Am Wald. Heute

Festspielalmanach / Geschichten
Bild: Ein Wiltener Sängerknabe. Bild: Salzburger Festspiele
Über das erstaunliche Stück „Meine Bienen. Eine Schneise" von Händl Klaus und Franui

An einem sonnigen Sommertag, als im osttirolerischen Innervillgraten gerade ein Begräbnis stattfand, entwischte dem Imkersohn Andreas Schett ein Bienenschwarm. Die Bienen, auf die der Bub aufpassen sollte, flogen nicht wie sonst aus ihrem Heimatstock zu einem nahen Zirben- oder Fichtenbaum, sondern machten sich in Richtung Parkplatz davon, wo die angetretene Schützenkompanie gerade dem teuren Verblichenen die letzte Ehre erwies. Es war heiß. Den Schützen, die in ihre Uniformen gezwängt waren, lief der Schweiß übers Gesicht und in die Krägen. 

Bienen sind friedfertige Wesen, solange sie nicht angegriffen oder gestört werden. Gestört fühlen sich die fleißigen, hypersozialen Wesen von Eindringlingen, die ihre Stöcke nach Honig durchsuchen, aber auch von Zeitgenossen, die einen einprägsamen Geruch verströmen. Der Schweiß einer Osttiroler Schützenkompanie fällt in diese Kategorie. 
Der sich nähernde Bienenschwarm, dessen Summen plötzlich deutlich zu vernehmen war, sorgte also bei den Kundigen unter den angetretenen Schützen für Besorgnis, aber nicht für Panik. Ein alter Schütze, selbst Imker, rief dem Schett Andreas zu, er möge schnell nach Hause springen, zwei blecherne Topfdeckel holen und sofort zurückkommen.  
Andreas sprang. Jetzt, sagte der Imker, das Summen der Bienen begann inzwischen bedrohlich zu klingen, schlägst du die beiden Deckel in einem schönen Rhythmus gegeneinander und gehst langsam nach Hause. Die Bienen werden dir folgen.

Der Schett Andreas schlug die beiden Deckel gegeneinander und ging nach Hause, und die Bienen folgten ihm, heim zu ihrem Stock. Die Schützen feuerten Salut, und in das Gedächtnis des Buben prägte sich ein Bild ein, das ihn begleiten sollte, bis es irgendwann als Idee zurückkehrte, als Inspiration für den Musiker, zu dem Andreas Schett inzwischen herangereift war, als Motiv für ein Bühnenstück, ein Drama mit Musik, ein Bild, das nach einem neuen Rahmen verlangte.

In einem Büro im Wiener Heiligenkreuzerhof, der Komponierstube von „Franui", in dem lange Zeit die Werkstatt eines Geigenbauers untergebracht gewesen war, sitzen an einem langen Tisch vier Männer und eine Frau und reden. Zwei von ihnen sind Musiker, einer ist Dichter, einer ist Regisseur, und die einzige Frau übersetzt, was gerade alle wissen müssen, ins Französische, denn der Regisseur Nicolas Liautard stammt aus Marseille und braucht semantische Unterstützung bei der Annäherung an die ersten Fragmente, aus denen gerade das Stück „Meine Bienen. Eine Schneise" entsteht, das der aus Tirol stammende Autor Händl Klaus geschrieben hat, ein geheimnisvolles, verzaubertes Geflecht aus Dialogen und Atmosphäre, zu dem Andreas Schett und Markus Kraler, die beiden Köpfe der Osttiroler Musicbanda Franui, die sich längst ihren eigenen Platz zwischen allen Genres erspielt hat, die Musik komponieren. 
Heute, beim ersten Treffen aller Protagonisten für die letzte Festspielpremiere der Spielzeit 2012, gilt es vor allem die Stimmung zu begreifen, die das Stück verströmen soll, seine Temperatur zu spüren, seine Konturen zu ahnen.

Also erzählt Schett noch einmal die Geschichte vom Innervillgratner Begräbnis und wie er Jahre später im Gymnasium in der griechischen Mythologie auf die Stelle stieß, wo die Erdgöttin Rhea mit zwei Bronzedeckeln vor einem Erdloch sitzt und einen Rhythmus klopft, um den dort wohnenden Bienenvölkern den Weg zu weisen. 

