Alte Reben, neuer Wein

Adac Reisemagazin / Geschichten
Im Burgenland findet eine Geschmacksrevolution statt: eine neue Generation von Winzern peilt mit puren Blaufränkisch-Weinen die Weltklasse an

enn Roland Velich eine Zeile alter Rebstöcke sieht, nimmt er Witterung auf. Ein schneller Blick, und er verortet die Himmelsrichtungen und prüft die Neigung des Hanges, verschafft sich einen Eindruck, wie der Boden beschaffen sein könnte, und wenn der Hang kräftig geneigt ist und der Boden mit Kalk, Gneis oder Schiefer versetzt, sagt er wahrscheinlich: „Interessant."
Die meisten Weinbauern finden alte Reben nicht interessant. Die knotigen, dicken Stämme, zehn, fünfzehn Zentimeter im Durchmesser, sind keine einfachen Lieferanten von Weintrauben. Sie tragen deutlich weniger Trauben als junge Stöcke, die Beeren sind kleiner und verrieselt. Ist ein Stock einmal dreißig, vierzig Jahre alt, wird er oft aus dem Boden gerissen und durch neue Stöcke ersetzt, deren Ertrag doppelt oder dreimal so hoch ist.
Für Velich ist es eine kulturelle Katastrophe, wenn ein alter Weingarten gerodet wird. Als würde man die handbemalten Butzenfenster einer Kapelle gegen Schallschutzfenster aus Plastik ersetzen.

„Erst die alte Rebe", sagt Velich, „produziert Trauben, die die ganze Geschichte ihrer Herkunft erzählen." In gewählten Worten und metaphernreich erklärt er, dass jeder Weinstock dann das meiste Aroma in seine Trauben transportiert, wenn diese unter Druck stehen. Wenn es nachts kalt und tagsüber heiß ist, wenn die Witterung die Stöcke herausfordert, wenn die Stöcke nicht mehr die jugendliche Elastizität haben, um ihre Trauben versorgen, sondern die Wurzeln tief ins Erdreich schicken müssen, um ausreichend Wasser und Mineralstoffe nach oben zu pumpen.
„Dann", sagt Velich, „wird der Wein spannend."

Es ist zehn Jahre her, dass Velich, Spross einer Weinbauernfamilie aus Apetlon, Matura in Eisenstadt, Studium in Wien, ein paar Jahre als Croupier in österreichischen Casinos, sein eigenes Weingut „Moric" gegründet hat, um Wein einer neuen Stilistik zu machen. Dieser Entscheidung lag eine verwegene Annahme zugrunde. Velich, der die Eleganz und Würzigkeit der Weine aus dem Burgund bewunderte, stellte sich selbst die Frage, ob die burgenländische Rebsorte Blaufränkisch nicht Weine von ähnlicher Brillanz hervorbringen könne. Schließlich seien einige klimatische und geologische Voraussetzungen ähnlich, außerdem habe er bei manchen alten Blaufränkisch-Weinen Aromen entdeckt, die an Weine von der Rhône oder aus dem Barolo erinnerten.

Dass er diese Frage schließlich mit Ja beantwortete, brauchte eine gehörige Portion Mut, denn bis dahin war der burgenländische Blaufränkisch eine eher vernachlässigte Sorte gewesen, die im Schatten des runderen, süßeren Zweigelt stand und in vielen Betrieben zu Cuvées und einfachen Weinen verschnitten wurde. Der Geschmack des Weinpublikums konzentrierte sich damals auf kräftige Cuvées aus Cabernet Sauvignon, Zweigelt und Blaufränkisch, die im neuen Holzfass ausgebaut wurden und vor allem süß waren und nach Eiche schmeckten - sie galten gemeinhin als die neuen „Superburgenländer", in Anlehnung an die ebenso wuchtigen wie opulenten „Supertuscans". Velichs Entscheidung, sein Weingut „Moric" ausschließlich auf Blaufränkisch-Trauben zu konzentrieren und diese im Keller nicht einem vorgegebenem Geschmack hinterherzudesignen, sondern in großen, traditionellen Holzufässern sich selbst zu überlassen, um herauszufinden, was für ein Wein dabei herauskommt, war, sagen wir, unkonventionell - gegen die reißende Strömung des Zeitgeists.

