässt da wenig Spielraum. Bei vielen Winzern, die ihren Stil gefunden haben und Weine machen, die sowohl ihrem Geschmack als auch der Region Rechnung tragen, steigen nun die Töchter ins Unternehmen ein. „Smarte Girls", sagt Chiara Boschis, „die ein hübsches Bild der Weingüter abgeben." Bruna Giacosa bei Bruno Giacosa. Roberta Ceretto bei Ceretto. Barbara Sandrone bei Luciano Sandrone. Daniela Rocca bei Albino Rocca. Marta Rinaldi bei Rinaldi. Sara Vezza bei Josetta Saffirio. Silvia Altare bei Elio Altare. Und zahlreiche andere.

Die smarten Barolo-Girls übernehmen nun also die Aufgaben, ohne die in der globalisierten Weinwelt kein Erzeuger mehr auskommt: Präsentation, Anwesenheit auf internationalen Messen und Veranstaltungen, Verhandlungen mit Händlern und Sommeliers. Ohne blendende Rhetorik und bestechende Präsenz geht gar nichts mehr, wenn auf dem Markt die angestrebten Preise - erstklassige Barolos und Barbarescos kosten zwischen dreißig und dreihundert Euro pro Flasche - erzielt werden sollen.

Gaia Gaja jongliert gekonnt mit den Kennzahlen des eigenen Unternehmens, Gründung 1859 als Weinbau mit Trattoria; ständige Modernisierung, seit Angelo 1961 übernahm; ab 1978 alle Weine im Barrique; der nächste Kellerausbau vor der Tür. „Ich koste meine Weine in aller Welt", sagt Gaja, „und bringe das Feedback mit nach Hause." Sie strahlt. Sie kann mit sich und der Welt zufrieden sein.

Maria Teresa Mascarello lächelt. „Wir haben uns für hier entschieden", sagt sie ganz im Sinne ihres Vaters und deutet auf den Boden, auf dem sie steht. „Wir nehmen an der Welt teil. Aber wer unseren Wein trinken möchte, soll an dieser Tür" - sie zeigt auf die Metalltür, die zur Straße führt - „klingeln." An Messen und Großverkostungen nimmt Mascarello nicht teil. „Der Wein ist nicht fertig", sagt sie, „bloß, weil eine Messe vor der Tür steht." Sie macht eine lange Pause. „Ich habe Respekt für die Identität des Weins und die Zeit, die er braucht."

Ihre Bodenhaftung ist so überzeugend wie Gaia Gajas Weltläufigkeit. Zwei Pole, eine Achse. Um sie dreht sich im Piemont die Welt. Schnell oder langsam, je nachdem, wo man steht.

 

 


Food & Beverage

Christian Seilers
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