„Das hat", sagt Schett, „mich schier vom Stuhl gehauen". Er erkannte die Linie tradierten Wissens, die das antike Griechenland quer durch die Jahrtausende direkt mit Innervillgraten verband. Retrospektiv benennt Schett diesen Moment als eigentlichen Ursprung des Projekts, ein Stück über Bienen in die Welt zu heben.

Die Musicbanda Franui trägt den Namen einer Alm in der Nähe von Innervillgraten, wo der junge Schett mit ein paar Freunden musizierte und kulturell so vielfältig aktiv wurde, dass sich manch sture Schädel im Tal auf den Schlips getreten fühlten, eines Nachts ging jedenfalls das Kulturzentrum in Flammen auf. Schett verließ darauf zwar Innervillgraten Richtung Innsbruck, nahm aber seine Auffassung von zeitgenössischer Musik mit, die zwischen Volks-, Blas-, Marschmusik und allen Facetten virtuoser, klassischer Repertoirebeherrschung changiert, und die Schett mit seinen Freunden und Kollegen von Franui konsequent verfeinerte und weiterentwickelte. Spielte die Kapelle zuerst noch nächtelang Trauermärsche, fühlte sie sich zusehends in klassische Liedwelten hinein, eignete sich Melodien von Schubert an, um ihnen auf ihre Weise Klang und Fassung zu geben, trat in einen herzenswarmen Dialog zu Brahms ein, trotzte selbst dem opulenten Mahler die Essenz seines Empfindens ab und fand sich, inzwischen längst Dauergast auf den elegantesten Bühnen Österreichs und Deutschlands, vor der Frage, wo nun die nächste Station dieser Reise sein könnte. 

Es war der Moment, als Schett an die Bienen erinnert wurde. Sven-Eric Bechtolf, Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele und Franui durch zahlreiche gemeinsame Auftritte verbunden, schlug dem Franui-Kapo vor, gemeinsam mit dem Autor Händl Klaus etwas für die Festspiele zu machen. Das beförderte eine platonische Freundschaft zwischen Händl und Franui zum Ernstfall, zum Produktionsprozess.

Händl Klaus, Tiroler wie Schett und lange mit ihm bekannt, war längst eine originelle, vielfach preisgekrönte und vor allem musikalische Stimme in der zeitgenössischen, deutschsprachigen Dramatik. Er sprang sofort auf das Bienenthema an. Gemeinsam mit Schett arbeitete er sich ins Thema ein, ließ sich von dessen Begeisterung anstecken, begann zu schreiben - und machte etwas ganz anderes, als irgendwer vielleicht erwartet hätte. Er schrieb die Geschichte eines Waldbrands, der eine Schneise in den Wald geschlagen hat und die Bienenvölker des Imkers zerstörte. Vier Figuren, Kathrin, die Lehrerin, Lukas, ihr Sohn, Peter, der Inspektor und Wim, der Imker, stehen, wie die Regieanweisung lautet, „am Wald. Heute". In der Luft muss, sagt Händl Klaus, sobald der Vorhang sich öffnet, Brandgeruch liegen...

KATHRIN: Du hast den Weg gefunden,
PETER: ich bin dem Gestank gefolgt, der herrscht
KATHRIN: in meinem Wald,
PETER: die hohen Tannen,
KATHRIN: duften,
PETER: bestialisch,
KATHRIN: nach Tieren, die,
PETER: zum Teil, wer weiß,
KATHRIN: verbrannt sind,
PETER: Aas, verwestes Fleisch, hängt
KATHRIN: meinetwegen,
PETER: dem Gestank nach, von den Ästen,
KATHRIN: die doch frische Nadeln tragen,
PETER: tropft es,
KATHRIN: wie,
PETER: das,
KATHRIN: Harz.
PETER: Was ist das,
KATHRIN: für,
PETER: ein Wald,
KATHRIN: mich,
PETER: schützt,
KATHRIN: er,
PETER: dich,
KATHRIN: bedrückt,
PETER: der grässliche Gestank. Es riecht hier streng,
KATHRIN: wenn sich die Hirsche paaren. Danke für dein Kommen, Peter.

händl Klaus situiert sein Stück also in einer Kunstwelt, in einem artifiziellen Raum, der von der dunklen Musikalität der Sprache geprägt wird und von der Endzeitstimmung, die sie heraufbeschwört. Wenn Peter sagt: „Zunächst stinkt es nach Aas, dann kitzelt doch ein Hauch von Brandbeschleuniger mich in der feinen Nase," bricht die Geschichte jedoch in die Post-Endzeit auf, in den tief verborgenen Kriminalfall eines Familiendramas.
Aber soweit sind wir noch nicht.