Da Velich keine eigenen Weingärten besaß, reiste er durch das Mittelburgenland, durch die fantastischen Hügellandschaften von Neckenmarkt und Lutzmannsburg, Ausläufern des Ödenburger Gebirges, und recherchierte, wo es möglichst alte Weingärten zu pachten gab. Die Suche verlief erfolgreich, nicht zuletzt, weil die Eigentümer dieser Gärten ohnehin nichts damit anzufangen wussten. Velich kelterte den ersten Jahrgang seiner Moric-Weine, installierte seinen Keller im Rohbau eines Freundes - und wartete. Er wartete länger als ein Jahr auf seinen ersten Jahrgang. Als Velichs Blaufränkisch 01 in Flaschen abgefüllt war, war er „besser, als ich es mir jemals erhofft hatte" und bestätigte die mutige Theorie des Winzers in der Praxis. Bei der österreichischen Weinkritik erntete der Wein Kopfschütteln.

Er war - so anders. Dünn, weniger Alkohol, kein neuer Superburgenländer. Der Wein passte überhaupt nicht ins gängige Muster österreichischer Rotweine mit ihrer Opulenz, Kraft und Süße. Velichs Blaufränkisch verlangte Hingabe, Zeit und Verständnis. Er protzte nicht mit Muskeln, sondern mit Raffinesse und Eleganz - mit Geist. Waren die Superburgenländer zugänglich wie Schlager aus dem Privatradio, kam Velichs „Moric" wie ein Streichquartett daher, das leise Haydns B-Dur-Quartett interpretiert.

Blaufränkisch, in Deutschland „Lemberger" oder „Blauer Limberger", in Italien „Franconia", in Ungarn „Kékfrankos", ist nach dem Zweigelt die am meisten verbreitete Rotweinsorte in Österreich. Mehr als 90 Prozent der Anbauflächen befinden sich im Burgenland. Das Mittelburgenland trägt als Zentrum des Anbaus den Namen „Blaufränkischland".
Österreich galt die längste Zeit als Weißweinland. Grüner Veltliner und Riesling aus Wachau, Kamptal oder Weinviertel, Süßweine aus dem Burgenland machten nicht nur national, sondern auch international Karriere. Österreichischer Wein, der sich, nachdem im Jahr 1985 der „Weinskandal" durch Glykol-verunreinigte Süßweine aufgeflogen war, neu erfinden musste, stieg nach einer radikalen Strukturreform schnell in die erweiterte Weltklasse auf. 

Rotwein aus Österreich machte dieses Weinwunder nicht mit. Vor allem aus dem Burgenland kamen Weine, die nach dem Muster gefälliger Vorbilder entstanden, Cuvées aus Cabernet Sauvignon, Zweigelt und Blaufränkisch (in jeder Kombination), die im Eichenfass stark getoastet und im Keller auf Geschmeidigkeit getrimmt wurden und beim Publikum großen Anklang fanden. Die Weine waren erfolgreich, erzielten hohe Preise, aber eines waren sie mit Sicherheit nicht: Abbilder der Region, aus der sie kamen. Viele „Superburgenländer" hätten genauso gut aus Chile oder aus Australien stammen können, niemand hätte den Unterschied gemerkt. Es gab kaum Erzeuger, die Interesse daran zeigten, einer „burgenländische Stilistik" zu folgen - es gab keine burgenländische Stilistik. Es gab nur globalisierungsinspirierten Rotwein.

Die Rebsorte „Blaufränkisch" treibt früh aus und reift langsam. Wer Geduld hat und, je nach Witterung, erst spät im September oder im Oktober mit der Lese beginnt, bekommt dafür Trauben von intensivem Aroma und dunkler, enigmatischer Farbe. Stammen die Trauben von alten Rebstöcken, ist das Ergebnis noch einmal ausgeprägter. Allein das Kosten einer Traube - unter den ängstlichen Blicken des Winzers, ob man auch nicht zwei nimmt - gibt einen Ausblick darauf, wie facettenreich der Wein eines Tages sein könnte. Wenn man ihn lässt.

„Der wichtigste Bestandteil des Weins ist Zeit", sagt Uwe Schiefer, ein jungenhafter Winzer aus dem Süden des Burgenlands. Seine Weingärten liegen auf dem Eisenberg, einer spektakulären Landschaft in der Nähe von Oberwart. Die bekanntesten Rieden heißen Szapary und Reihburg. Sie sind bekannt, weil Schiefer Weine macht, deren Herkunftsbezeichnungen Szapary und Reihburg zu Chiffren für außergewöhnliche Qualität geworden sind.