Das Gespräch, das um den Tisch im Heiligenkreuzerhof kreiselt, scheint wild und funktioniert ohne sichtbare Ordnung. Dabei wird das Thema, das sichtbare, hörbare, spürbare Grundmotiv von „Meine Bienen", aus allen Richtungen präzisiert. 

Der Regisseur hat eine erste formale Idee einer Bühnenbegrenzung: eine zentrale, gläserne Mauer wird die Bühne hermetisch abdichten. In ihren Farben und Spiegelungen können sich die Spannungszustände des Stücks spiegeln. Die gläserne Mauer fungiert als Wahrnehmungsgrenze, vielleicht sogar als Grenze zwischen Ober- und Unterwelt, zwischen der ausgedachten wirklichen und der ausgedachten ausgedachten Welt.
Händl Klaus hört aufmerksam zu. Er ist begeistert über die vielfältigen Assoziationen zu seinem Text. Er liest aus seinem Libretto vor, fällt kopfüber in den Rhythmus der eigenen Sprache. Die Übersetzerin zischt Nicolas Liautard, dem Mann aus Marseille, Orientierungshilfen ins Ohr. Musiker und Regisseur nehmen Händls Leserhythmus auf, quittieren ihn mit leisen, natürlichen Bewegungen, als würde im Hintergrund irgendwo ein unwiderstehlicher Bluessong gespielt werden.

Händl Klaus spricht über die Schauspieler, die er beim Schreiben vor Augen hatte - Brigitte Hobmeier, Stefan Kurt und André Jung - die „von mir so sehr geliebt" sind, dass er zwischen überbordenden Glücksgefühlen und einer „rasenden Angst", der Qualität der Schauspieler nicht gerecht zu werden, während des Schreibens auf eine emotionale Achterbahnfahrt ging. Dann aber spürte er, wie er sagt, beflügelnd „die Temperatur der Figuren", und er hatte das wesentliche erste Motiv vor Augen: die Asche, die der Waldbrand hinterlassen hat, dieser Waldbrand, der eine Schneise in den Wald schlug und die Bienenvölker zerstörte und in dessen Resten die Figuren nun einander gegenüberstehen und versuchen zu fassen, in welchen Gestank sie da geraten sind.

„Es ist richtig zu riechen", sagt Händl Klaus eindringlich. „Ein organischer Zustand. Ein körperliches Empfinden."

Andreas Schett und Markus Kraler haben am Computer bereits musikalische Fragmente zum Text notiert, aber bevor sie das Programm starten, will Andreas Schett noch etwas von Alban Berg erzählen. In der Folge großer Komponisten, deren Stoffe Franui respektvoll, aber gründlich nacherleben, folgt Berg ziemlich zwangsläufig auf Schubert, Brahms und Mahler, jene drei Giganten, denen Franui in den vergangenen Jahren eigene Liederzyklen gewidmet haben (Schuberlieder/Brahms Volkslieder/Mahlerlieder). In diesen Produktionen haben Franui ihre Identität eindrucksvoll gefunden: klug und virtuos auf der einen, derb und ausgelassen auf der anderen, aufs Genauste jedoch auf der Spur der Essenz der jeweiligen Musik, um deren Motive im neuen Kontext, im Kleid einer zeitgenössischen Edelblasmusik, wiederauferstehen zu lassen. 
Der reife Alban Berg entspricht mit seiner komplizierten, kopflastigen Musik nicht unbedingt dem Beuteschema der Musicbanda Franui, aber Andreas Schett und Markus Kraler sind versiert genug, um sich der weitgehend unbekannten „Jugendlieder" Bergs versichert zu haben. Eines davon, „Über den Bergen", pflückt Schett jetzt aus seiner iTunes-Bibliothek und lässt es laut aus den Boxen der Anlage strömen, die, wie man das in einer Komponierstube erwarten darf, den Arbeitstisch dominiert.
Hinreißende Musik. Hohe Romantik mit der Tendenz, aus den Fugen zu platzen. Bergs Lehrer Arnold Schönberg hat die seufzenden, aber zweifellos großartigen Kompositionen als Jugendsünden abgetan. 

Franui sind anderer Meinung, und die Stimmung, die sich rund um den Tisch im Komponierstübchen aufbaut, gibt ihnen recht. Dramatische Kunst. Große Gefühle. Sechs der Jugendlieder Alban Bergs werden ins Zentrum der Musik zu „Meine Bienen" rücken. „Genau, was wir gesucht haben", sagt Schett. Bergs Lieder werden in die Bienenmusik einsickern, zitiert werden, ausstrahlen, für Momente der machtvollen Klarheit sorgen, wenn in der Schneise des Waldes die Gefühle und die Gedanken zu flirren, zu vibrieren begonnen haben, sehnsuchtsvoll und furchtsam auf der Suche nach dem, was hinter den Worten verborgen ist, in den Farben der Bühne und der Musik aber schon geahnt werden kann.

Franui spielen jetzt ihre Skizzen vor. Man muss die Band kennen, um die noch immer etwas notdürftigen Samples des Kompositionsprogramms „Sibelius" so hören zu können, wie sie später zur Aufführung kommen, klangvoll, differenziert und zutiefst menschlich, das schiere Gegenteil von Maschinenmusik.

Zu den Motiven aus Bergs Jugendliedern haben Schett und Kraler, die seit fast 20 Jahren gemeinsam komponieren - „der eine malt die Striche und der andere die Kugeln", flachst Schett - sich noch ein zweites, machtvolles Thema ausgedacht. Sie übersetzen das aus Händls Text herausdestilliertes Grundmotiv „Asche" ganz linear in Musik, in die Noten A-Es-C-H-E oder auch As-C-H-E. Asche. Diese Tonfolge taucht während des gesamten Musiktheaters immer wieder an den verschiedensten Stellen der Partitur auf. 

Berg. Asche. Franui.

Der Rhythmus der Sprache des Händl Klaus, notiert zu packenden Läufen durch alle Stimmen.
Das entspannte Warten des Nicolas Liautard.

Liautard ist in dieser Produktion von ost- und nordtirolerischen Kreativen, der Störer, oder, wenn man will, die ordnende Hand aus dem Süden. Er studierte Theaterwissenschaften in Aix-en-Provence und Nanterre und verdingte sich in allerhand Berufen, bloß, um Theater spielen zu können. 2004 gründete er seine eigene Schauspieltruppe. Seit 2006 ist er auch Intendant des Theaters Nogent-sur-Marne. Liautards Produktion Blanche Neige erweckte das Interesse von Sven-Eric Bechtolf, dem Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, der in dem französischen Autodidakten ein kontrakulturelles Gegengewicht zu den Eigenwilligkeiten des prononcierten Autors Händl Klaus und den Sounds von Franui erkannte.

Nicolas Liautard lächelt und macht Notizen. Er lässt den Rhythmus des Stücks in sich einsickern, fühlt seine Temperatur. Er hat eine Vorstellung davon, wie die Grundannahme, das erste Bild, aussehen könnte, er hat die Idee der Mauer aus Glas mitgebracht und mit seinem Bühnenbildner Giulio Lichtner bereits eine Textur jener Asche entwickelt, in der die Schauspieler waten werden. Aber er hat nicht nur Ideen, er hat auch Geduld. Er wartet darauf, dass sich Text und Musik organisch zu verbinden beginnen, er beschränkt sich auf Andeutungen dessen, was er während der Probenzeit im Sommer in Salzburg vor hat. Zuerst braucht er das Stück, die Musik, den großen Bogen, den Unterbau. Dann kann er mit der Fertigung der glänzenden Oberfläche beginnen.