Aber auch diese Geschichte brauchte zahlreiche Umwege, um sich zutragen zu können. 
Schiefer - seinen ortsunüblichen Vornamen verdankt er der Tatsache, dass sein Vater ein Fan von Uwe Seeler war - begann 1994 als 26jähriger, eigenen Wein zu keltern. Vorher absolvierte er die Hotelfachschule und arbeitete im Tourismus, dann heuerte er beim „Steirereck", Wiens bestem Restaurant, an und begann sich dort auf hohem Niveau für das Thema Wein zu interessieren. Schiefer absolvierte die Weinakademie und offenbarte erstaunliche Talente als Verkoster. Das Geld, das er verdiente, steckte er in die Anschaffung großer Weine, neues Anschauungsmaterial, und sein Talent, Herkunft und Jahrgänge aus dem Geruch, der Farbe, der Struktur, dem Geschmack eines Weines abzulesen, gab ihm allmählich auch eine Vorstellung davon, wie ein großer Wein aus dem Burgenland schmecken könnte.

Schiefer begann in den Betrieben von Freunden auszuhelfen, dem Mysterium eines großen Weins auf den Grund zu gehen - in den Weingärten, am Ursprung. Er tauschte seine Arbeitskraft gegen die Möglichkeit, selbst ein Fass Wein zu produzieren. Dass er zum Einstand den schlechtesten Sommer der letzten 20 Jahre erwischte (1994), beförderte nur die Entscheidung, selbst einen Weingarten mit Blaufränkisch-Reben zu pachten. 1995 entstand der erste „Szapary", der durchaus Anerkennung erntete, aber Schiefer vor eine Zerreißprobe stellte. Sein Geld verdiente er in Wien, der Weingarten befand sich im Südburgenland, Fahrzeit mindestens eineinhalb Stunden. Oft fuhr er nachts nach der Arbeit ins Burgenland, stand um fünf Uhr früh im Weinberg und war um zehn wieder in Wien. 1997 ging er ins Burgenland zurück, übernahm das Wirtshaus seines Vaters, seit 2001 macht er nur noch Wein.

Uwe Schiefers Weine sind von einer berückenden Klarheit, und das gilt für den einfachsten Blaufränkisch „Eisenberg" genauso wie für den kostbaren „Reihburg". Blaufränkisch, unverkennbar, von eleganter Statur, würzigen, köstlichen Fruchtaromen und einer großartigen Balance von Säure, Tannin und Alkohol. Geschmeidig, samtig, mit dem Quäntchen Magie und Rätselhaftigkeit, das große Weine genauso versprühen wie ein Gedicht oder ein Song, der dich berührt und du weißt nicht wieso.

Es ist kein Zufall, dass eine neue Sichtweise auf den burgenländischen Rotwein von Winzern geprägt wurde, die intellektuell, mit dem Weltklasse-Maßstab in der Hand, an das Weinmachen herangingen. Sie waren Pioniere eines qualifizierten Selbstvertrauens, der Gewissheit, dass große Weine nicht immer von anderswo kommen mussten, wenn man richtig an die Sache heranging: mit Bildung, Herzblut und technischer Kompromisslosigkeit: keine Schönung des Weins, keine Nachbesserung im Keller - „wenn die Traube vom Stock abgeschnitten wird, ist der Wein definiert", sagt Uwe Schiefer apodiktisch.

Wenn inzwischen von einem österreichischen Rotweinwunder gesprochen wird, fallen schnell zehn Jahre unter den Tisch, die für alle Exponenten des puren burgenländischen Rotweins alles andere als einfach waren. Das Wunder begründet sich auf Bewertungen der wichtigsten Weinkritiker der Welt, die den Weinen von Moric und Schiefer mit unerhörten Bewertungen (bis zu 97 von 100 Punkten, Parker's Wine Advocate) Weltklasse bescheinigt, so dass auch die heimische Branche, die lange genug skeptisch geblieben war, nachziehen musste und inzwischen unisono in den Applaus einstimmt.

Zuerst fanden Velich, Schiefer und bald darauf einige andere Winzer Unterstützung außerhalb des Burgenlands, oft auch außerhalb Österreichs. Einzelne Weinhändler, Sommeliers und Journalisten aus London, Vorarlberg, Kopenhagen reagierten enthusiastisch, und die Anerkennung begann zu sickern. Junge Winzerkollegen ließen sich inspirieren, gestandene, große Weingüter begannen ihre Philosophie zu überdenken (siehe Serviceteil). Ein Land beginnt, wenn es ins Glas schaut, sich selbst zu erkennen.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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