Händl Klaus fasst die Handlung des Stücks so zusammen: „Vaterlos sind die Bienen: Königin und Arbeiterinnen bilden ihren sammelwütigen Staat, ein großes Matriarchat. - Allein mit der Mutter lebt Lukas im Wald. Sein Vater ist ihm unbekannt; das Kind ist zwar im Weitsprung begabt, aber die Sprünge gehen ins Leere: Hartnäckig schweigt seine Mutter auf Fragen nach dem Unbekannten, der sich längst in Lukas zeigt - im gewaltbereiten Kind, das da nach Mutters Plan von der Natur erzogen wird. Dieses Kind, in Phantomschmerz gehalten, muss sich wehren, und also greift ,die Natur': Asche stiebt auf, als Lukas daherspringt. Hier hat es schrecklich gebrannt; weiß und wüst liegt der riesige Tatort - die verhasste Natur ist getroffen. Vierzehn Bienenstöcke standen am Waldrand; jetzt, von unbekannter Hand zerstört, glosende Stümpfe, rufen sie mit Peter einen gründlichen Inspektor, in Lukas' Augen den möglichen Vater, auf den - heimlich geschmiedeten? - Plan: einen Ermittler - der Mutter verbunden? - in eigener Sache? Als auch Wim, der Wanderimker, ,noch so ein Vater', gewesener Häftling, erscheint, setzt die große, von allen ersehnte Suchbewegung ein. Alle sind dabei verdächtig: mögliche Täter, wie sie sammeln und reden. Aus ihren Spuren, die weit zurück reichen, und den Schlüssen, die sie ziehen, entsteht ein zitterndes Bild, von Bienen erwidert - die sie umkreisen."

Zwei Monate später kann Andreas Schett befreit lachen. Die Musik ist fertig, mehr oder weniger, das Musiktheater hat Gestalt angenommen. Zwei Wiltener Sängerknaben, die abwechselnd die Hauptfigur des Lukas verkörpern werden, haben ihre Partie bereits einstudiert und verblüffen alle, die sie schon gehört haben, mit klaren, unzweifelhaften Stimmen, die für die hellsten Momente des Abends sorgen müssen, wenn sie aus den Dialogen, aus den gefriergeschockten Momentaufnahmen, aus dem „zitternden Bild", wie Händl Klaus sagt, herauswachsen und das Stück immer wieder zum Glänzen, zum Klingen bringen.

A-S-C-H-E. Schett führt zu den Stellen der Partitur, wo seine Motive versteckt sind. Er dechiffriert das eine oder andere Zittern in der Partitur, das er mit traditionellen afrikanischen Rhythmen dort hinterlassen hat, und holt das Instrument aus der Asservatenkammer, mit dem er das Singen der Bienenkönigin imitiert, eine mexikanische Cuica, mit der er ein klagendes, animalisches Geräusch erzeugt, weit weg von Kunstmusik und Sprachexperimenten, ein Klagen, ein Locken, ein Schmerz.

„Genau zuhören", sagt er, und weist mit einem listigen Lächeln darauf hin, dass sich aus einer bitonalen Spannungskonstruktion in der Partitur plötzlich ein Motiv entwickelt, das jedes Kind nachsingen kann, Ha-ri-bo-macht-Kin-der-froh, einfach wie ein Auszählreim, abgeleitet aus natürlichen Spottgesängen von Kindern, weshalb Franui sich plötzlich auf diesem klebrigen Terrain wiederfanden - und dort einmal mehr ein Leuchten im Gesicht von Nicolas Liautard erzeugten, der selbst einmal in einer Haribo-Fabrik als Temperaturwächter gearbeitet hatte und noch heute ungeteiltes Fachwissen über die Textur von Gummibärchen besitzt.

Das Stück „Meine Bienen.Eine Schneise" mäandert durch die unterschiedlichsten Gefühlsfelder. Es ist dramatisch, dunkel. Es hat Humor und erzeugt Licht. Es ist in jeder Weise virtuos und originell. Es führt tief in die Vergangenheit seiner Urheber und scheppert laut, ein Geräusch, das die Aufmerksamkeit eines ganzen Bienenschwarms auf sich lenken könnte.
Ein blecherner Klang, wie von einem Topfdeckel, ertönt also in der Skizze der Musik, die aus dem Computer strömt, und wiederholt sich, nimmt Fahrt auf, der Rhythmus, den die Erdgöttin Rhea anschlägt, der Rhythmus, mit dem Franui in der Schneise die Bienen anlocken.
Sie hören das Locken. Sie sind auf dem Weg.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

Folgen auf ...


Suche